Erste Online-Zeitung für Plettenberg und den Märkischen Kreis - 06.05.2014

Wenn sich der Pulverdampf der Kommunalwahl
verzogen hat und das Murmeltier täglich grüßt

Leicht chaotische Diskussion bei den Wahlprüfsteinen des Fördervereins Denkmalpflege


Volker Hauer (li.) hatte als Moderator gestern keinen leichten Stand gegen die ausführlichen Statements der Politik: Heiko Hillert (CDU), Bärbel Keiderling (Grüne/Bündnis 90), Klaus Salscheider (UWG), Carsten Hellwig (FDP).

Plettenberg. (HH) Leicht chaotischen Charakter hatte die gestrige Veranstaltung der Förderverein für Denkmalpflege im Ev. Gemeindehaus in Ohle. Es sollte um "Wahlprüfsteine" gehen. Das etwa 80-köpfige Publikum zeigte sich mit zahlreichen Wortmeldungen, Beifall oder Buh-Rufen engagiert und teilnahmefreudig. Auf dem Podium saßen sechs Vertreter der zur Kommunalwahl antretenden CDU, Grüne, UWG, FDP, SPD und AfD. Für die befragten Politiker völlig überraschend wurde dann noch das Thema MyCenter/MaiCenter angesprochen. Aufgeregtes Rascheln in den mitgebrachten Unterlagen - dieses Thema stand eigentlich nicht auf der Tagesordnung . . .

Zunächst stellte sich Moderator Volker Hauer (39) vor, der von der Politik zunächst wissen wollte, wie sie zur Kürzung der Denkmalpflegemittel des Landes steht. Mehr oder weniger einhellige Meinung: Die Stadt kann dieses Defizit nicht ausgleichen. Es gibt alternativ ein Programm Hof + Fassaden (Hillert) oder günstige KfW-Mittel (Kreditanstalt für Wiederaufbau) als Darlehen (Keiderling). Die Töpfe bei Bund und EU sind "viel zu weit weg" (Salscheider). Richtig informiert zeigte sich Wolfgang Schrader, der wusste, dass gegen die Streichung der Fördermittel schon im vergangenen Jahr Sturm gelaufen wurde (Anm.: mit namentlicher Auflistung zahlreicher Petenten aus Plettenberg und Herscheid). Die Landes-SPD habe die Mittel gekürzt, dagegen protestiere die Plettenberger SPD, denn "wir sind für die Plettenberger Interessen gewählt worden".

Die Kartierung sämtlicher historischer Gebäude im Stadtgebiet - gemeint sind nicht nur denkmalgeschützte, sondern auch stadtbildprägende, schützenswerte und sonstige historische Gebäude - war eine Forderung der Denkmalschützer. Man könnte sich das als Diplomarbeit von Studenten vorstellen. Gegen solch ein Kataster war niemand, nur über das "Wie" gab es unterschiedliche Ansichten. Ein Bild vom Fuchs-Fachwerkhaus an der Grünestraße als Beispiel für notwendige Denkmalpflege und die Bemerkung des Moderators, das Haus sei nicht nur von außen feucht, erzürnte Claudia Schneider, Eigentümerin des Hauses und von der Darstellung ihres "Falles" völlig überrascht. "Höchstens wischfeucht" sei das Haus innen, widersprach sie.

Die Politik beeilte sich daraufhin, zu versichern, ohne Zustimmung eines Eigentümers werde natürlich kein Haus in das Kataster aufgenommen werden. Helmut Teichert korrigiert: es gehe rein um die wertneutrale, fachliche Auflistung der Gebäude, hinter der sich keinerlei Ansprüche an die Eigentümer verbergen. Ausgerechnet Carsten Hellwig (FDP), sonst gegen jede neue Stelle im IT-Bereich, konnte sich zur Erstellung des Katasters eine halbe Stelle in der Verwaltung vorstellen. Wolfgang Schrader (SPD) bekam viel Beifall, als er darum bat, bei der Reihenfolge der Statements auch mal die Richtung zu wechseln - seine vier Vorredner nahmen, kaum vom Moderator gestört, immer sehr ausgiebig Stellung, so dass am Ende immer "alles schon gesagt" war.


Ein Fehler, den ein Moderator nicht machen sollte: das Mikrophon aus der Hand geben. Es wurde gerne ausgenutzt für politische Werbeaussagen, die aber oft auch durch die Fragen des veranstaltenden Fördervereins proviziert waren. V.l.n.r.: Klaus Salscheider (UWG), Carsten Hellwig (FDP), Wolfgang Schrader (SPD), Diethardt Küppers (AfD).

"Wenn sich der Pulverdampf der Kommunalwahl verzogen hat, dann sollten wir das Thema im Planungsausschuss diskutieren", empfahl Wolfgang Schrader. Bärbel Keiderling (Grüne) sah die Politik am Pranger: "Das klingt ja so, als ob die Stadt nichts für den Denkmalschutz tut", widersprach sie und zählte den Haltepunkt und das Haus zur Sonne auf. Was zu hämischem Gelächter im Publikum führte. Dann ging es etwas durcheinander. Von Leerständen im Stadtzentrum ("Es sind nur 16 nicht 23!", so aus dem Kreis der Denkmalschützer) führte die Diskussion über "Pflanzengulasch" am Kirchplatz zur Fassadengestaltung.

"Kennen Sie das Verfahren, stadtbildprägende und renovierungsbedürftige Fassaden mit Hilfe von Fördermitteln zu renovieren und ist das in Ihren Augen auch ein Programm für Plettenberg?" lautete die Frage. Niemand erinnerte sich an den Fassadenwettbewerb der Sparkasse in den 1970er Jahren, stattdessen "müssen die Hauseigentümer ein Interesse an einer schönen Fassade haben, weil der Wert ihres Hauses steigt!" (Schrader). Ein "Preisgeld als Hilfe zur Selbsthilfe" konnte sich Wolfgang Schrader aber durchaus vorstellen. Alles das gehöre aber in das derzeit in Arbeitskreisen erarbeitete Innenstadtkonzept. Protest-Buhs bekam Diethardt Küppers (AfD) zur hören, als er die Meinung vertrat, mit der neuen Fassade sei es nicht getan, solange dahinter alles zusammenbreche. Im Haus Zur Sonne konnte Küppers sich das Einwohnermeldeamt vorstellen - Gelächter kommentierte diese Idee. Heiko Hillert: "Andere Stadtteile haben auch Probleme, zum Beispiel Eiringhausen." Ein Meldeamt im Haus zur Sonne fand Hillert völlig daneben, man sei froh im Rathaus alles unter einem Dach zu haben.


Etwa 80 Bürger waren gestern in den Ev. Gemeindesaal gekommen, um eine ganze Palette von Meinungen der politischen Parteivertreter zu hören und bei Bedarf auch zu kommentieren. Fotos: Horst Hassel

Völlig überraschend machte der Moderator dann das Faß "MyCenter" auf und bat um Statements zu "Warum brauchen wir zwei Center?" Wolfgang Schrader sah sich an den Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" erinnert: "Wir wiederholen doch nur unsere Argumente", sah er wenig Sinn in einer Diskussion. Es habe viele Ideen zur Verwendung des Mylaeus-Geländes gegeben, allein ein Investor habe sich nicht finden lassen. "Nun haben wir einen Investor!" Carsten Hellwig: "Seit Jahren spaltet die Frage eines MyCenter die Bürgerschaft. Laßt uns doch die Bürger nach ihrer Meinung fragen!" Einen Bürgentscheid Pro oder Contra MyCenter konnten sich drei Parteivertreter vorstellen, drei nicht.

Fast tumultartig war die Reaktion auf die Grünen-Vertreterin Bärbel Keiderling. Sie stellte zunächst fest, das marode Real-Gebäude werde ja offensichtlich saniert. "Ich sehe es nicht als unsere Aufgabe an, gegen den Bürger zu arbeiten. Ich hätte kein Problem mit einem Bürgerentscheid!" Doch dann kam es: "Das Real-Gebäude wird in 50 Jahren ohnehin nicht mehr stehen", sah sie einstürzende Mauern vor ihrem geistigen Auge. Architekt Helmut Teichert war fast sprachlos: "Ein Fachwerkhaus hält 200 oder 200 Jahre, ein solches Betonskelett hält deutlich länger!" Keiderling: "Ja, ja, und die Plattenbauten im Osten auch."

Danach kamen auch die Zuschauer im Saal zu Wort. Dabei wurde aus dem Politikerkreis so manche "nichtöffentliche Information" publik. So hatte man wohl geplant, in das Haus Zur Sonne die Krankenkasse einziehen zu lassen, obwohl die im gepflegtesten Altbau an der Königstraße residiert. Carsten Hellwig: "Die 1,8 Millionen für das Haus zur Sonne hingen mit der Krankenkasse zusammen, wegen des Brandschutzes!" Und Verdrängungswettbewerb? Heiko Hillert: "Mir ist Weyand in Eiringhausen lieber als im MyCenter. Wenn der Lebensmitteldiscounter geknackt wird, ist das MyCenter gestorben!" Für Wolfgang Schrader war das alles zuviel "Orakel von Delphi" und zu viel Glaskugel. Von beiden Projekten (saniertes MaiCenter und neues MyCenter) werde eine Belebung der Innenstadt ausgehen. "Die Chancen sind jedenfalls größer als das Risiko!"

Jörg Zaborowski sah den Verdrängungswettbewerb eher durch Amazon, Zalando und Co. Real bleibe am Maiplatz, das MyCenter werde aber so behandelt, als wenn Sepa der Glücksbringer wäre. Man solle sich mal Gedanken machen, warum die keine Mieter bekommen! Beifall kommentierte diesen Wortbeitrag. Peter W. Gester empfahl die Bürgerbefragung. Die sei doch für die Befürworter kein Risiko, wenn sie von der Mehrheit für das Center überzeugt sind. Beim Blick in den Bundesanzeiger will Gester eine "Unterfinanzierung" bei Sepa ausgemacht haben. Er warnte: ". . . damit es uns nicht so geht wie Sundern!" Klaus Ising (CDU) wehrte sich gegen Gesters Behauptung, er habe im Planungsausschuss laut "Stadtgespräch" den Untergang des Kaufparks als erstes Verdrängungsopfer vorhergesagt. "Das war Helmut Teichert!". Im "Stadtgespräch" war gar kein Name genannt worden. Dort hieß es: . . . aus den Reihen der Ausschussmitglieder . . ."
Nach zweieinhalb Stunden teils chaotischer Diskussion freuten sich alle über das Ende der Veranstaltung.

Korrektur: Hellwig dagegen
Nachfolgende Korrektur hat das Stadtgespräch zu diesem Artikel am 09.05.2014 veröffentlicht:
In der Berichterstattung im Stadtgespräch vom 06.05.2014 über die "Wahlprüfsteine" (Ohle, Förderverein Denkmalpflege) heißt es unter der Überschrift "Wenn sich der Pulverdampf der Kommunalwahl verzogen hat . . . im Text: "Ausgerechnet Carsten Hellwig (FDP), sonst gegen jede neue Stelle im IT-Bereich, konnte sich zur Erstellung des Katasters eine halbe Stelle in der Verwaltung vorstellen". Richtig ist, dass sein Vorredner sich diese halbe Stelle vorstellen konnte. Carsten Hellwig hatte danach „Ja zum Kataster“ gesagt, „nein zur halben Stelle“ und weiter sinngemäß angeregt, dass es sinnvoll wäre, für das Kataster „Bürger ins Boot zu holen“. Wir entschuldigen uns für die Verwechselung.