Erste Online-Zeitung für Plettenberg und den Märkischen Kreis - 01.08.2014

Wir sind die Wiege der Gesenkschmieden in Deutschland!
Heiße Diskussionen um Zuschüsse und Folgekosten für das Industriemuseum Schmelzhütte


So sehen die bisherigen Pläne für das Freigelände des Industriemuseums aus, die im November 2012 schon einmal in ähnlicher Form vorgestellt wurden. An der Zufahrt zum Industriemuseum soll die Klassen-Plastic vor dem Seissenschmidt-Bürogebäude einen weithin sichtbaren neuen Platz finden. Eine Ausstellung alter Schmiedemaschinen, darunter die erste Hatebur-Schmiedepresse der Fa. Seissenschmidt, und ein Themenspielplatz sowie ein Carport und Parkplätze runden das Außengelände ab. Repro: Horst Hassel

Plettenberg. (HH) Mit der Besichtigung des geplanten Industriemuseums nahm die CDU kürzlich ein 1,2 Millionen-Objekt unter die Lupe, das "sehr ausführlich politisch diskutiert wurde - neben dem Mylaeus-Gelände", stellte CDU-Fraktionschef Heiko Hillert fest. Die CDU sei mehrheitlich dafür gewesen, "der heimischen Schmiedegeschichte ein Zuhause zu geben". Doch schon meldete sich Berthold Bahr (ehem. Sport-Bahr) kritisch zu Wort: "Dafür (Schmelzhütte) Steuergroschen zu verschwenden? Muß das sein?"

Fast eine Viertelstunde lang gehörte daraufhin die Diskussion der Frage über den sinnvollen Umgang mit Steuergeldern. Heiko Hillert vertrat die Auffassung, die Zuschussgelder seien zum Teil auch in Plettenberg erwirtschaftet worden. Deshalb sei es besser, die Gelder auch hier statt irgendwo anders im Land zu nutzen. Auf diese Weise erfolge eine regelrechte Quersubvention.

Berthold Bahr legte nach und listete eine Reihe von Gebäuden auf, die die Stadt käuflich erworben bzw. zu unterhalten hat: Bahnhof Eiringhausen, Amtshaus, Altes Rathaus, Haus Zur Sonne, Haltepunkt. Letzterer sei laut Ankündigung nur drei Tage in der Woche geöffnet - eine wirtschaftliche Betriebsführung sei da nicht zu erwarten.

Bei kulturellen Einrichtungen, wie das Industriemuseum, konterte Heiko Hillert, sei man nicht auf Gewinn ausgerichtet. Für das Haus Zur Sonne "bietet sich womöglich eine andere Lösung an". Wenn man keinen Betreiber finde, sei es eben schwierig. Der Bahnhof Eiringhausen sei jedenfalls ein Gewinn für Plettenberg. Klaus Ising ergänzte, Plettenberg sei die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung pro Kopf, sei sparsamer als zum Beispiel Altena. Viermal habe sich der Rat mit dem Industriemuseum befasst, das "sicherlich etwas vom Schuß ist", aber mehrheitlich dafür gestimmt. "Wir sind die Wiege der Gesenkschmieden in der Bundesrepublik", dadurch legitimiere sich solch ein Museum. Berthold Bahr empfahl: "Dann solltet ihr die Betriebe mehr einbinden!"


Von links nach rechts: Die Nachbearbeitungshalle, in der u.a. Industriemaschinen ausgestellt werden sollen, das Langenbach-Wohnhaus und die Schmiede. Aus der bisherigen Doppelgarage wird ein Probenraum für die Langenbach-Band. Repro: Horst Hassel

Projektleiterin Martina Wittkopp-Beine griff die Bahr-Liste auf und stellte fest, alles dies seien Punkte, die die Identität Plettenbergs unterstreichen. Dazu gehöre auch die Burgruine Schwarzenberg oder das Heimathaus. Die Industriegeschichte habe gerade wegen der Schmiedegeschichte eine besondere Darstellung verdient. "Wir sind in der Kinderstube der Schmieden" begann dann der Rundgang durch Schmiede- und Nachbearbeitungshalle. Als außerschulischer Lernort werde die Schmelzhütte Bedeutung erlangen, so Martina Wittkopp-Beine. Das mobile Schmiedelabor, das kürzlich an der Realschule Station machte, sei Beleg für das Interesse am Thema.

Mitte August sei Sanierungsbeginn, werde der Fachplaner die museale Gestaltung des Innenraums in Angriff nehmen. Mitte/Ende September werde man mit der Sanierung der Schmiedehalle beginnen. Ein Technikspielplatz, der immer zugänglich ist, biete sich für Familien, Schulklassen und Gruppen auch außerhalb von Öffnungzeiten an. Damit nichts zerstört werde, passe die Familie Langenbach auf. "Die Familie Langenbach macht das alles mit. Das ist auch mal erwähnenswert!"

Demnächt sollen Grabungen stattfinden, um die Lage des ehemaligen Wasserrades zu erkunden, so Stefan Nies (Historiker). Per Bodenradar hat man schon die Lage des einstigen Schmelzofens erkundet. Heiko Hillert: "Gibt es noch den Obergraben?" Wittkopp-Beine: "Ja, der gehört mit zum denkmalgeschützten Bereich." Den Museumsbesuchern werde man spannende Geschichten über das Schmieden im 19. Jahrhundert und auch etwas über den Kupfer-Bergbau berichten, dessen Spuren sich auf der anderen Hangseite des Grünetals befinden. Das Museum sei kein Solitär, sondern eingebunden in die Reihe der Kulturdenkmäler in Südwestfalen.


Die Schmiedehalle der früheren Schmiede Langenbach. Wenn alles nach Plan läuft, soll hier im Sommer 2015 erstmals wieder der Fallhammer zuschlagen. Foto: Horst Hassel

Berthold Bahr ließ nicht locker: "Und was kostet das die Stadt?" Die Stadt hat, so war zu hören, die Gebäude für 25 Jahre gemietet. Heiko Hillert: "Es ist nicht damit getan, wie bei einer gemieteten Wohnung, mal neu zu tapezieren. Wir brauchen Handwerker, die sich in der Denkmalpflege auskennen. Herr Langenbach verdient sich nicht die Taschen voll!" Es sei mutig von der Projektleiterin, eine Eröffnung der Schmiedehalle für den Sommer 2015 anzukündigen. Und Frau Mylaeus, befragt, was sie von der ganzen Sache halte: "Hier kann man sehen, wie mit dem Gesenkschmieden alles angefangen hat!"


KOMMENTAR

Seit knapp drei Jahren hat die Stadt die Schmelzhütte zum (nicht bestätigten) Mietpreis von 1.000 Euro/Monat gemietet. Seit September 2011 "laufen die Planungen auf Hochtouren". In 2013 wurde zu den ermittelten 1,155 Millionen Euro Gesamtkosten ein Zuschuss von 764.000 Euro angekündigt. Der städtische Anteil wurde mit 436.000 Euro beziffert (plus 50.000 Euro vom Förderverein). Die Folgekosten sollen rund 80.000 Euro/Jahr betragen. Wer das heute kritisiert, kommt zu spät.

Falls die Parteien, die so einstimmig das Projekt befürwortet haben, eine Wahlanalyse vorgenommen haben, dürfte ihnen klar sein, dass die Bürger der Wahlurne unter anderem wegen solcher Projekte fern geblieben sind. Was am Projekt Industriemuseum natürlich nichts mehr ändert, aber die Legitimation der Politik anzweifelt.

Die Presse, so war am Montag zu hören, werde man nicht mehr über jeden (Fort)Schritt unterrichten. Also ändert sich für die Presse nichts, denn ohne eigene Nachfragen wüssten wir gar nicht, dass es tatsächlich kleine (Fort)Schritte zu geben scheint. Bleibt die Frage, wieviele Fachleute, Gutachter, Experten, Historiker, Denkmalschützer, Politiker, Bausachverständige und Schmiedexperten schon beauftragt, eingebunden, befragt, bezahlt wurden und noch werden, bevor tatsächlich endlich richtig angefangen wird.

Nach dem, was man hört, wird die alte Langenbach-Schmiede so aufgemöbelt, dass ehemalige Mitarbeiter sie nicht wiedererkennen werden. Wenn schon Industriemuseum an diesem Ort und zu diesen Kosten: Die Anfänge der Gesenkschmiede waren dunkel, schmutzig, laut, heiß und ganz bestimmt kein angenehmer Aufenthaltsort. Wer das verändert, lässt auch Besucher den Kohleabbau unter Tage im Sonntagsanzug besichtigen. Authentisches Gesenkschmieden wäre ein Alleinstellungsmerkmal - und wesentlich preiswerter herzurichten.

Horst Hassel