Erste Online-Zeitung für Plettenberg und den Märkischen Kreis - 27.04.2013

Spaziergang durch 300 Jahre Baugeschichte
Besichtigung des Spieker unter fachkundiger Leitung brachte Erstaunliches zutage


Mehr als 50 interessierte Bürger, darunter Bürgermeister Uwe Schmalenbach und zahlreiche Ratsmitglieder, ließen sich heute - wie erhofft - ausgesprochen fachkundig vom Experten Wilfried Knepper aus Dortmund, Fachrestaurator für Fachwerk, die bisher durchgeführten Arbeiten am Spieker erläutern. Foto: Horst Hassel

Horst Hassel


Herscheid. "Was hier gemacht werden musste, dass kann nicht jeder Handwerker um die Ecke!" Das sagte heute Wilfried Knepper (Foto re.), Fachrestaurator für Fachwerk, bei der Besichtigung des Spieker. Der zählt zu den meistfotografierten Gebäuden der Ebbegemeinde, so Bürgermeister Uwe Schmalenbach bei der Ortsbesichtigung, zu der der Geschichts- und Heimatverein eingeladen hatten.

Mehr als 50 Bürger waren trotz Temperaturen deutlich unter 10 Grad gekommen - und brauchten das nicht bereuen, denn sie bekamen einen kostenlosen Nachhilfeunterricht in Bauphysik, Statik und Materialkunde am Beispiel eines über 200 bzw. 300 Jahre alten Fachwerkhauses. Uwe Schmalenbach sagte voraus, dass man sich an das Jahr 2013 als das Jahr erinnern wird, in dem man den Spieker "nur jetzt und so" erleben konnte, denn ohne Putz kann man derzeit die Eichenbalken und die Lehmziegel in ihren Naturfarben sehen. Das gewohnte sauerländische Schwarz der Balken und das Weiß der Gefache wird erst im nächsten Jahr zurückkehren.

Im Jahre 2005 hatte die Gemeinde, obwohl nicht gut bei Kasse, den Spieker mit der Genehmigung der Aufsichtsbehörde erworben. "Es ist eines der ältesten und schönsten Gebäude in der Gemeinde", stellte der Bürgermeister fest. Seither wurden ein Trauzimmer und die Bücherei sowie durch den Geschichtsverein ein Heimatmuseum in dem ehemaligen Speicher eingerichtet. Als 2011/12 die Schäden am Ständerwerk (Fachwerk) nicht mehr zu übersehen waren, wurde durch die Gemeinde ein Gutachter (Bauhütte Knepper) beauftragt, die Kosten für eine umfassende Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes zu ermitteln. Am 31.10.2011 wurde der Gemeinde das Gutachten übergeben, im Dezember 2012 konnte der Auftrag vergeben werden, wobei mehr als die Hälfte der Kosten vom Land getragen werden.

Wilfried Knepper von der Bauhütte Knepper: "Am 5. März war hier offizieller Baubeginn. Da haben wir das Gerüst aufgestellt", so Knepper. Ein ganz besonderes Dankeschön sagt er nicht nur dem Heimatverein für die ständige Unterstützung, sondern ein dickes Lob bekam Friederike Tenschert (Gemeindeverwaltung). Bei den ständig auftretenden Problemen und Fragestellungen, die bei der Sanierung eines so alten Gebäudes obligatorisch sind, sei Friederike Tenschert immer Ansprechpartner gewesen, habe Hindernisse aus dem Weg geräumt und Lösungen angeboten.

Was heute erst öffentlich wurde: Die Gefache im Ständerwerk waren so marode, dass jederzeit die Gefahr bestand, dass sie herausbrechen. Ursache waren die verwendeten Materialien Bimsstein und zement sowie Heraklitplatten mit Styropor. "So etwas hat in den Gefachen nichts zu suchen!" wetterte Wilfried Knepper. Lehm wirke auf das Holz konservierend, deshalb wurden die Gefache mit Lehmziegeln ausgemauert, verbunden durch selbst angerührten "Kleber" aus Lehm und Stroh. Ersetzt werden mussten zahllose Eichenbalken, was in den Originalmaßen geschah. Die maroden Balken waren von Braun- und Weißfäulenpilz befallen. Abgelagerte, fünf Jahre alte Eiche mit einer Restfeuchte von 16 bis 18 Prozent wurde dafür aus Soest angeliefert.


Bei der letzten Sanierung des Spieker sind eine Menge Fehler gemacht worden, berichtete Wilfried Knepper (re.). Falsche Materialien (Zement, Bimssteine, Styropor etc.) haben den Holzbalken zugesetzt. Die benutzte Farbe war nicht diffusionsfähig (wasserdampfdurchlässig), das Holz wurde nass und faulte. Foto: Horst Hassel

Statisch habe die Ausfachung aus Lehmziegeln keine Bedeutung, so Knepper. Das Fachwerk, ordentlich verzapft durch Holznägel, sorgt für sich allein für ein stabiles Gebäude. Die Holznägel schauen ein paar Zentimeter aus dem Fachwerk heraus. Das ist Absicht, denn beim Nachtrocknen des Holzes kann man die Nägel noch einmal tiefer einschlagen und so für beste Statik sorgen.

Und dann lernten die Zuhörer noch einiges hinzu: Die Eichenbalken haben deshalb eine schwarze Färbung, weil die Altvorderen sie vor dem Einbau einmal über eine offene Feuerstelle schwenkten. Oft seien die Balken auch rot gewesen (Lohmühle in Plettenberg). Dann habe man Ochsenblut zum Streichen genommen. In jedem Fall wurden natürliche Baustoffe verwendet. Die Spieker-Balken werden noch dunkel lasiert. Notwendig wäre das nicht, da die Gerbsäure im Eichenholz diese auch ohne Anstrich 300 und 400 Jahre alt werden lässt. Aber die Balken sollen wieder schwarz werden. Das Weiß der Gefache kommt vom Kalkputz. Für den hat Wilfried Knepper zweieinhalb Zentimeter Platz gelassen. Der Kalk dafür wird demnächst noch wie früher im großen Bottich gelöscht. Das Gerüst wird in einer Woche abgebaut. Erst im nächsten Jahr wird der Spieker sein gewohntes schwarz-weiß zurückbekommen.


Auch die von der Kirche abgewandte Seite des Spieker ist saniert worden. Wilfried Knepper machte auf die neu eingesetzten Eichenbalken sowie ehemals vorhandene Fenster aufmerksam. Foto: Horst Hassel