So begrüßt die Stadt Enakiewo (sprich "Jenakiewo", in der Nähe von Donezk) ihr Gäste.

Jenakiewoer Tagebuch

von HORST HASSEL
17.-23. April 2000

Die Vorgeschichte

Mit den gebürtigen Plettenbergern Eckhardt Brockhaus (Fuldabrück) und seiner Schwester Gudrun (München) besuchte ich vor fast 10 Jahren, im Dezember 1999, die ukrainische Stadt Jenakiewo, um Kontakt mit ehemaligen Plettenberger Zwangsarbeitern - deren Adressen Eckhardt Brockhaus durch langwierige, mühselige und vielfältige Recherchen herausgefunden hatte - aufzunehmen. Zugleich wurde denen, die bei Brockhaus Söhne gearbeitet hatten, aus einem privaten "Brockhaus Fonds" durch die Geschwister Brockhaus finanzielle Unterstützung zuteil. Um ähnliche Hilfe auch denen zukommen zu lassen, die als Zwangsarbeiter bei anderen Firmen in Plettenberg zwischen 1942 und 1945 tätig waren, regte Eckhardt Brockhaus die Gründung eines "Plettenberg Fonds" an.

Rund 100 Plettenberger Industriebetriebe habe ich daraufhin angeschrieben und aus moralischen und humanitären Gründen um Spenden für ehemalige Zwangsarbeiter gebeten. Die Reaktion war gleich Null. Nicht eine einzige Mark wurde gespendet. Ein Unternehmen (DURA, vormals Wilhelm Schade GmbH & Co KG) antwortete immerhin auf mein Schreiben und gab bekannt, dass es der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft beigetreten sei. Neben DURA sind übrigens nur die Plettenberger Firmen Brockhaus Söhne und H. B. Seissenschmidt der Bundesstiftung beigetreten (Stand: 23.04.2000).

Private Spenden (von einigen wenigen Plettenbergern) ehemaliger Plettenberger sowie von einigen Bürgern zwischen München und Norderney war es zu verdanken, dass der "Plettenberg Fonds" auch mit relativ bescheidenen Mitteln in die Lage versetzt wurde, humanitäre Hilfe zu leisten. Da etwa täglich 1000 ehemalige Zwangsarbeiter in der Ukraine sterben, schien schnelle Hilfe das Gebot der Stunde. Auch wenn es "nur" ein paar tausend Mark waren, die verteilt werden konnten, so wirken sie durch das Währungsgefälle doch um einiges stärker, als die Beträge auf den ersten Blick erscheinen lassen. Immerhin konnte zahlreichen ehemaligen Plettenberger Zwangsarbeitern Unterstützung in Höhe von fünf bis sechs ukrainischen Monatsrenten gewährt werden.

Das Problem, die Spendengelder in die Ukraine zu schaffen, war auf normalem Weg (Überweisung, per Post etc.) nicht zu lösen, weil das zum Beispiel Valuta-Konten bei den Empfängern (die die Rentner natürlich nicht haben) voraussetzt. Schließlich verlangt der ukrainische Staat von den Begünstigten auch noch einen Steueranteil von 20 Prozent an den Spendengeldern. Diesen 20prozentigen Anteil wollen wir natürlich nicht zu Lasten der ehemaligen Zwangsarbeiter gehen lassen, sondern ihnen den vollen Betrag zukommen lassen. Da Eckhardt und Gudrun Brockhaus aus ihrem Fonds ebenfalls Geldbeträge "ihren" Zwangsarbeitern übergeben wollten, erklärte ich mich bereit, für beide Fonds erneut in die Ukraine zu reisen und die Hilfe jeweils persönlich zu übergeben. Die Ereignisse, Begegnungen und Eindrücke auf dieser Fahrt habe ich im nachfolgenden "Janiakiewoer Tagebuch" zusammengefaßt:

Montag, 17. April 2000

Bereits um 4 Uhr morgens aufstehen, Frühstücken, Sachen im Auto verstauen, nichts vergessen? Natürlich doch. Das Handy hängt noch an der Ladestation, in Holthausen schon bemerkt, also umgedreht und Handy geholt. Meine Frau Bärbel bringt mich zum Bahnhof Plettenberg-Eiringhausen, wo um 5.38 Uhr der, wie mir die Mitfahrerin Frau Birkelbach aus Hüinghausen erzählt, der einzige Zug, der an diesem Tag auf dem Bahnhof hält, nach Frankfurt abfährt.


Das Stahlwerk von Jenakiewo (160.000 Einwohner). Es bestimmt den Lebensrhythmus des Ortes.

Am Frankfurter Hauptbahnhof steige ich um in die S-Bahn Richtung Opelwerk. Drei Stationen weiter bin ich am Flughafen. Natürlich ist der Schalter meiner Fluggesellschaft "Ukraina International" im neuen Gebäude, Flugsteig D/E. Also mit dem Shuttle-Zug zum anderen Flughafengebäude, doch hier bin ich zu früh - der Ukraine-Air-Schalter ist noch nicht besetzt.

Gegen 9 Uhr kann ich dann einchecken, die Pass- und Zollkontrolle ist auch nicht mehr so intensiv wie 1994, als ich von Frankfurt aus mehrfach nach St. Petersburg geflogen bin. Wir, die Passagiere, steigen dann zwar pünktlich in den Flieger ein, doch es dauert mehr als 15 Minuten, bis die Maschine in Startposition rollt. Bei herrlichstem Flugwetter geht es Richtung Kiew, wo die Maschine gegen 15 Uhr Ortszeit landet. Die dort obligatorisch noch vor der Paßkontrolle abzuschließende Krankenversicherung für Ausländer ist seit Dezember von 6 auf 7 Mark gestiegen. Weil ich mehr als $ 1000 mitführe (aus Sicherheitsgründen und um nicht Ziel mafioser Gruppen zu werden, gebe ich nur einen Teil des tatsächlich mitgeführten Geldes an), muß ich zu einem der sechs Schalter zum "Anmelden von zollpflichtigen Waren". Dabei habe ich die Durchleuchtungsanlage für das Gepäck unbewußt rechts liegen lassen - mein Gepäck wurde also gar nicht kontrolliert. Als ich es bemerke, haben die Zöllner an dieser Station schon Feierabend gemacht. Meine Zollerklärung wird mit vielen Schnörkeln, Klebeband und Stempeln versehen.

In Kiew hatte ich mich auf dem Flughafen (rd. 3 Stunden Aufenthalt bis zum Weiterflug nach Donetsk) mit der Kiewer Dolmetscherin Lina Hubar sowie der ehemaligen Zwangsarbeiterin Anna Nakonetschnaja (Lennetaler Hammerwerk) verabredet. Über Anna Nakonetschnaja hatte Elke Sasse ("Zeit TV" Berlin) einen Film gedreht, der von 3Sat gesendet wurde. Der Beitrag hatte u. a. auch vom "Plettenberg Fonds" und mir berichtet. Einen weiteren Fernsehbericht zum Thema Zwangsarbeiter und Plettenberg Fonds hatte die Deutsche Welle gesendet. Als Reaktion darauf hatten sich Bürger bei Eckhardt Brockhaus und mir gemeldet, die Fonds-Idee sehr positiv bewertet und ideelle oder finanzielle Unterstützung zugesagt.

Lina Hubar stand mit einem Schild "Mr. Hassel" am Ausgang und wartete auf mich. Dann lernte ich Anna Nakonetschnaja, eine ehemalige Plettenberger Zwangsarbeiterin, die ich bislang nur in dem Fernsehbeitrag gesehen hatte, persönlich kennen. Natürlich habe ich sie sofort nach ihren Hühnern gefragt, denn im Beitrag von Elke Sasse wurde gezeigt, dass Anna sich mitten in Kiewe drei Hühner auf ihrem Balkon hält. Die humorvolle Frau berichtete über ihre Zeit als Zwangsarbeiterin in der Schuhfabrik Romika bei Trier. Dort habe man u. a. mit deutschen Frauen zusammengearbeitet, die "genauso schwer arbeiten mußten wie wir Zwangsarbeiterinnen". Warum diese deutschen Frauen "inhaftiert" waren? Dazu Anna Nakonetschnaja: "Das waren Partisaninnen. Die hatten desertierenden deutschen Soldaten Frauenkleider gegeben, damit sie flüchten konnten." Als Dolmetscherin habe eine Frau aus Lettland fungiert - "eine unangenehme Person!" erinnert sich Anna. Die (deutschen) Frauen hätten sie nach der Befreiung geschlagen. Von "Romika" aus kam Anna Nakonetschnaja zum Lennetaler Hammerwerk in Plettenberg-Eiringhausen. Hier mußte sie Schmiedeteile bearbeiten.

Anna Nakonetschnaja wurde von Plettenberg aus von den Amerikanern nach Siegen gebracht. Dort seien zehntausende von ehemaligen Zwangsarbeitern lagerähnlich zusammengeführt worden. Sie selbst habe dort in einem Wohnhaus gelebt, erinnert sie sich. Von Siegen aus seien sie über Monate hinweg, zu 145 Personen in einem Güterwaggon, nach Brest gefahren worden. Von dort sei sie nach Kiew zurückgekehrt. In Kiew habe sie niemandem gesagt, dass sie in Deutschland als Zwangsarbeiterin gearbeitet hatte. Sie fand Arbeit auf einer "Regierungsdatscha". Dem dortigen Sicherheitsdienst gegenüber leugnete sie, in Deutschland gewesen zu sein, doch man kam dahinter und entliess sie sofort. Bis zum Rentenalter habe sie dann in einer Motorradfabrik gearbeitet. Einen Mann habe sie nicht gefunden. Als sie 1945 zurückkehrte, "gab es nur noch wenige Männer- und die waren alle schon verheiratet" - und später habe sich "einfach keine Gelegenheit mehr ergeben."

Nachdem ich Anna Nakonetschnaja einen Geldbetrag aus dem "Plettenberg Fonds" überreicht, und der Dolmetscherin die Auslagen für Taxi etc. erstattet habe, checke ich nach einem kleinen Marsch zum Abfluggebäude ein zum Weiterflug nach Donetsk. Abflugzeit 19.04 Uhr. Es gibt es nur wenige Mitreisende. Ein Vertreter von Unilever aus Holland, ein junger Holländer mit Flugerfahrung ("Schauen Sie beim Abflug nicht auf die Reifen des Flugzeugs . . .!"), drei deutsche Geschäftsleute und fünf Ukrainer. Geflogen wird mit einer Antonow 24, einem zweimotorigen Propellerflugzeug.

Beim Abflug kommt zunächst "Weltkriegsatmosphäre" auf, denn der Lärm der Motoren erinnert mich an diverse Dokumentarfilme über Luftkämpfe im II. Weltkrieg. Ich wagte natürlich doch einen Blick auf das Fahrwerk und die Reifen und wußte jetzt, warum mich der junge Holländer davor gewarnt hatte - nach "blank" kommt die Leinwand . . . Die Flugbegleiterin gab sich sehr viel Mühe, ihr Alter und das der Maschine zu vertuschen. Ich glaube, die Maschine war etwas jünger. Service und Flug sind aber erstklassig. Der Flug selbst ist bei wolkenlosem Himmel und einer Fernsicht von bestimmt 150 Kilometern sehr schön. Die Flugroute folgt im Wesentlichen dem Lauf des Dnepr. Beeindruckend die Breite des Stromes, seine Verästelung in tausende von Seitenarmen, Zuflüssen, Inseln, Brücken, Dämme. Es ist schon dunkel, als wir gegen 20.50 Uhr in Donetsk landeten. Da es sich um einen innerukrainischen Flug handelt, gibt es bei der Ankunft im Flughafengebäude von Donetsk keine Pass-oder Zollkontrolle.


Im Hotel (Gastiniza) "MIR" in Jenakiewo war ich auf einer kompletten Etage der einzige Gast.

Erstaunt bin ich über die Vielzahl der Menschen, die die wenigen Fluggäste der Antonow-Maschine erwarteten. Schnell wird mir aber klar: Es sind alles Taxifahrer, die sich eine lukrative Tour erhoffen. Zumindest einer von ihnen bekommt diese Tour, denn er fährt mich die etwa 70 Kilometer lange Strecke nach Jenkiewo bis zum Hotel MIR (Frieden). Leider habe ich die passende ukrainische Vorwahlnummer zur Freischaltung meines Handys auf den ukrainischen Provider vergessen (80 oder 85 funktionierten nicht, später erfuhr ich nach einem Anruf meines Sohnes aus Plettenberg aus meinen Unterlagen vom Dezember: 810), so dass ich meinen Dolmetscher Alexander nicht auf meine Ankunft vorbereiten kann. Das hatte ich bereits am Sonntagabend von Deutschland aus versucht, doch Alexanders Frau hatte mir am Telefon berichtet, "Sascha" sei nicht zu Hause und komme erst "morgen abend" (saftra wetscheram) wieder. Alexander hatte als Wahlhelfer bei einem Plebiszit mitgewirkt und war, nachdem man den reibungslosen Ablauf des Volksentscheids begossen hatte, ziemlich spät (um nicht zu sagen "sehr früh") nach Hause gekommen.

Vom Hotel aus telefoniere ich zunächst mit Alexander und vereinbare mit ihm ein Treffen am kommenden Dienstagmorgen. Die Dame an der Reception weigert sich anschließend strikt, mir ohne Bezahlung ein Zimmer zu geben. Das heißt, nicht gegen Devisen, d. h. sie akzeptiert weder DM noch Dollar. Da ich noch kein Geld getauscht habe, kann ich die erforderlichen etwa 24 Grivna (ca. 9,50 Mark) für die erste Übernachtung nicht bezahlen. Da auch der Taxifahrer eigenartiger Weise nicht aushelfen kann (?), mir selbst der mögliche Umtauschweg in die benachbarte Bar wegen des dort vorhandenen, alkoholisch bereits gut eingestimmten jungen Publikums und des an meinem Körper getragenen vielen Geldes nicht sicher genug erscheint, rufe ich gegen 21.40 Uhr von der Hotel-Rezeption noch einmal Alexander an, der es sich prompt nicht nehmen läßt (nachdem auch seine Überredungskünste an der Frau am Hotelempfang abprallen), doch noch zum Hotel zu kommen.

Dort trifft er gegen 22.15 Uhr ein und regelte die Bezahlung. Im meinem Hotelzimmer "Tristo eidien" (Zimmer 301; wir bekommen sogar den Etagenschlüssel mit, denn außer mir wohnt niemand auf dieser Etage) sprechen wir dann noch einige Zeit über den geplanten Ablauf der nächsten Tage.

Dienstag, 18. April 2000

Der erste Besuch führt mich zu Frau Nadjeschda Tatarinova (Zwangsarbeiterin auf dem Hof Dierichs in Himmelmert-Hucksholl, ihren späteren Mann - er ist inzwischen verstorben - lernte sie als Zwangsarbeiter bei Brockhaus Söhne kennen), die uns die Geschichte des ehemaligen Brockhaus Söhne-Zwangsarbeiters Karp Iosifowitsch Chudolejew erzählt und auch einen Zeitungsartikel aus "Wetscherni Donetsk" vom 10. März 2000 dazu vorlegt. Über den Geldbetrag der Geschwister Brockhaus freut sie sich riesig. Zugleich beklagt sie, dass die ehemaligen Landarbeiter unter den Zwangsarbeitern vermutlich keine Entschädigung aus der Bundesstiftung erhalten werden.


Nadjeschda Tatarinowa. Sie war Zwangsarbeiterin auf dem Hof Hucksholl in Himmmelmert.

Ich zeige Nadjeschda die Aufnahme der sechs Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen in Plettenberg. Laut Nadjeschda handelt es sich um "die Brigade mit Frauen". Sie kann die Personen von links nach rechts wie folgt identifizieren:

Die 'Brigade mit Frauen'
Sergej    sein Mädchen    Tatarinow    Iwan    Mädchen (+)    Chudoleew

Danach folgt ein Besuch bei Frau Karabut. Ihr inzwischen verstorbener Mann war Zwangsarbeiter bei Brockhaus Söhne. Frau Karabut lebt allein in einem privaten Wohnhaus und klagt über die gestiegenen Unterhaltskosten für das Haus. Im Alter von 12 Jahren, so erzählt sie mir, mußte sie schon mithelfen, Kommunikationswege für das Militär aufzubauen. Als die Deutschen kamen, glaubten sie alle, sie würden jetzt erschossen. Ein deutscher Soldat habe sie in den Wald geführt zu einer Quelle und ihr deutlich gemacht, sie müsse nun Wasser zu ihren ukrainischen Leuten bringen. 1943 wurden sie von den Sowjets befreit. Zwei Tage später geriet ihre Mutter in ein Einzelgefecht zwischen Russen und Deutschen und wurde erschossen. Ihren Mann hat sie nach dem Krieg kennengelernt und 1951 geheiratet. Erst nach zwei Jahren des Zusammenlebens mit ihm habe sie erfahren, dass er auch als zwangsarbeiter in Deutschland war. Frau Karabut macht uns darauf aufmerksam, dass in der Ukraine der 11. April als "Tag der Zwangsarbeiter" begangen wurde.

Danach besuchen wir Herrn Nikolai Romanowitsch Parschin (Zwangsarbeiter bei Brockhaus Söhne), der bei herrlichstem Sonnenwetter schon vor seinem privaten Haus an der Straße steht und offensichtlich auf mich und meinen Dolmetscher Alexander wartet. Er macht einen gesundheitlich guten Eindruck, hat aber seit langem Probleme mit dem Herzen, nahm bisher "Ephedrin". Seine Frau klagt über Arthrose der 2. Stufe und bittet um äußerlich anwendbare Medikamente, da sie schon "durch Chemie verseucht" sei. Ich überreiche Herrn Parschin die von Gudrun Brockhaus organisierten Medikamente (Koronarmittel) und bitte seine Frau, unbedingt mit einem Apotheker oder einem Arzt zu sprechen, ob die Medikamente für ihren Mann geeignet sind und wenn ja, in welchen Dosierungen er sie einnehmen darf.

Als wir dann unweit des Hotels zu Frau Sinaida Barbarschina, der "kleinen Schade" kommen, ist nur die Enkeltochter zu Hause. Sinaida sei "auf der Datscha", komme aber gegen 19 Uhr zurück. Wir gehen zurück ins Hotel, um etwas zu essen.
Gerade als ich dann Alexander vor dem Hotel verabschieden will, kommen im Geschwindschritt Sinaida Barbaschina und ihre Tochter angelaufen. Die Wiedersehensfreude ist groß. In ihrer Wohnung angekommen, zeigt uns Sinaida stolz meine Postkarte von 1999 und meinen Brief mit dem Zeitungsartikel über sie. Der Stadtwerke-Kalender 2000 mit alten Aufnahmen von Plettenberg, den ich ihr geschickt habe, hängt an der Wand. Die Familie kann es nicht fassen, dass in Deutschland Menschen Geld für ehemalige Zwangsarbeiter wie Sinaida gesammelt haben. Ich überreiche ihr einen Geldbetrag. Die Enkelin ist fasziniert von den deutschen Geldscheinen, nimmt sie zwischen die Finger, schaut sich ganz genau die Abbildungen auf den Scheinen an.

Mittwoch, 19. April 2000

Störung am frühen Morgen: An der Hoteltür klingelt gegen 8.15 Uhr ein Mann mittleren Alters, der mir einen Ausweis vorhält und etwas von "Sanitarno" oder so ähnlich murmelt. Ich schaue mir den scheckkartengroßen Ausweis an, tue so, als wenn ich ohne Brille und im Halbdunkel des Zimmereingangs auf die Schnelle etwas lese könnte, erkenne aber zumindest, dass die abgebildete Person mit dem Ausweisinhaber identisch ist.


Sinaida Barbarschina, der "kleinen Schade", mit den beiden Löffeln, die sie aus Plettenberg mitgenommen hat.

Der Mann wünscht meinen "Passport" zu sehen. Nachdem ich den vorgelegt habe, macht er sich Notizen aus den beiden Touristen-Visa in meinem Pass (das Visum vom Dezember und das aktuelle Visum). Für das aktuelle Visum - gültig vom 17.04.2000 bis zum 17.05.2000 - hatte sich am Vorabend schon die "Concierce" an der Hotelreception ausgiebig interessiert und nahezu den Text des gesamten Visums abgeschrieben.

Vermutlich habe ich den Ärger dem Umstand zu verdanken, dass im Hotel niemand wusste, dass ich hier auftauche, man also völlig unvorbereitet einen Gast beherbergen mußte - und das in einem Land, in dem alles, aber auch alles kontrolliert und ohne Formulare und Stempel nichts bewegt wird . . . Das Touristenvisa hatte ich schließlich ohne große Formalitäten, also ohne die offiziellen Antragsformulare, eine nachgewiesene Hotelbuchung oder die Einhaltung von Antragsfristen über das Reisebüro N + N in Hamburg bekommen.

Nachdem ich mit diesem Tagebuch begonnen habe, dabei die letzten von zu Hause mitgebrachten Waffeln esse und mir ein Glas Milch zum Frühstück schmecken lasse, mache ich mich auf den Weg zum Rathaus von Jenakiewo. Alexander, mein Dolmetscher, der hier im Jugendamt arbeitet, hat heute erst ab Mittag Zeit, so daß ich mich auf eigene Faust auf Erkundungstour mache. Im Rathaus kenne ich den Weg zur Redaktion der Zeitung "Rabotschi Gazetta" und der Wochenzeitung "Donbass" schon. Ich melde mich bei der Verlegerin, Frau Olga Kubareva, an und überreiche ihr Aufnahmen und Zeitungsausschnitte vom Dezember-Besuch sowie eine CD-ROM mit den Internet-Seiten von Plettenberg, dem Plettenberg-Lexikon mit der Ostarbeiter-Dokumentation sowie sämtlichen digitalen Fotos vom Dezember 1999-Besuch. Für Eckhardt Brockhaus kläre ich die Frage, ob "Frau Lukasch" die Mutter von Frau Kubareva ist - sie ist es.

Anschließend werfe ich einen Blick in den großen Ratssaal. Hier findet gerade eine Art Bürgerversammlung statt. Etwa 300 Rentner aus Jenakiewo diskutieren mit dem erst kürzlich wiedergewählten Bürgermeister Michailowitsch Valentin Litovschenko die Streichung von Vergünstigungen für Rentner. Die Stadt hat nicht nur die für Rentner niedrig angesetzten städtischen Gebühren angehoben, die bislang für Rentner kostenlosen Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (Straßenbahn, Bus) sind ebenfalls weggefallen. Die Rentner sind aufgebracht. Sie schimpfen, schreien, heben die Fäuste - doch Bürgermeister Litovschenko bleibt ruhig. Mal spricht er vom Rednerpult aus über die krächzende Lautsprecheranlage, mal mischt er sich unter die Rentner und erläutert im direkten Gespräch die Notwendigkeit der Streichungen. Noch auf dem Weg aus dem Ratssaal zurück in sein Amtszimmer ist er von Rentnern umringt, die ihn immer wieder auf ihre schlechten Lebensbedingungen und geringen Renten hinweisen. Mein Dolmetscher erzählt mir später, die Renter hätten mir ihrem Protest Erfolg gehabt - die öffentlichen Verkehrsmittel sind wieder frei für sie.


Markt in Jenakiewo - hier die Abteilung Autozubehör.

Vom Rathaus aus gehe ich zum Museum der Stadt in der Hoffnung, hier vielleicht schon Dokumente ausgestellt zu sehen, die Eckhardt Brockhaus und ich im Dezember 1999 mitgebracht haben (Zwangsarbeiter-Karteikarten, Fotos aus dem Lager STALAG VI in Hemer). Die damals bereits vorhandenen Ausstellungen sind aber unverändert.

Mit dem Taxi starten Alexander und ich nun zu Frau Samzowa, die ebenfalls in einem eigenen Häuschen am Stadtrand wohnt. Ihre gehe es gesundheitlich gut, abgesehen von den üblichen altersbedingten Wehwehchen. In der Küche hängt ein Bild ihres Mannes, der Zwangsarbeiter bei Brockhause Söhne war, mit zwei Kameraden. Sie will mir unbedingt etwas mitgeben und holt drei Gläser Kompott aus dem Hinterhaus. Mit Mühe und Not gelingt es mir, die gute Gabe auf ein großes Glas Marmelade zu reduzieren (Leider mußte ich das Glas dann bei meiner Abreise im Hotelzimmer zurücklassen, da ich in meinem Gepäck dafür absolut keinen Platz hatte - und das, wo ich doch so gerne Marmelade esse...). Das überreichte Geld nimmt sie mit großer Freude und Dankbarkeit entgegen.

Anschließend statten wir Frau Vera Semjonowna Sotnikowa einen Besuch ab. Es dauert etwas, bis sie öffnet, denn es stellt sich heraus, dass wir sie mitten in der Arbeit gestört haben. Auf dem Grundstück wird gerade eine neue Wasserleitung verlegt. Der Graben ist schon aufgeworfen, die Leitung liegt montagebereit daneben. Die 77jährige klagt über kranke Beine, die Hände wollen auch nicht mehr so. Ständig knetet sie ihre Finger. Im Nebenraum schläft jemand - vermutlich Herr Sotnikow. Mit großer Freude und Dankbarkeit nimmt Frau Sotnikowa das Geld aus dem Brockhaus-Fond entgegen und bedankt sich überschwenglich bei den Geschwistern Brockhaus.

Ganz in der Nähe wohnt Nikolai Pawlowitsch Stepanenko, ehemaliger Zwangsarbeiter beim Ohler Eisenwerk, den ich im Dezember bereits interviewt hatte. Damals hatte er abgewunken, als ich ihm anbot, er möge mir eine Vollmacht unterschreiben, damit ich ihm seine Zwangsarbeiter-Karteikarte aus dem Stadtarchiv Plettenberg kopieren kann. Jetzt ist er auf einmal sehr daran interessiert, eine offizielle Bestätigung für seine Zwangsarbeit aus Plettenberg zu bekommen. Ich schreibe ihm die Anschrift der Stadt auf. Ungewohnt im Schreiben, nervt er den Dolmetscher mit immer neuen Fragen, was er denn in den Brief an die Stadt hineinschreiben soll. Alexander gibt geduldig Auskunft, obwohl er dies mit gehöriger Lautstärke tun muß, denn Nikolai Pawlowitsch hört inzwischen sehr schlecht. Nikolai Pawlowitsch hat "Angst, dass er wegen seiner Krankheit die Zahlung aus der Bundesstiftung nicht mehr erlebt". Erstaunt, überrascht und dankbar nimmt er den Geldbetrag aus Mitteln des "Plettenberg Fonds" entgegen.

Nina Petrowna Erdanowa ist die nächste ehemalige Zwangsarbeiterin, der wir einen Besuch abstatten. Ihr (privates) Haus steht direkt neben einem Spielplatz, von dem aus gleich drei Kinder herbeistürmen, als unser Taxi vor dem Haus hält. Nina Petrowna, die keinen besonders gesunden Eindruck macht, sitzt auf der Bank in der Sonne und begrüßt uns sofort. Die Tochter, der Schwiegersohn und die drei Enkel umringen uns sofort. Im Haus gibt es nur die notwendigsten Möbel. Nina Petrowna klagt über alle möglichen Krankheiten. Mit der Videokamera fange ich ein Bild der Familie auf der Bank vor dem Haus ein. Auch hier will man mir unbedingt ein "Dankeschön" mitgeben, was dann in Form von drei wunderschön blühenden Tulpen auch gelingt. Sie stehen derzeit in meinem Hotelzimmer und bringen richtig Farbe in den Raum.

Alexander, den ich nach unseren Besuchen immer nach seinem Eindruck befrage, um zu sehen, ob ich mit meinem Empfinden ähnlich liege, glaubt, dass Nina Petrowna von dem Geld selbst wenig haben wird. Er vermutet, die Tochter und der Schwiegersohn sind Trinker. Ich selbst hatte keinen so negativen Eindruck, zumal wir ja überraschend gekommen waren, man sich auf unseren Besuch also nicht vorbereiten konnte. Richtig war sicherlich, dass die Wohnverhältnisse bei Frau Erdanowa von allen ehemaligen Brockhaus-Zwangsarbeitern bzw. deren Angehörigen die schlechtesten waren.

Alexander, ein junger Verwaltungsangesteltter und angehender Politiker (er ist gerade in eine neu gegründete sozialdemokratische Partei der Ukraine eingetreten und hat hehre Ziele zur Verbesserung der sozialen Zustände in seinem Land) kommt nach den vielen Besuchen mit mir bei ehemaligen Zwangsarbeitern zu dem Schluß, dass man die Verwendung der gespendeten Gelder kontrollieren sollte - zum Wohle der Empfänger. Damit spricht er etwas an, was ich mir schon bei den Hilfstransporten nach Russland gewünscht hatte, aus vielerlei (Zeit, Geld etc.) Gründen aber nicht zu realisieren sah: Die Kontrolle der korrekten Verwendung der Hilfsgüter. Hier in Jenakiewo kommt ja noch erschwerend hinzu, dass mit der Überreichung von Bargeld ja schlecht Bedingungen verknüpft werden können, wie der Empfänger das Geld zu verwenden hat.

Die nächste Station ist Frau Lubow Nikiforowna Trusowa. Sie wohnt am Ende der endlos langen Uliza Mariupolskaja (der Taxifahrer übersieht leider direkt vor dem Haus einen von zwei fehlenden Kanaldeckeln und kracht gehörig in das Loch), lebt dort mit ihrer Tochter zusammen in einem Mehrfamilienwohnhaus in der dritten Etage. Die Tochter empfängt uns im Nachtgewand an der Tür, Frau Trusowa ist mit Näharbeiten beschäftigt, die sie schnell zur Seite räumt, als die Tochter von Besuch aus Germania spricht. Auch Frau Trusowa spricht, wie viele vor ihr, die voraussichtliche Entschädigung aus der Bundesstiftung an und zitiert Zeitungsnachrichten (Zeitung "Sozialistische Donbass"), die Entschädigungssummen für ehemalige KZ-Häftlinge (15.000 DM), Zwangsarbeiter in Fabriken (5-6.000 DM) und in der Landwirtschaft (1.500 DM) nennen. Wir erläutern auch Frau Trusowa, wie der voraussichtliche Gang der Dinge sein (der Bundestag beschließt das Entschädigungsgesetz noch vor der Sommerpause usw.) wird und dass sie als Witwe voraussichtlich keinen Anspruch auf eine Entschädigung haben wird. Für den aus dem Brockhaus Fond überreichten Geldbetrag bedankt sie sich mit Tränen in den Augen.

Rentenzahlungen auf privater Basis (wie sie Eckhardt und Gudrun Brockhaus sowie der Plettenberg Fonds planten) sind von bestimmten Voraussetzungen abhängig. Eine davon ist das Vorhandensein eines Valuta-Kontos, auf das die Rentenbeträge für den ehemaligen Zwangsarbeiter überwiesen werden könnten. Frau Trusowa berichtet mir, sie habe zwar ein (Spar-)Konto, darauf könnten Valuta-Beträge aber nicht transferiert werden. Für ein Valuta-Konto müsse sie 30 Grivna (etwa 12 DM) allein für die Konto-Eröffnung bezahlen sowie eine Gebühr von 7 Prozent je 100 Mark Guthaben auf dem Konto. Ähnliches kenne ich aus St. Petersburg. Als ich dort 1994 ein Konto eröffnen wollte, hieß es: Mindesteinzahlungsbetrag $3000, Gebühren für jede Transaktion (Überweisung, Abhebung etc.) mindestens $15, keine Zinsen auf Guthaben. PS: Die Bank in St. Petersburg war nicht irgendeine Bank, sondern eine Filiale der deutschen Commerzbank! (Einen Tag später erzählt mir Alexander, sein Freund habe ein Valuta-Konto, die Kosten seien aber längst nicht so hoch, wie von Frau Trusowa beschrieben. Außerdem könne man zumindest in Donetsk auch mit Visa- oder Master-Card Geld von seinem deutschen Konto abheben. Er will dieser Frage aber noch einmal ganz genau nachgehen und dann berichten)


Pawel J. Tschabanow (*15.04.1924) und seine Frau im Interview. Rechts Dolmetscher Alexander. Pawel musste vom 27.04.1942 an als Zwangsarbeiter beim Ohler Eisenwerk arbeiten. Untergebracht war er im Ostarbeiterlager des Eisenwerkes auf der Insel zwischen Obergraben und Lenne in Höhe Ohle-Kolonie.

Mit Pawel Jakowlewitsch Tschabanow (ehemals Zwangsarbeiter bei der Firma Ohler Eisenwerk) besuche ich einen weiteren "alten Bekannten" vom Dezember 1999. Zunächst öffnete niemand, dann sehe ich im Hinterhaus jemanden im Bett liegen, will aber nicht stören. Alexander ist da nicht so zimperlich und klopft kräftig an die Fensterscheibe. Im Haupthaus öffnete dann Frau Tschabanow und zugleich tauchte Pawel Jakowlewitsch aus dem Hinterhaus auf. Auch hier zeigte man sich völlig überrascht, dass Bürger und ehemalige Bürger Plettenbergs sowie Gleichgesinnte zwischen München und Norderney Geld gespendet hatten für ehemalige Zwangsarbeiter. Pawel Jakowlewitsch schien gesundheitlich längst nicht mehr so gut in Schuß zu sein wie im Dezember. Er hustete ständig.

Nach einem kurzen Zwischenstop im Hotel machen wir uns auf die Tour hinaus nach Uglegorsk, wo wir Pjotr Fjodorowitsch Altinow besuchen. Die Straße Uliza Seljonaja ist schwer zu finden. Sie liegt parallel zu einem Bahngleis, sagt man uns - aber es gibt zwei Bahngleise und wir sind ein Bahngleis zu früh abgebogen. Pjotr Fjodorowitsch empfängt uns, es ist inzwischen 19 Uhr, in seinem Privathaus. Sein Gesicht hellt sich auf, als er hört, dass ich aus Deutschland komme. Er klagt über vielerlei Krankheiten, macht auch gesundheitlich keinen guten Eindruck. Als wir ihm das Geld überreicht haben, will er wissen, ob denn die versprochenen monatlichen Zahlungen zusätzlich fließen. Wir klären ihn auf - das jetzt überreichte Geld sind die monatlichen Zahlungen. Er klagt über Schulden, fehlendes Geld für Pflanzmittel und vieles andere mehr. Die Frage, ob die Augenoperation bei seiner Frau Erfolg gehabt habe, beantwortet er wie folgt: Eine Bekannte seiner Frau habe eine solche Operation durchführen lassen und sei nach drei Tagen gestorben. Seine Frau ergänzt: Der Arzt selbst habe auch abgeraten, die Operation durchführen zu lassen. Pjotr Fjodorowitsch sagt, seine Frau benutze jetzt Augentropfen, die würden etwas helfen. Er selbst könne aber kaum noch etwas sehen und höre sehr schlecht. Ob Herr Brockhaus nicht einen Hörapparat für ihn und seine Frau besorgen könne?

Ich frage Herrn Altinow, ob er einen Herrn Chudolejew kenne, der auch bei Brockhaus Söhne gearbeitet habe und sich erst kürzlich gemeldet habe. Altinow verneint. Ob er sich vorstellen könne, einmal zu einem Treffen mit den ehemaligen Brockhaus-Zwangsarbeitern zusammenzukommen? frage ich. Vielleicht täusche ich mich, aber nach dieser Frage ist Altinow sichtbar eingeschnappt. Er verneint, rafft das Geld zusammen und verabschiedet mich ganz unvermittelt mit einem "Doswidanja!" - für mich ein klassischer Rausschmiß. Dann kommt aber noch die Frage, ob er die Liste mit den Namen der anderen Brockhaus-Zwangsarbeiter haben könne. Ich verneine. Daraufhin ist er sehr ungehalten und wettert vor sich hin. Dolmetscher Alexander, den ich später frage, was Pjotr Fjodorowitsch sich da in den Bart gemurmelt habe, meint, Altinow vermutet, man wolle ihm die Liste nur deshalb nicht geben, weil er dann mit den anderen in Verbindung setzen und dabei erfahren könnte, dass andere Brockhaus-Zwangsarbeiter mehr Geld als er bekommen . . . Eine Vermutung die natürlich nicht stimmt, denn ich habe für alle ehemaligen Brockhaus-Zwangsarbeiter einen gleichenhohen Geldbetrag mit.

Im Hinausgehen trägt er uns viele Grüße für Eckhardt und Gudrun Brockhaus auf und wir sollen Herrn Brockhaus bestellen, er können seinen Sohn, der russisch studiert, gerne mitbringen.

Siehe auch:Ostarbeiter im Plettenberg-Lexikon


Tagebuch Teil II