Jenakiewoer Tagebuch Teil II

Auf dem Rückweg in die Stadt besuchen wir noch Valentina Jurasewa, die Regionalbeauftragte der Ukrainischen Nationalen Stiftung Versöhnung und Verständigung. Sie berichtet von einem Treffen der russischen Organisation am 24./25 April in Moskau, zwei Tage später kämen in Moskau alle Organisationen der GUS-Länder zusammen, um über die anstehende Verteilung der Gelder zu beraten. Die größte Zahl der noch lebenden Zwangsarbeiter habe die Ukraine zu vermelden. Derzeit lebten in den einzelnen Ländern:

Ukraine ca. 640.000 (im Dezember 1999 waren es noch 740.000)
Russland ca. 300.000
Weißrussland ca. 100.000

Die große Zahl von heute in der Ukraine lebenden ehemaligen Zwangsarbeitern erklärt Frau Jurasewa so: Nach dem Krieg seien Männer in der Ukraine Mangelware gewesen. In der dortigen Schwerindustrie habe man aber Arbeiter gebraucht. Deshalb seien viele Männer aus den umliegenden Ländern mit Arbeitsplätzen in die Ukraine gelockt worden. Viele dieser Männer seien eben auch ehemalige Zwangsarbeiter gewesen und bis heute in der Ukraine geblieben.

Der Stiftungs-Vorsitzende der Stadtversammlung von Jenakiewo, so Valentina weiter, sei kürzlich in Kiew zur Hauptversammlung gewesen und habe von dort neueste Informationen mitgebracht. Die meisten Nachrichten über die Entschädigungsverhandlungen zwischen den GUS-Staaten und Deutschland oder über das Geschehen in der "Nationalen Ukrainischen Stiftung Versöhnung und Verständigung" bekämen die ehemaligen Zwangsarbeiter durch das Fernsehen oder durch Zeitungen. 1997 seien übrigens die Gelder aus Deutschland nach folgendem Schlüssel aufgeteilt worden: 40 Prozent für russische Zwangsarbeiter, 40 Prozent für ukrainische Zwangsarbeiter, 20 Prozent für weißrussische Zwangsarbeiter. Damals habe es 970 Mark für ehemalige KZ-Häftlinge, 600 Mark für ehemalige Zwangsarbeiter und 500 Mark für ehemalige Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft gegeben.

"Wer 1997 die Zahlungen (die "1. Rente" von 600 Mark) bekommen hat, bekommt der automatisch auch im kommenden Herbst Geld aus der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft?" will ich von Valentina wissen. Sie verneint. Damals, 1997, habe es ausgereicht, wenn man Zeugen benennen konnte, die bestätigten, dass man Zwangsarbeiter in Deutschland war. Man habe nicht einmal einen Ort oder eine Firma angeben müssen. Die Empfänger von damals seien alle im Computer der Organisation in Kiew erfaßt. Diesmal brauche man aber offizielle, beglaubigte Dokumente und Unterlagen als Beweis. Das sei für viele ehemalige Zwangsarbeiter schwierig, weil sie nach dem II. Weltkrieg ihre Zwangsarbeit geleugnet hatten, weil sie nicht durch den KGB geprüft werden wollten. "Heute hängt alles von den Bescheinigungen der deutschen Kommunen ab!" erzählt Valentina.

Dann berichtet sie noch etwas sehr Interessantes: "Nur einige Fabriken in Deutschland werden Geld bezahlen. Wir bereiten in Kiew vorerst nur Zahlungen an jene Zwangsarbeiter vor, die bei solchen Firmen gearbeitet haben, die in die Stiftung eingezahlt haben". Ihr tut es sehr leid, "dass die, die in der Landwirtschaft gearbeitet haben, nur rund 1000 Mark oder gar nichts bekommen werden". In der Fabrik habe es doch eine geregelte Arbeitszeit gegeben, dazu am Wochenende oder am Feiertag frei, in der Landwirtschaft dagegen habe man rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche arbeiten müssen.

Valentina erzählt: Derzeit treffen sich die ehemaligen Zwangsarbeiter jeweils montags in einem Raum des Sozialamtes der Stadt ("im Polizeigebäude nicht weit vom Hotel" sagt Alexander). Dann seien fast immer fünf oder sechs Briefe mit Bestätigungen der Zwangsarbeit aus Deutschland da. Dann ergänzt sie fast widersprüchlich: "Es ist nicht gut, dass die Anfragen und Bitten bei den deutschen Firmen oder Kommunen um Bescheinigungen in ukrainisch geschrieben werden. Das können die in den deutschen Firmen oft nicht lesen, und der Zwangsarbeiter wartet vergeblich auf eine Antwort oder Bescheinigung."

Wir fragen Frau Jurasewa, die direkten Kontakt zur Datenbank der Organisation Versöhnung und Verständigung in Kiew hat, nach den Schwestern Krutikowa, von denen eine, Anna, zunächst im Haushalt der Familie Oster in Plettenberg und anschließend bei der Firma Schade gearbeitet hatte. Frau Jurasewa verspricht, noch einmal in der Kiewer Datenbank nachzufragen. Sie vermutet, bei ihrer ersten Anfrage habe man in Kiew den Namen falsch verstanden und nach einer Frau "Prutikowa" gesucht.

Inzwischen ist es 20.45 Uhr geworden. Da noch zwei ehemalige Zwangsarbeiter an unserem Weg liegen, statten wir ihnen zu später Stunde einen Besuch ab. Zunächst geht es in das Mehrfamilienhaus zu Georgij Iwanowitsch Sikanow (Zwangsarbeiter im Ohler Eisenwerk), der ebenfalls wesentlich schlechter aussieht, als im Dezember. Nachdem ich ihm das Geld aus dem Plettenberg Fonds überreicht habe, überrascht er mich mit einer bei mir bislang nicht ausgekommenen, weil für mich auch gar nicht denkbaren Frage: "Wenn ich hier unterschreibe, bekomme ich dann aus der Bundesstiftung kein Geld mehr?" Daran hatte ich nicht gedacht, dass ein Empfänger von Geldern aus dem "Plettenberg Fonds" glauben könnte, damit seien seine Ansprüche aus der Bundesstiftung tangiert. Man lernt doch immer wieder hinzu . . . Wir erklären ihm noch einmal den Hintergrund des Plettenberg Fonds.

Im gleichen Mehrfamilienhaus, nur einen Eingang weiter, wohnt Frau Anna Semjonowa Maiboroda geb. Demura (Zwangsarbeiterin bei der Firma Schade), die sich ebenfalls riesig über den Geldbetrag aus Deutschland freut. Ihr Sohn, der sich bei unserem Dezember-Besuch noch etwas alkoholisiert samt Schäferhund in unser Gespräch eingemischt hatte, hält sich diesmal sehr zurück. Gegen 21.30 Uhr kehren wir ins Hotel zurück, klären mit dem Taxifahrer, ob er Interesse hat, uns morgen in das 50 km entfernte Örtchen Nikischino zu fahren (dabei erreicht mich ein äußerst erfreulicher Anruf von meiner Enkelin Michelle aus Deutschland), erledigen noch Schriftkram und verabschieden uns dann für den nächsten Tag zu einem Besuch von Herrn Karp Chudolejew, ehemals Zwangsarbeiter bei Brockhaus Söhne, der 50 Kilometer außerhalb von Jenakiewo wohnt..

Donnerstag, 20. April 2000

Bis 7.10 Uhr geschlafen, dann Papiere geordnet und das Jenakiewoer Tagebuch ergänzt. Gegen Mittag kommt das bestellte Taxi, nur Alexander ist nicht zu sehen. Dann taucht er endlich auf, und es geht hinaus an den Stadtrand, wo wir Nadjeschda Tatarinova abholen. Über zunächst gut ausgebaute Straßen geht es in Richtung Westen. Unterwegs passieren wir einen Trauerzug. Voran wird ein hölzernes großes Kreuz getragen, dahinter folgen Träger mit einer Art großem Tisch, auf dem Brot und vermutlich Salz liegt. Dahinter haben sich weitere Personen aufgereiht, denen dann ein Lkw mit geöffneter Heckklappe folgt. Auf diesem Lkw begleiten einige Personen (die späteren Träger?) den offenen Sarg. Hinter dem Lkw folgen offensichtlich Angehörige, Verwandte, Freunde und Dorfbewohner. Sie müssen von ihrem Dorf aus zunächst die Straße hinunter in eine Talsenke, dann am gegenüberliegenden Hang den Berg wieder hinaufgehen. Hier liegt genau vis a vis dem Dorf der Friedhof. Eigentlich müßte ich diesen Trauerzug unbedingt filmen, aber . . .

Zwischenzeitlich wird der Weg immer schlechter. Wir passieren Schachtanlagen, die wie tot daliegen. An den im Vergleich zu den hohen Fördertürmen im Ruhrgebiet nur sehr niedrigen Förderrädern dreht sich kein Rad. "Diese Anlage wird bestreikt", berichtet Alexander im Vorbeifahren an einer maroden Ansammlung von Stahl, gerissenem Beton und zerbrochenen Fensterscheiben. Hätte er mir gesagt. die Anlage sei vor zwanzig Jahren stillgelegt worden, es hätte irgendwie glaubwürdiger geklungen.

Das Dorf Nikischino, in dem Karp Chudolejew wohnt, nehmen wir erst wahr, als wir am rechten Fahrbahnrand ein Ortsende-Schild entdecken. Wo war das Dorf denn? Wir wenden, fragen bei Passanten, die vor den fünf oder sechs Häusern in der Sonne sitzen oder gerade Wasser in Eimern vom Dorfbrunnen holen, nach der "Petrowskaja Uliza". Wir müßten zurückfahren bis hinter die Bahnlinie und dann links - das sei die Petrowskaja Uliza. Wir folgen dem Hinweis. Hinter der Bahn zweigt ein staubiger Feldweg nach links ab. Häuser sind weit und breit nicht zu sehen. Dann, nach etwa einem Kilometer sehen wir rechts ein paar Häuser stehen. Wir biegen auf die Petrowskaja Uliza ein. Die unbefestigte Straße ist etwa 500 Meter lang und besteht aus zwei Häuserreihen rechts und links vom Weg und mehreren Brunnen.

Nadjeschda Tatarinova ist schon ganz unruhig und hält Ausschau nach Karp Chudolejew. Fast am Ende der Straße sitzen links drei Männer auf einer Bank. Als wir näherkommen und sie nach dem Haus von Karp Chudolejew fragen wollen, ist Nadjeschda nicht mehr zu halten. Sie stürmt aus dem Auto und umarmt den ältesten der drei Männer - es ist Karp Chudolejew.

Bevor Alexander auch nur einen Satz meiner Begrüßung los wird, hat Najdeschda das Kommando übernommen. Wie ein Wasserfall redet sie auf Chudolejew ein, stellt mich vor, erläutert die Funktion von Alexander und mehrfach fällt auch der Name der Geschwister Brockhaus. Chudolejews Ehefrau (seine zweite Frau, wie Alexander später erklärt - die erste war gestorben) hat kaum Zeit ein paar Stühle herbeizuholen. Noch im Gehen zeigt Nadjeschda ihrem alten Bekannten aus Zwangsarbeiterzeiten in Plettenberg das Foto, auf dem Chudolejew, Nadjeschdas Ehemann Tatarinow und andere zu sehen sind. Kaum sitzen Karp Chudolejew und Nadjeschda, steigt der Redefluß der agilen Seniorin weiter an. Karp Chudolejew selbst hat schon fast Mühe, in den Atempausen auch einmal zu Wort zu kommen.

Dolmetscher Alexander schaut mich etwas mitleidig von der Seite an: "Sie brauchen mich nicht mehr. Nachdeschda hat ihm schon alles das erzählt, was Sie ihm eigentlich sagen wollten." Da Nadjeschda aber nicht alles richtig erzählt hat, bekommen wir doch noch Gelegenheit, einiges klarzustellen. Wir ziehen uns mit Karp in das schmucke weiß-blau gestrichene Haus zurück, wobei wir die Stühle von draußen mit hineinnehmen müssen, dann weitere Sitzgelegenheiten gibt es im Hause nicht. Die Möblierung beschränkt sich im Wohnzimmer auf ein Eisenbett, einen Schrank, einen Tisch und einen kleinen Beistelltisch mit einer Blumenvase.

Ich frage Karp Chudolejew nicht nach der Geschichte, wie er durch Karteikarten im Museum der Stadt Jenakiewo Verbindung zu Eckhardt Brockhaus bekam, denn diese Geschichte hatte mir Eckhardt Brockhaus schon in einem ukrainischen Zeitungsausschnitt nebst deutscher Übersetzung zukommen lassen. Mich interessierte, welche Personen das Foto der "Brigade mit Frauen" zeigt und wann es entstanden ist. Hier konnte Karp Chudolejew zur Aufhellung beitragen. Er selbst steht ganz rechts auf dem Bild. "Ich war die Nummer 49!" Neben ihm steht "sein Mädchen" Vera, die "bei einem Landwirt direkt neben dem Zwangsarbeiterlager der Firma Brockhaus arbeitete". Schon 1943 habe er mit anderen die Möglichkeit gehabt, am Wochenende circa drei Stunden durch die Stadt (gemeint ist wohl Kückelheim) zu bummeln. Bei solchen Gelegenheiten hätten sie die Mädchen auf dem Foto kennengelernt. Hin und wieder habe man sich auch in den nahen Wald zurückziehen können. Als sie dann von den Amerikanern befreit wurden, hätten sie versucht, mit den Mädchen zusammenbleiben. Das habe auch geklappt. Zusammen mit den Mädchen und anderen Zwangsarbeitern seien sie zu einem Sammelplatz 38 Kilometer von Plettenberg entfernt (Olpe/Siegen?) gebracht worden. Von dort ging es dann mit dem Zug - Männer und Frauen in getrennten Zügen - Richtung Osten. Unterwegs sei dann der Zug mit den Frauen früher weitergefahren, so dass man sich aus den Augen verlor.

Seine Vera habe er 1947 noch einmal zufällig in Makejewska/Donetsk wiedergesehen. Schon 1945, als er in einem Eisenwerk in Jelabinsk gearbeitet habe, hatte er Vera einen Brief geschickt und auf ein Wiedersehen gehofft. Doch Vera schrieb ihm zurück, sie sei inzwischen verheiratet . . .

Auf dem Foto sei außerdem "Iwan aus Kertsch am Schwarzen Meer" zu sehen. Das Mädchen daneben sei eine Freundin von Vera gewesen. Ganz links stehe Sergej Gomarow, der die Nummer 48 gehabt habe. Der dritte von links sei Nikolai Tatarinow. Die Aufnahme sei, so weit er sich erinnere, erst nach der Befreiung durch die Amerikaner entstanden.

Er sei bei Brockhaus Söhne zum Elektroschweißer ausgebildet worden. Autoteile seien zunächst in einem Ofen erhitzt worden, dann seien die Teile von ihm zusammengeschweißt worden. Drei Räume habe es in der Fabrik gegeben. Er habe "im 3. Raum" gearbeitet. Er kann sich an Nikolai Romanowitsch Parschin erinnern und an Viktor Karabut. Letzterer sei 1927 geboren und damals 16 oder 17 Jahre alt gewesen. Man habe ihn bei Brockhaus Söhne als Kochhelfer beschäftigt.

Bei Beginn des II. Weltkrieges habe er in Jenakiewo an der Bergbaufachschule studiert. Später, nach der Rückkehr aus Deutschland, habe er dann im Schacht zeitweise (10 Jahre) seinen Arbeitsplatz auch unter Tage gehabt, so dass man ihn - wie die regulären Bergleute - mit 50 Jahren schon in Rente geschickt habe. Seit 1947 lebt er in Nikischino, hat 1949 sein Haus gebaut. Zwei Söhne und eine Tochter - alle verheiratet. Angesichts der Ziehbrunnen, der fehlenden Wasserleitung, der feldwegähnlichen Straße und fehlender Telefonverbindung frage ich ihn, was sich in Nikischino seit 1947 verändert hat. Die Häuser seien damals überwiegend aus Holz gewesen und nun aus Stein, erklärt Karp Chudolejew. Ich fange ein paar Videoszenen ein von der Straße, dem Haus und von Karp im Gespräch mit Nadjeschda. Außerdem filme ich ein Paßbild von Karp aus dem Jahre 1945 ab.

Zu seiner eigenen Rückkehr in die Ukraine berichtet Chudolejew noch: Als er mit anderen Zwangsarbeitern an die Grenze von der amerikanischen Zone zur sowjetischen Zone gekommen ist, wurde er vom KGB überprüft. Der Kommandant habe ihm die von den Amerikanern ausgestellten Papiere, die bestätigten, dass er in Plettenberg bei Brockhaus Söhne gearbeitet hat, abgenommen. Dann geht Karp Chudolejew in das Hinterhaus und kommt nach geraumer Zeit mit einer Bescheinigung des KGB-Nachfolgers SBU wieder. Der SBU bescheinigt ihm: "Wir haben keine Archivdokumente, die bestätigen, dass Sie in Deutschland waren". Ihm wird empfohlen, sich an den Suchdienst des Int. Roten Kreuzes in Arolsen zu wenden. Mehrmals habe er schon dorthin geschrieben, erzählt Karp. Bislang habe er erst eine Antwort: "Wir haben Ihren Brief bekommen. Wegen der vielen Anfragen, die uns in diesen Wochen erreichen, bitten wir um etwas Geduld."

Gesundheitlich sei er nicht gut dran, sagt Karp. Er sei seit langem herzkrank. Aktuelle Informationen über die Entschädigung von Zwangsarbeitern bekomme er aus dem Radio oder dem Fernsehen. Er sei der einzige Zwangsarbeiter im Dorf Nikischino. Im nächsten Dorf sei noch eine Frau. Die habe, als 1997 die erste Zahlung aus Deutschland an ehemalige Zwangsarbeiter erfolgte, den üblichen Betrag von 600 Mark bekommen.

Am späten Nachmittag fahren wir zurück. Wir ordnen im Hotelzimmer wieder unsere Papiere und beraten, welche Besuche noch anstehen, denn alle neun angegebenen Adressen von Eckhardt und Gudrun Brockhaus haben wir besucht. Bleibt noch Frau Lidija Trischina. Sie wohnt in Sichtweite des Hotels an der Uliza Metallurgovska. Ihr inzwischen verstorbener Mann war zunächst Zwangsarbeiter bei der Firma Brockhaus Söhne, dann bei der Firma Rasche. Sie selbst arbeitete zunächst in einer Munitionsfabrik in Opladen. Dort wurde sie durch einem Arbeitsunfall verletzt. Dadurch kam sie als Kindermädchen und Haushaltshilfe zu der Arztfamilie Lichius in Opladen (hierüber gibt es einen ausführlichen Zeitungsbericht). Lidija Trischina ging es sichtbar nicht gut. Sie öffnet die Tür mit einem großen "Turban" auf dem Kopf. Sie klagte über 39 Grad Fieber und leidet offensichtlich unter einer Frühjahrsgrippe. Nur zögernd bittet sie uns herein. Sie habe ihren 1995 verstorbenen Mann lange gepflegt, dem man zuletzt beide Beine amputiert hatte. Um die Arztkosten bezahlen zu können, habe sie seinerzeit alle Wertgegenstände verkaufen müssen. Die Wohnung ist in einem entsprechenden Zustand. Sie weist wirklich nur das Notwendigste auf. Zudem bewohnt sie nur einen Teil der Wohnung - ein (?) weiteres Zimmer ist offensichtlich von einem anderen Mieter bewohnt. Schon der Wohnungseingang vom Treppenhaus aus präsentiert sich in außergewöhnlich schlechtem Zustand - die Holztür ist zerbrochen und läßt sich nicht mehr schließen, davor liegt als einziger Schutz eine roh zusammengeschweißte Eisengittertür. Wir überreichen Lidija Trischina im Namen von Herrn Lichius jr. einen Geldbetrag, was sie gar nicht fassen kann und wobei sie ständig von Tränenanfällen, nur unterbrochen von Klagen über die schlechte Lebenssituation, geschüttelt wird. Alexander beweist hier einmal mehr seine einzigartige Fähigkeit, so emotional aufgewühlte Menschen zu beruhigen. Wir verabschieden uns und bekommen viele Grüße und Dankesworte für Herrn Lichius und Herrn Brockhaus mit auf den Weg.

Was macht man mit einem angebrochenen Abend, an dem man zu später Stunde niemanden mehr unangemeldet überfallen will? Richtig: Endlich einmal etwas Warmes essen! Alexander und ich laufen durch Jenakiewos City, doch um diese Uhrzeit gibt es kaum Lokale, in denen es warmes Essen gibt. Man nennt uns das "Rondo" als gute Adresse. Es liegt an der oberen Uliza Lenina, nicht weit entfernt davon ist die Straßenbahnstation. Wir sind, obwohl es 19.30 Uhr ist, die einzigen Gäste in diesem Kellerlokal. Tatsächlich kann man hier warm essen. Wie entscheiden uns für Hähnchenkeulen und Pommes Frites und ich - sonst nur Kaffe-mit-viel-Milch-Trinker - bestelle mir sogar ein Bier. Alexander erzählt, die Amerikaner hätten zu Zeiten von Präsident Georg Bush eine Riesenladung Hähnchenkeulen in die Ukraine geschickt. Seither heißen solche Hähnchenkeulen auf ukrainisch "Hähnchenkeulen Bush". Zurück im Hotel lege ich mich ins Bett, weil ich keine Lust habe, ganz allein auf Tour zu gehen. Imme wieder werde ich wach. Irgendwann schaue ich auf die Uhr: 21.30 Uhr! Zu dieser Zeit im Bett - das wäre mir zu Hause nie passiert. Irgenwann werde ich dann wach: es ist erst 3.00 Uhr morgens. Was fängt man bloß mit dem angebrochenen Vormittag an . . .

Freitag, 21. April 2000

Schon früh am Morgen vervollständige ich mein Jenakiewoer Tagebuch und ordne die Videogeräte. Um 10 Uhr habe ich mich mit Alexander vor dem Hotel verabredet. Zum ersten Mal regnet es. Dabei will ich doch heute morgen ein paar Videosequenzen mit Nedjeschda Tatarinowa einfangen! Ich möchte sie zum Markt und zum Friedhof begleiten. Doch wegen des Regenwetters muß ich mich auf ein paar Szenen auf dem Markt und in der Markthalle beschränken. Hier protestiert der "Chef" in der Markthalle aber lauthals gegen die Dreharbeiten, fordert eine vorherige Anmeldung und verbietet mit weitere Aufnahmen von Nadjeschda beim Einkauf in der Halle. Ich packe ein und wir fahren zurück ins Hotel. Hier ergänze ich das Tagebuch.

Am Nachmittag hat Dolmetscher Alexander wieder Zeit für mich, so dass wir erst dann unsere Tour fortsetzen können. Zunächst statten wir Alexandra Gawrilowna Sjusina geb. Barbaschina einen Besuch ab. Sie ist die ältere Schwester von Sinaida Barbaschina und hat ebenfalls bei der Firma Schade gearbeitet. Sie hat natürlich schon von ihrer Schwester gehört, dass im Dezember ein Journalist aus Deutschland da war und sich nach der Zwangsarbeiterzeit in Deutschland erkundigt hat. Sie kennt auch den Rundschau-Zeitungsbericht über Sinaida und den Plettenberg-Kalender der Stadtwerke. "Haben Sie Wilhelm Schade, diesen stattlichen Mann, noch gekannt?", fragt sich mich. Ich erkläre ihr, dass ich erst 1945 geboren bin und Wilhelm Schade - außer auf alten Fotos - nie persönlich kennengelernt habe.

Am 12. April 1942 sei sie im Alter von 15 Jahren und sechs Monaten in Jenakiewo verhaftet worden. Der Zufall wollte es, so Alexandra Sjusina, dass sie auf den Tag genau drei Jahre später, am 12. April 1945, in Plettenberg von den Amerikanern befreit wurde. Nach der Befreiung habe sie mit anderen Zwangsarbeitern drei Tage lang auf freiem Feld gelebt. Dann seien sie mit Lkw nach Siegen gefahren worden, wo sie ca. dreieinhalb Monate verbracht hätten.

Zur Arbeit in der Firma Schade berichtet sie, man habe "kleine Kabinen für Flugzeuge produziert" (gemeint sind Flugzeugkanzeln für Messerschmitt und Dornier). An jedem Feiertag hätten sie die Möglichkeit gehabt, in einer Lagerbaracke oder einem Fabrikenraum Theaterstücke zu spielen. Sie seien im Lager 152 Zwangsarbeiter aus der Region Dnjepopetrowskaja, darunter allein 52 aus Rykowo (heute Jenakiewo) gewesen. Eine Baracke habe zwei Zimmer und eine Kantine (Eßraum) gehabt. Zu 50 Personen hätten sie jeweils in einer Baracke gelebt. Die Deutschen seien sehr gut zu ihnen gewesen. Sie erinnert sich, dass eine Frau, die neben dem Friedhof (gemeint ist der Friedhof am Hirtenböhl) gewohnt hat, sie öfter zu sich eingeladen hat.

Alexandra Sjusina erinnert sich weiter: Neben den Zwangsarbeiterbaracken der Firma Schade sein eine Eisenbahnstrecke (die Schienen der Plettenberger Kleinbahn) vorbeigelaufen, dann sei Wald gekommen. Die erwachsenen Mädchen hätten sich oft Streiche gespielt. Das Essen sei oft schlecht gewesen, im Brot habe man Sägemehl gefunden. "Einmal kam der Chef. Dem haben wir das Brot gezeigt. Daraufhin hat er uns zugesagt, dass das Essen besser wird. Und das geschah dann auch. Ein Brot habe es für sechs Personen gegeben, dazu 10 Gramm Butter pro Tag. Sie bekamen dann auch Kartoffeln und konnten sich selbst ihre geliebte Borschtschsuppe kochen. 10 Stunden pro Tag habe man arbeiten müssen, samstags bis 12 Uhr. Danach habe man Zeit gehabt, in den Baracken aufzuräumen, sich zu waschen etc.. Sonntags habe man frei gehabt. Es gab die Möglichkeit, in die Stadt zu gehen. Etwa 10 bis 15 Mark im Monat habe man an Lohn bekommen. "Davon konnte man Bier oder Limonade kaufen" sagt Alexandra und schwärmt regelrecht vom deutschen "Pivo" (Bier).

Im September 1945 sei sie nach Jenakiewo zurückgekehrt und auf dem völlig veränderten Bahnhof erst nicht gewußt, in welche Richtung sie gehen muß. Fünf Jahre lang habe sie dann in dem Haus gewohnt, das ihr Vater 1941 gebaut hat. Dann sei das Haus zu klein gewesen, sie habe sich ein Zimmer gemietet. Seit 1975 wohne sie jetzt in diesem Haus an der 1. Kooperativnaja Uliza. (Die Nachbarhäuser und einige Wohnungen in ihrem Haus sehen so aus, als lebe dort niemand mehr. Den Häusern droht offensichtlich der völlige Verfall. Alexandras Wohnung macht aber einen relativ gepflegten Eindruck). Während der drei Zwangsarbeiterjahre sei sie mir ihrer jüngeren Schwester Sinaida immer zusammen gewesen, berichtet Alexndra Gawrilowna Sjusina auf meine entsprechende Frage. Als sie in die Ukraine zurückgekehrt waren, habe man sich aus den Augen verloren, nach zwei Monaten aber wiedergefunden.

In einer sehr bildhaften Sprache beschreibt Alexandra Gawrilowna, die einen sehr gesunden Eindruck macht, die Chefs und ranghohen Mitarbeiter bei Schade. An deren Namen kann sie sich nicht erinnern, schildert aber im Detail deren Kleidung, Figur oder Auftreten. Zwei Meister habe es gegeben. Einer sei groß und schlank gewesen, der andere klein und ein bißchen fett, aber beide seien hübsch gewesen. An eine Geschichte erinnert sie sich: Zwei der Frauen waren weggelaufen. Später habe es geheißen, im Wald seien zwei Deutsche getötet worden und die beiden weggelaufenen Frauen seien der Tat verdächtig. Im Betrieb hätten deutsche Arbeiter darauf aus Holz zwei große Brüste gemacht und darauf geschrieben "Die müssen gehenkt werden". Im letzten Jahr (gemeint ist Januar bis April 1945) habe man wegen zunehmender Luftangriffe oft "in einem Keller im Gebirge" (gemeint ist der Luftschutzbunker der Firma Schade) Schutz suchen müssen. Sie habe aber in dem Keller große Angst gehabt, da große Steine herunterzufallen drohten. Oft hätten sie bei Luftangriffen deshalb Schutz auf dem Friedhof gesucht.

Als die amerikanischen Truppen nahten, wurden die Zwangsarbeiter zu Fuß den Amerikanern entgegengeschickt. Voran sei ein Mann mit einer weißen Fahne gegangen. Das sei einer vom deutschen Militär gewesen. Ich frage nach einem Keller in der Firma Schade, an dessen Wänden bis vor zehn Jahren (damals wurde der Raum als Walzenlager eingerichtet) noch kyrillisch geschriebene Namen und Daten gestanden haben. Sie sei nach der Ankunft bei Schade einige Tage in diesem Keller gewesen, weil die Baracken noch nicht fertig waren, habe selbst aber nichts an die Wand geschrieben, sagt Alexandra Gawrilowna. Ich frage, ob sie Anna Krutikowa kennt und lege ihr deren Zwangsarbeiter-Karteikarte vor. "Anna, Krutikowa? Na klar! Das war meine beste Freundin! Die hatte ihr Bett direkt neben meinem!" erzählt Alexandra Sjusina. Was aus Anna Krutikowa geworden ist, weiß sie aber nicht. (Einen Teil des Interviews habe ich auf Video aufgenommen, dabei auch erstmals die Übergabe des Geldes aus dem "Plettenberg Fonds" gefilmt.)

Klaudita Alexandrowna Paschenzewa geb. Krasowa wohnt nicht weit entfernt. Auch sie war bei der Firma Schade als Zwangsarbeiterin beschäftigt, hat dort in der Beizerei gearbeitet. Bei ihr, einer kleinen, schmächtigen Frau, die höchsten 35-40 kg wiegt, erlebe ich die bislang schlimmsten aller bisher gesehenen Wohnverhältnisse. Die drei Zimmer - aus einem stiehlt sich ein etwa 35-40jähriger Mann davon, vermutlich ihr Sohn - sind eine regelrechte Müllhalde. In einem Zimmer gibt es keine Möbel, dafür sind jede Menge alte Kleidungsstücke auf dem Boden verstreut. Außer einem Bett, das ebenfalls mit alten Kleidungsstücken überhäuft ist, einem Tisch, auf dem ein Fotoalbum aus einem Berg Kleidung herausragt, und einem Stuhl gibt es keine Möbel. Auf meine Frage, ob ich sie eventuell filmen darf, lehnt sie ab. Nein es sehe nicht gut aus in der Wohnung, sie bekämen auch bald eine neue Wohnung (?), nein, filmen lassen wolle sie sich nicht. Ich akzeptiere, glaube ihr die neue Wohnung aber nicht.

An die Firma Schade erinnert sie sich gut. Einen Herrn Becker habe es gegeben, der habe einen grünen Anzug getragen. Rund 50 Zwangsarbeiter seien aus Jenakiewo gewesen, 50 aus Slawjansk. Sie erinnert sich an eine Gerda Mannel, die damals 27 Jahre alt gewesen sei. "Deren Vater war Meister, ein Deutscher, der dann zum Militär mußte". Kontakt zu anderen Zwangsarbeitern habe sie wenig gehabt. Der Chef, Wilhelm Schade, sei ein Mann von stattlicher Statur gewesen. Der Kommandant habe neben dem Lager gewohnt und Karl geheißen. Dessen Tochte habe Musik gemacht. Karl selbst hatte den I. Weltkrieg mitgemacht, war in russische Gefangenschaft gekommen und hatte dort russisch gelernt. Im Zwangsarbeiterlager nebenan seien erst Franzosen, zum Schluß Italiener untergeracht gewesen.

Die kleine schmächtige Frau, die sich zum Unterschreiben der Empfangsquittung für das Geld aus dem Plettenberg Fonds (sie kann überhaupt nicht fassen, dass ihr jemand so etwas Gutes tut) zwei Brillen übereinander aufsetzen muß, überrascht mich mit einem Vorschlag: Eigentlich, so erklärt sie, müßte sie die Geschichte ihrer Zwangsarbeit in Plettenberg einmal aufschreiben. Es gäbe da so viele interessante Geschichten zu erzählen. Noch besser wäre es, wenn man sich in diesem Zusammenhang mit anderen ehemaligen Zwangsarbeitern von Schade zusammensetzen und Erinnerungen austauschen könnte. Ich bin begeistert, fordere sie auf, diese Idee in die Tat umzusetzen und gebe ihr gleich die Anschrift von Sinaida Barbaschina, der "kleinen Schade", damit sie der einen Besuch abstatten und mit ihr Erinnerungen austauschen kann. Meinen Dolmetscher Alexander werde ich bitten, bei der kleinen Frau noch einmal vorbeizuschauen. Klaudita Alexandrowna berichtete auf Befragen, sie habe 1997 die übliche "1. Rente" von 600 Mark erhalten.

Wieder etwas später, im fünften Stock an der Uliza Zerbakowa 180 haben wir kein Glück. Valentina Iwanowna Karabelnikowa sei im August 1999 verstorben, erzählen uns die offensichtlichen Nachmieter ihrer Wohnung.

Dafür treffen wir ein paar Straßen weiter Marfa Iwanowna Tretjakowa an. Sie war in der Gaststätte Hasselbach in Ohle als Küchenhilfe beschäftigt. Für die russischen Zwangsarbeiter des Ohler Eisenwerkes habe sie gekocht, kann sich an Margret Hasselbach erinnern und fragt mich, ob der Chef noch lebe. Ich erkläre ihr, dass die Hasselbachs vermutlich nicht mehr leben, dass heute ein China-Restaurant in der Gaststätte sein Domizil hat. Auch Marfa Iwanowna kann nicht fassen, dass ich ihr Geld von Bürgern aus Plettenberg bzw. ganz Deutschland bringe. Die 600 Mark habe sie im Jahre 1997 bekommen, hofft auch, im November/Dezember Geld aus der Bundesstiftung zu erhalten.

Als wir wieder etwas später an der Uliza Turutina 139, Quartier 47, klingeln und nach Nikolai Alexandrowitsch Germanowitsch fragen, erklärt man uns, der sei am 29. November 1998 verstorben. Eine ältere Frau fragt nach, was wir denn von ihm gewollt hätten. Als sie hört, dass ich aus Deutschland und von einem humanitären Hilfsfond komme, will sie wissen, ob Angehörige nicht in den Genuß der humanitären Hilfe kommen können, was Alexander ohne Nachfrage bei mir verneint. Sie scheint diese Antwort erwartet zu haben.

Wenig später fahren wir wieder durch eine Straße, die von kleinen Privathäusern gesäumt wird: Prospekt Schewtschenko. Hier suchen wir Konstantin Wassilewitsch Korotkow. Zunächst kommt seine Schwiegertochter an die Tür, schließt diese wieder und holt Konstantin. Dessen rechtes Auge ist zwar verletzt, es rinnt auch ständig etwa Blut aus der Augenhöhle, was ihn aber nicht zu behindern scheint. Konstantin macht einen äußerst lebhaften Eindruck. Als er hört, dass ich aus Plettenberg komme, sprudelt es spontan in verständlichem Deutsch aus ihm heraus: Plettenberg, Firma Gustav Rasche, drei Fabriki, zwei in der Stadt und eine in Landemert! Stolz wartet er eine Reaktion ab, um dann gleich wieder in einem Gemisch aus Deutsch und Russisch fortzufahren. Ob es die Firma noch gibt, wie der Chef heißt, will er wissen. Der Name Holtmann sagt ihm nichts. Nein, Otto Hollweg habe der Chef geheißen, der Name des Meisters, Großmeisters, war Seuster! Er habe in allen drei Fabriken gearbeitet, "an der Drehmaschine und als Hammerschmied". Sprengköpfe und Kartuschen für Artillerie-Geschosse habe man produziert. Er freut sich, dass die Fabrik noch existiert und in diesem Jahr ihr 75jähriges Bestehen feiern kann.

Das Leben im Lager mit 240 Leuten (vermutlich waren die Rasche-Arbeiter im benachbarten Schade-Lager untergebracht) sei nicht schlecht gewesen. Dennoch, "Lager ist Lager" sagt er fast philosophisch. Sie seien 11 Zwangsarbeiter bei Rasche gewesen. Von morgens sechs Uhr bis abends 18 Uhr hätten sie arbeiten müssen - alle, auch die deutschen Arbeiter. Niemand habe ihn geschlagen, aber er mußte arbeiten, mehr und mehr, und das sei schlimmer gewesen, als wenn ihn jemand geschlagen hätte. Wenn jemand Schulden gehabt hätte, habe er auch am Wochenende erbeiten müssen. Das Essen sei nicht so gut gewesen. "Wir bekamen um 12 Uhr einen halben Liter Suppe und 200 Gramm Brot, und am Abend einen halben Liter Suppe, nichts mehr." Für den Chef sei es sehr preiswert gewesen, dieses Essen vorzubereiten. Es habe damals 5-Pfund-Brote gegeben, ein Pfund Brot habe nur 16 Pfennige gekostet. Geld hätten sie für ihre Arbeit nicht bekommen. Einmal habe Otto Hollweg ihm etwas Geld gegeben. Es sei den deutschen Geschäftsleuten aber verboten gewesen, Zwangsarbeitern etwas zu verkaufen. An eine Frau kann er sich erinnern, die habe den Zwangsarbeitern immer etwas verkauft.

Dann überrascht uns Konstantin Wassilewitsch noch mit einer bislang unbekannten Nachricht. Wir zeigen ihm eine Karteikarte aus der Zwangsarbeiter-Kartei. Ja, an so ähnliche Karten könne er sich erinnern. Er habe so etwas als Ausweis gehabt. In dem habe sein Name gestanden, es sei ein Paßbild darin gewesen, und die Fingerabrdrücke seien ebenfalls in dem Ausweis gewesen. Er habe diesen Ausweis immer mitgeführt, wenn er für die Firma unterwegs gewesen sei. Was aus dem Ausweis geworden ist und ob andere Zwangsarbeiter ebenfalls solch einen Ausweis hatten, weiß er nicht mehr.

Im Wohnzimmer des Hauses liegt ein offensichtlich betrunkener Mann (Konstantins Schwiegersohn?) auf der Couch und sieht fern. Als wir ins Zimmer kommen, zeigt er sich unbeeindruckt, macht auch keine Anstalten, uns zu begrüßen, aufzustehen oder den Fernseher leiser zu drehen. Wir gehen daraufhin mit Konstantin in die Küche. Später lasse ich ihn im Garten vor der Videokamera noch einmal wiederholen, wie die Firma heißt, bei der er gearbeitet hat, wie der Chef und der Meister. Ich solle dem Chef von Firma Rasche bestellen, er würde gerne noch einmal nach Plettenberg kommen und sehen, was aus der Firma Rasche geworden ist.

Zu später Stunde kehren wir ins Hotel zurück. Ordnen wieder unsere Papiere und überlegen bzw. kontrollieren, ob noch jemand auf unserer Liste steht, oder ob wir jetzt alle in Jenakiewo lebenden Zwangsarbeiter besucht haben. Dann beginnt Alexander nachzufragen: Von Plettenberg aus würde doch in St. Petersburg eine Suppenküche für bedürftige Rentner unterhalten (das hatte ich ihm ein paar Tage vorher erzählt). So etwas könne man doch auch in Jenakiewo einrichten. Ich erkläre ihm, dass so etwas von Menschen abhängt, die sich intensiv dafür einsetzen. Solche Menschen seien meiner Meinung nach in Plettenberg nicht in Sicht. Zudem spiele die wesentlich weitere Entfernung zwischen Plettenberg und Jenakiewo eine jede Hilfe stark einschränkende Rolle.

Alexander unterbreitet mir noch andere Vorstellungen: Soziales Engegament möchte er zeigen. Einrichtungen für Bedürftige, Kinder und Erwachsene, schaffen, die es in Deutschland so erfolgreich gibt und die in Jenakiewo ebenfalls sinnvoll und hilfreich wären. Ich erzähle ihm, dass in Deutschland die Sozialdemokraten eine ihr nahestehende soziale Organisation haben, die Arbeiterwohlfahrt (Awo). Ich verspreche ihm, mich in Plettenberg mit der Awo in Verbindung zu setzen und nachzufragen, in welcher Weise sie Hilfestellung bei der Gründung einer ähnlichen Organisation in Jenakiewo/Ukraine leisten kann.

Alexander hat weitere Ideen aus dem Einmaleins des Kapitalismus und der Marktwirtschaft: Abnehmer für ukrainische Produkte wären nicht schlecht. Man habe viele Wälder, sei also reich an Holz, und außerdem viel Kohle. Ich erkläre ihm, dass mit Kohle heute kein Geschäft, erst recht keines für die Zukunft, zu machen ist. Beim Holz zweifle ich, ob das wirklich in großen Mengen (wie sie für eine langfristige Vermarktung erforderlich wären) in der Ukraine vorhanden ist. Dann fragt er, ob ich Kontakte zu einer Brauerei habe. In Donetsk wolle man eine Brauerei modernisieren und könnte gut einen Investor aus Deutschland brauchen. Ich bitte ihn, mir konkrete Ansprechpartner in Donetsk zu nennen, ich würde dann den Kontakt zum Chef der Firma Brau und Brunnen in Dortmund (Herr Versteinen) herstellen.

An dieser Stelle breche ich mein Tagebuch ab - es würde zu umfangreich, wirklich alle Erlebnisse, Begegnungen und Beobachtungen in jenen Tagen niederzuschreiben. Außerdem ist mir zum dritten Mal das Programm abgestürzt und sechs bereits geschriebene Seiten sind im Nirwana des Rechners verschwunden . . . Nur soviel: Ursprünglich hatte ich geplant, von Jenakiewo aus weiter nach Slawjansk zu fahren und dort weitere ehemalige Plettenberger Zwangsarbeiter zu besuchen. Da mir nur noch ein Tag Zeit blieb und Slawjansk 200 Kilometer von Jenakiewo entfernt ist, habe ich diesen Plan aufgegeben. Nicht aufgegeben ist der Plan, auch dort ehemaligen Zwangsarbeitern aus Plettenberg aus dem "Plettenberg Fonds" Unterstützung zukommen zu lassen. Vielleicht ringt sich ja die eine oder andere Plettenberger Firma ja doch noch dazu durch, weitere humanitäre Unterstützung durch eine Spende zu ermöglichen.

Herscheid, den 25. April 2000
Horst Hassel