Erste Online-Zeitung für Plettenberg und den Märkischen Kreis - 19.04.2015

Wiedersehen mit Bernhard Schulte und Dr. Wilmes
Kurt Heilbronn kam als amerikanischer Militärpilot im Sommer 1945 in seine Heimatstadt


Seine Schulzeit verbrachte Kurt Heilbronn unter Lehrer Bernhard Schulte in der katholischen Volksschule in Eiringhausen, der Jüttenschule. Fotos: Archiv Horst Hassel

Plettenberg. (HH) Als Kurt Heilbronn am 28. September 2000 im Alter von fast 90 Jahren in Philadelphia/USA starb, hatte er ein turbulentes Leben hinter sich. Am 28.12.1910 in Eiringhausen geboren, verlebte er eine fröhliche Kindheit, zumindest bis zum achten, neunten Lebensjahr. Dann merkte er, dass er anders behandelt wurde, weil er eine andere Religion als seine Mitschüler hatte - er war Jude. Kurt besuchte damals die katholische Volksschule, die direkt hinter seinem Elternhaus lag. Sein Lehrer war Bernhard Schulte. Der wohnte im Haus der Eltern und ihn besuchte Kurt Heilbronn, als er im Jahre 1945 von Frankfurt aus seiner alten Heimatstadt einen Besuch abstattete.

Doch zurück zur Jugendzeit in Eiringhausen. Kurts Vater Louis (*1878) hatte eine Rind- und Schweinemetzgerei an der Provinzialstraße (Reichsstraße) und war mit Mathilda (*1885) verheiratet. Sie hatten die Kinder Paul (*1907) und Kurt (*1910). Kurts Geburtshelfer war Dr. Wilmes, er behandelte ihn auch bis zum Jahr 1924 (oder 1926), als sich die Familie entschlossen hatte, in die USA auszuwandern. Wie sich Kurt später erinnerte, waren es politische Gründe, die seinen Vater bewegten, Plettenberg zu verlassen. Er sah, wie nach dem I. Weltkrieg die Tendenz bestand, bestimmte Guppen im Land auszugrenzen. Wie weitsichtig Louis Heilbronn war, zeigte die spätere Geschichte.

Kurts Mutter Mathilda hatte eine Schwester in den USA, die kümmerte sich um die erforderlichen Einwanderungspapiere. Über Cuxhaven ging es mit dem Schiff nach New York. Im Gepäck hatte man den gesamten Hausstand. Im April 1993 stellte Kurt Heilbronn fest: "Einige der Haushaltswaren sind heute noch bei uns im Einsatz und nähern sich der hundertjährigen Marke!" Die Auswanderung erfolgte 1926 mit dem Steamship "SS Hamburg" der Hamburg-Amerika-Linie. Die SS Hamburg war erst kurz zuvor in Dienst gestellt worden. Das Schiff hatte Platz für 222 Passagiere in der I. Klasse, 471 in der II. Klasse und 456 in der III. Klasse.


Mit der "Hamburg" wanderte die Familie Louis Heilbronn 1926 von Cuxhaven in die USA aus.

Kurt Heilbronn lebte zunächst in Philadelphia bei seiner Tante und seinem Onkel. Sein Vater und sein Bruder fanden schnell Arbeit, seine Mutter kümmerte sich um den Haushalt. Kurt fand einen Job in einer Bäckerei, verpackte Brot in der Nachtschicht. Doch weil er minderjährig war, musste er zunächst in eine Schule für Ausländerkinder. "Niemand sprach englisch, außer dem Lehrer". Später fand Kurt Heilbronn Arbeit in einem Unternehmen für Süßwaren, machte sich später mit einem eigenen Süßwarengeschäft mit geliehenem Geld selbständig. Ein Freund nahm ihn in der Freizeit mit zu einem Flugplatz, zum Somerton Airport, der dem Deutschen Ernst Buhl gehörte. Mit ihm flog er mit einem Kleinflugzeug mit offenem Cockpit. Als Buhl Luftaufnahmen machen wollte, überließ er Kurt Heilbronn den Steuerknüppel und gab ihm Tipps: "Wenn Sie das tun, biegen Sie nach links ab, und so biegen Sie nach rechts ab." Wenig später hatte Kurt ein neues Hobby, um nicht zu sagen eine neue Leidenschaft, gefunden.

Seine Ausbildung zum Piloten erfuhr Kurt Heilbronn in Bennettsville/ South Carolina, diente bei einem Lufttransportkommando in Memphis/Tennessee, und wurde im April 1945 nach Europa versetzt und der Flugbesatzung des Oberbefehlshabers der alliierten Streitkräfte von Europa und späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten, Dwight D. Eisenhower, zugeordnet. Er war aber nicht nur der Eisenhowers Pilot. Wenn nicht geflogen wurde, war er als Übersetzer im Haushalt von Dwight D. Eisenhower oder für dessen Mitarbeiter tätig. Im Dezember 1945 kehrte Heilbronn in die USA zurück, an der Bolling Air Force Base und Andrews Air Force Base in der Nähe von Washington DC stationiert. Nach seiner Entlassung im Mai 1946 kehrte er nach Philadelphia zurück.


Dieses Foto von sich schickte Kurt Heilbronn mit seinem Brief an Stadtarchivar Martin Zimmer im Jahre 1989.

Am 30. März 1989 meldete sich der damals 76-jährige Kurt Heilbronn aus Blue Bell/USA per Brief in Plettenberg. Auslöser war eine Ausstellung "Erinnerungen an jüdische Mitbürger", die Stadtarchivar Martin Zimmer ihm November 1988 im Heimathaus präsentiert hatte. Heilbronn war kurz zuvor in Plettenberg gewesen, hatte den jüdischen Friedhof und seinen alten Freunde Heinrich Schulte im Kahley besucht. Er schrieb:
"Da meine Eltern - Louis und Mathilde Heilbronn , mein älterer Bruder Paul und ich schon 1926 nach Amerika gingen, kann ich Ihnen nicht zu viel über die Hitlerjahre mitteilen. Mein Onkel Alex Heilbronn hat im Anfang die Situation nicht ernst genommen. 'Eines Morgens wachen wir auf und alles ist vorbei' glaubte der. Er ist mit seiner Frau Helene, Sohn Egon nebst Frau und Kind deportiert und ermordet worden, ebenso seine Tochter mit Mann und Kind, die in der Nähe von Düsseldorf wohnten.

Die Schwester meines Vaters, Emma Löwenthal, ihr Mann Louis Löwenthal, dessen Bruder Bernd Löwenthal, sein Sohn Eugen und Frau Käthe sind alle deportiert und ermordet worden. Wir haben ihre Spuren nicht weiter als bis Dortmund verfolgen können. Ebenfalls von anderen Juden in Plettenberg. . .
Unserer Familie ist es gut gegangen in Amerika. Wir haben gearbeitet, hatten unser eigenes Geschäft, und während des Krieges war ich persönlicher Flieger für General Eisenhower, und bin bis jetzt Flieger geblieben.

Ich war verheiratet, meine Frau ist leider vor zwei Jahren gestorben, habe zwei Kinder. Meine Tochter ist Professor an einer Universität in Kalifornien, mein Sohn Executive in einer große Firma."


Solch eine B 3 Flying Fortress, eine "Fliegende Festung", flog Kurt Heilbronn im II. Weltkrieg.

Für eine weitere Rückblende im Leben des Kurt Heilbronn sorgt ein Interview, das Mack Teasley von der Eisenhower-Bibliothek hat am 9. März 1993 mit Kurt Heilbronn in dessen Haus in Blue Bell, Pennsylvania, geführt hat. Heilbronn hatte nämlich seinen Nachlass kurz zuvor der Eisenhower Library vermacht. In dem Interview berichtet Kurt Heilbronn über seine Fliegerzeit für Eisenhower und u. a. über einen Ausflug, den er von Frankfurt aus mit einer kleinen einmotorigen L4s (unten Foto eines Modells) in seine Heimatstadt Plettenberg gemacht hat. Mit Navigator Captain Leonhard flogen sie über Plettenberg. Aus der Luft sah die Stadt für den Navigator wohl ziemlich mikrig aus, was Kurt Heilbronn, der Plettenberg nicht erkannte, mit dem Hinweis zurückwies: "Als ich ein Kind war, kam mir die Stadt viel größer vor."

Als sie über dem Sportplatz Kahley waren, erzählte Kurt von den Fußballspielen seiner Jugendzeit. Gelandet wurde dann im Böddinghauser Feld. (Karl-Heinz Wille dazu: "Der Sportplatz im Kahley " war zum Kriegsende mit großen Baracken der Organisation Todt bebaut). Kurt Heilbronn stellte fest, dass eine britische Garnison in Plettenberg das Sagen hatte. Sie ließen ihr Flugzeug durch die Briten bewachen und machten auf nach Eiringhausen.

Auf der Reichsstraße hielt Kurt Heilbronn am Haus von Dr. Wilmes an, "der Mann, der mich in diese Welt gebracht hat". Heilbronn klingelte, Dr. Wilmes Frau kam an die Tür. Auf Deutsch fragte sie mich, was ich wolle. Sie war erstaunt über die amerikanische Fliegeruniform. Ich sagte, ich möchte den Doktor sprechen und täuschte eine Verletzung vor. Dann saß ich im Wartezimmer, in dem ich als Kind so oft gesessen hatte. Endlich ging die Tür auf, Dr. Wilmes bat mich ins Behandlungszimmer und fragte, was mein Problem ist. "Ich habe da eine kleine Narbe, ich möchte, dass Sie sich die mal ansehen." Diese Narbe stammte von einer Operation, die Dr. Wilmes bei mir im Alter von 9 Jahren durchgeführt hatte. Er erkannte aber keine aktuelle Verletzung - da habe ich ihm gesagt wer ich bin. Er begann zu weinen, und wir tauschten Erinnerungen an meine Kindheit aus und tranken Tee.

Dann erzählte er mir die Geschichte seines Sohnes Robert, mit dem ich in die Schule gegangen bin, und der auch Arzt geworden war. Aktuell war er in einem russischen Gefängnis. "Sie lassen ihn nicht zurückkommen, weil sie Ärzte in Russland dringend benötigen," klagte Dr. Wilmes. Kurt Heilbronn versprach dem Arzt, dass er alles versuchen würde, um etwas für seinen Sohn Robert zu tun. "Als ich nach Frankfurt kam, habe ich "Tex" Lee gebeten, mir zu helfen. Der wiederum bekam die Hilfe von General Eisenhower, der es gut mit General Schukow konnte. Etwa vier Wochen später war Dr. Robert Wilmes wieder zuhause. Jahre später habe ich ihn mit seiner Frau und seinen Kindern besucht - "wir hatten ein großes Wiedersehen, und er konnte mir gar nicht genug danken. Mittlerweile ist er verstorben."

Von Dr. Wilmes ging ich damals zu meinem alten Schullehrer Bernhard Schulte, Lehrer an der katholischen Schule. Er hatte sich oft für uns Kinder verwendet (im April 1960 ging Rektor Bernhard Schulte nach 43-jähriger Lehrertätigkeit in den Ruhestand). (wird fortgesetzt)