Erste Online-Zeitung für Plettenberg und den Märkischen Kreis - 31.08.2014

LESERBRIEF
Den Mammutbaum fällen oder nicht fällen -
ist diese Frage überhaupt des Pudels Kern?

Da stellt doch dieser Denkmalpflegeverein, dieses Grüppchen Aufrechter, das wohl von einigen nach Selbsteinschätzung besonders Besonnenen in unserer Stadt als Vereinigung äußerst überkritischer, aufmüpfiger und besserwisserischer Zeitgenossen zur Untergrabung der ideenreichen und zeitgemäßen Stadtentwicklungsplanung in Plettenberg bezeichnet werden soll, schon wieder einen Antrag. Diesmal will dieses Grüppchen vermeintlich unbelehrbarer, sich selbst wie andere gleichermaßen quälender Aktionisten gar einen Baum, einen Exoten, in den Rang eines Denkmals erheben. – Was kommt da wohl als nächstes noch?! – Nun ja, unverbesserliche Idealisten halt, oder!?

Nun gibt es in unserer Stadt neben diesem Grüppchen der Denkmalpfleger zur Freude einiger noch weitere, die sich das vermeintliche Wohl Plettenbergs auf ihre Regenschirmchen oder Fähnchen geschrieben haben und die mit den vorgenannten Gruppenattributen selbstverständlicherweise nichts gemein haben wollen.

Eines dieser anderen Grüppchen möchte gar die strukturellen und funktionalen Probleme unserer Stadt mit Hilfe eines erhofft werbewirksamen Maskottchens, einer Figur als Sinnbild unseres lokalen Gemeinwesens, lösen. Wohlüberlegt, innovativ und nobel, oder?! Schließlich gibt es derartiges ja schätzungsweise erst in einigen hundert Orten unseres geliebten Heimatlandes. Selbst die Bundeshauptstadt macht da seit Jahren mit. Da darf Plettenberg sicherlich nicht außen vor bleiben.

Nun, was hat die Suche nach einem Stadtmaskottchen mit dem Mammutbaum zu tun? Dieser Exot ist gewiss nicht geeignet, um miniaturisiert als identitätsstiftende Figur für Plettenberg, Deutschland, bunt bemalt an jeder zweiten Staßenecke herumzustehen. Und ganz ehrlich, verdient hätte er das schon gar nicht, oder? Er ist ja nicht nur nicht indigen, was vermutlich noch das kleinste Übel wäre.

Als Ablehnungsgründe wichtiger wären zweifelsohne, dass einerseits die zwangsläufig verkleinerten Abbildungen des Baumes nicht annähernd die erhabene, natürliche Wirkung des Originals in der Stadtmitte würden erreichen können und andererseits, dass dessen figürliche Abbildungen mit hoher Wahrscheinlichkeit das Schicksal vieler derartiger Figuren teilen müssten, etwa das der seines tierischen Namensvetters in unserer Nachbarstadt Balve: Ständig vandalisiert, Ast ab, anstelle von Stoßzahn weg sozusagen.

Zum Glück hat unser Bürgermeister in Sachen Mammutbaum reagiert
Da eignete sich dieser Molch aus dem Bommecketal bestimmt besser als Sinnbild für wahre Plettenberger. Der ist jedenfalls echt sauerländisch: Lederhaut, kräftiger Nacken, große Füße und bisweilen etwas schlüpfrig, da mit dem vermutlich besten aller Wasser der Welt gewaschen. Als auf Gardemaß vergrößerte Figur, modelliert mit kurzem Hals und stromlinienförmig angelegten Gliedmaßen und je nach Auftrittsort sowie beabsichtigtem Effekt im chamäleonartigen Wechselkleid wäre der Molch vermutlich prächtig anzusehen – eine wahrhaftige Zierde für Plettenberg und die Lösung aller Probleme. Viel vandalismussicherer wäre dieser auf einer schweren Bodenplatte bestens verdübel- und verschraubbarer monolitische Block allemal. Nix mehr mit Zange weg, wie bei "Otto Maloche", oder Ast oder Stoßzahn ab.

Zum Glück hat unser verehrter Herr Bürgermeister zunächst erst einmal in Sachen Mammutbaum reagiert. Mit Hilfe der zweifellos zur Objektivität verpflichteten Verwaltung hat er mit einer vielsagenden, die Fakten abgemessen abwägenden Beschlussvorlage auf das ungeheuerliche Ansinnen des Denkmalpflegevereins geantwortet. Da bleibt nicht viel zu ergänzen.

Die Sache ist doch sonnenklar: Wir haben es hier wiederum seitens der Stadt mit einem Beispiel vorausschauender Stadtplanung und eines beanstandungslosen Planungsprozesses sowie einer angemessenen Reaktion auf den Baumerhaltungsantrag zu tun und seitens des Denkmalpflegevereins mit einer nicht nachvollziehbaren stadtplanerischen Petitesse. Beides ergibt sich schon aus der genaueren Betrachtung der nachfolgenden Aspekte.

Angesichts der Eigentumsverhältnisse auf dem Areal können wir sicherlich vorab getrost davon ausgehen, dass die Existenz des Mammutbaumes tatsächlich erst vor Kurzem entdeckt worden ist, ebenso wie das Luftbild aus dem Jahre 1986, das den Baum als damals solitär stehend ausweist. Denn sonst wäre ja spätestens bei der Ausschreibung des Architektenwettbewerbs auf dieses ungewöhnliche Kleinod hingewiesen worden und von den Architekten Ideen zu dessen Einbindung in die Planungsvorschläge eingefordert worden.

Anbetrachts dieser Sachlage und der langen Planungsphase mit, wie wir haben lesen können, intensiv geführten Erörterungen über die Handlungsmöglichkeiten erscheinen auch Überlegungen absurd, das Fällen der gesamten Baumgruppe sei von vornherein eingeplant gewesen. Dass der Baum von den Architekten, die am Wettbewerb teilgenommen haben, nicht bei den obligatorischen Begehungen und Bestandsaufnahmen entdeckt worden ist, spricht sicherlich nicht, wie manche unterstellen mögen, für deren Ignoranz und Einfallslosigkeit, sondern doch eher für deren Qualität und deren bedingungslosen Drang, Neues zu erschaffen.

Beweist das ungewöhnliche Planungsresultat doch, dass sie sich voll auf die architektonische Aufgabenstellung und die Planung des standardgemäßen vorhabenbezogenen Begleitgrüns konzentriert haben. Genau dieses Begleitgrün soll im Übrigen ja, auch das haben wir lesen können, von einigen unbefangenen, aber dennoch in der lokalen Printpresse präsenten Senioren sehr geschätzt werden.

Diese potenziellen Kunden derartiger Anlagen des betreuten Wohnens sitzen offenbar lieber im lichten Schatten frisch gesetzter Normbäumchen als andere Vertreter der gleichen Generation, die unverständlicherweise lieber auf einer Rundbank unter der erhabenen Krone eines Baumoldies sitzend, Natur um sich herum genießen möchten. Welche der beiden Sichtweisen bei Senioren generell mehrheitsfähig ist, ob sich sozusagen hier Gegensätze eher anziehen oder sich eher gleich zu gleich gesellt, soll an dieser Stelle ungeklärt bleiben, denn das ist ein anderes Thema, und wir wissen ja, das Leben ist bunt.

Kann so ein Fossil in unser zukunftsorientiertes Plettenberg passen?
Des Weiteren bedenkt, es geht hier wirklich nur um einen Baum, einen die Zukunftsentwicklung Plettenbergs behaupteterweise vehemend störenden Mammutbaum. Könnte ein solcher Baum wirklich die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt als Wohlfühlort für junge und alte Menschen sichern helfen? Bedenkt außerdem, dieser Baum ist wie gesagt noch nicht einmal indigen. Der kommt nämlich, wie man sagt, aus China und nicht aus unserem heimischen Sauerland. Da erscheint Vorsicht durchaus geboten, oder?!

Zuviel Buntheit könnte in der Flora vielleicht schädlich sein. Zudem soll er ein Fossil aus der Urzeit sein, ein Überbleibsel, also nichts zeitgemäßes. Kann so etwas überhaupt in unser zukunftsorientiertes Plettenberg passen? Und was weiß man schon über diese Spezies, z.B. über deren generatives Verhalten? Denkt an die "Herkulesstaude", auch "Riesen Bärenklau" genannt! Gestern flugs als Zierpflanze für Gärten aus dem Kaukasus eingeführt, heute flächendeckend eine gesundheitsgefährdende Plage, deren Bekämpfung jährlich Unsummen verschlingt.

So etwas gilt es vorzubeugen. Wie aus berufenem Munde letztlich zu hören war, gibt es ja bereits Unmengen von Zwergenmammuts in den Baumärkten der Region – frei zum Kauf durch jedermann! Und es wird berichtet, dass als bereits sichtbares Omen dessen, was uns dereinst noch blühen könnte, schon ein ganzer Hang mit lauter kleinen Mammuts bepflanzt worden sein soll. Nicht dass demnächst unsere schönen sauerländischen Berge anstatt mit Fichtenmonokulturen mit Mammutbaummonos bewaldet sind.

Denn schnell wachsen soll der ja auch, aber nur eben viel schneller und viel größer ... – Erste, vermutlich so manchen beunruhigende Meldungen über zwei gelungene Ansiedlungsmaßnahmen von Mammuts hier bei uns in Plettenberg aus jüngerer Zeit konnten wir ja auch schon der Lokalpresse und jetzt der Beschlussvorlage entnehmen. Kaum 17 Jahre alt die Bäumchen und schon vier Meter hoch! Wenn die so weiterwachsen und die Altersangaben zum Baum in der Stadtmitte tatsächlich stimmen, könnten diese beiden in Eiringhausen dem Mammut in der Stadtmitte schon bereits in läppischen 45 Jahren glatt die Schau stehlen – also nix mit Einzigartigkeit, etwas Zeit ist alles, was vonnöten ist!

Jetzt sind wohl Entscheidungen gefragt, vermutlich insbesondere von Eiringhauser Entscheidungsträgern. Es gibt ja eigentlich nur die vier folgenden Entscheidungsmöglichkeiten:

1. Erhalt der genannten drei und aller möglicherweise weiteren Mammuts in Plettenberg

2. eine rechtlich und politisch abgesicherte Fällung des Baumes in der Stadtmitte

3. rigorose Fällung aller Mammutbäume in Plettenberg

4. Versetzung des Mammutriesen in der Stadtmitte

Eine Lösung nach Punkt 1 würde vermutlich am Besten zu unserem freiheitlich-demokratischen Gemeinwesen passen, frei nach dem Motto "leben und leben lassen". Da so aber gewiss vielerorts gehandelt würde, könnte man den Bekanntheitsgrad Plettenbergs damit wahrscheinlich nicht wesentlich steigern.

Eine Lösung nach Punkt 2 hätte nach außen hin zumindest den Anschein von "Political Correctness". Wenn allerdings Eiringhauser Entscheidungsträger eine derartige Entscheidung mittrügen, könnte schnell der Verdacht aufkommen, diese hätten möglicherweise nach der Devise gehandelt, "Alleinstellungsmerkmale in unserer Stadt gehören in unseren Ortsteil". Das könnte in unserer Zeit schnell zu Vergeltungsmaßnahmen führen. Um derartigen vorzubeugen, empföhle sich eine dauerhafte Bewachung der Eiringhauser Minimammuts. Das würde aber bestimmt teuer!

. . . als vermutlich erste Stadt der Welt "mammutfrei"
Eine Lösung nach Punkt 3 wäre vermutlich ausgesprochen zwiespältig. Einerseits könnte man eine derartige Lösung als durchaus solidarische Aktion ansehen, die zweifelsfrei als Maßnahme um des lieben Friedens willen und zur frühzeitigen Vermeidung möglicher zukünftiger Rivalitäten zwischen den Ortsteilen um dubiose Attraktionen deklariert werden könnte.

Auch als vorbeugende Maßnahme zur Verhinderung eines möglicherweise ungeheuerlichen Umweltfrevels am Bewuchs unserer sauerländischen Berge könnte das durchgehen. Andererseits müssten derartige Aktionen umfassend rechtlich abgesichert werden, was sehr aufwändig werden und höchst wahrscheinlich umfangreiche Proteste aus den Reihen unbelehrbarer Bürger hervorrufen könnte.

Nach rechtsstaatlichen Prinzipien verbieten sich Nacht-und-Nebel-Aktionen, die, wie wir aus anderen Ländern wissen, durchaus effektiv sein können. Wir können hierzulande schließlich nicht mit Terminatorausrüstung bewaffnete Späher in alle Stadt- und Ortsteile unserer Stadt aussenden, um etwaige dortige Mammuts aufzuspüren und kurzerhand zu beseitigen. Dank an die Väter unseres Grundgesetzes, das es uns verbietet, die Einzigartigkeit Plettenbergs auf eine solche Art und Weise kundzutun.

Und das Allerletzte, das wir alle – und nicht nur die durch das Wahlrecht legitimierten Ratsmitglieder – nach dem blamablen Alleinstellungsmerkmal "geringste Wahlbeteiligung aller Städte und Gemeinden in NRW" bei der letzten Kommunalwahl für Plettenberg brauchen, wäre ein weiteres derartiges "Alleinstellungsmerkmal". Wir sollten, selbst wenn man damit höchstwahrscheinlich weltweit Aufmerksamkeit erheischen könnte, darauf verzichten, irgendjemandem die Chance zu geben, unsere Stadt Plettenberg als vermutlich erste Stadt der Welt als "mammutfrei" zu vermelden.

Eine Lösung nach Punkt 4 wäre da doch viel charmanter. Zwar heißt es ja "alte Bäume und alte Menschen verpflanzt man nicht", aber offenbar sind die Entscheidungsträger bei der GWU zumindest von der "Umpflanzbarkeit" alter Menschen überzeugt. Wer weiß, ob auch eine Umpflanzung, sprich Versetzung alter Bäume heutzutage machbar ist? Sollte eine erfolgreiche Versetzung heute technisch machbar sein, wäre dies vermutlich recht teuer.

"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
Aber man male sich die Publicity-Wirkung einer derartigen Maßnahme aus. Man würde nicht nur guten Willen zeigen, es ließe sich auch ein alleinstellender Werbeslogan für unsere Stadt finden, wie etwa "Andere versetzten Berge, wir Bäume!". Zudem gäbe die Aktion vermutlich Stoff für mehr als nur ein Werbefilmchen. Am neuen, klever ausgewählten Standort könnte der Baumriese zu einem Publikumsmagneten werden. – Und selbst, wenn traurigerweise der Baum die Umsetzung nicht überstehen sollte, könnte man – soweit man es denn wolle – die Öffentlichkeit weltweit am Schicksal des Baumes teilhaben lassen.

Nun ja, eine Umpflanzaktion hätte aller Wahrscheinlichkeit nach eine ganz andere Außenwirkung für unsere Stadt als die zu Punkt 3 geschilderte. Wir haben einmal mehr das Schicksal Plettenbergs in der Hand, was sollen wir tun?

"Sapere aude!", "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!", die Befolgung dieses Wahlspruches der Aufklärung, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, kann auch heute noch durchaus hilfreich sein. In Entscheidungssituationen ebenso hilfreich sein kann eine humoristische und satirische Betrachtung des Beurteilungsgegenstandes, wobei die Ernsthaftigkeit der so gewonnenen Erkenntnisse absolut gegeben ist. Dies bestätigte bereits der Dichter Friedrich Hebbel, der Humor als Erkenntnis der Anomalien bezeichnete und für den der Genuss des Humors höchste geistige Freiheit voraussetzte.

Die Grenze zwischen Humor und Satire sind bekanntermaßen fließend. Manche sagen, Satire sei Humor im Stachelkleid, und sie entstelle um klarzustellen. Betrachten wir das Gezerre um den Mammutbaum somit mit Humor – und lachen trotzdem.

In diesem Sinne, Rüdiger Rahs Eiringhausen