75 Jahre gab es den Schlachthof auf der Weide
1895 erste Pläne - Einweihung 1902 - Letzte Schlachtung 31. Januar 1977


Plettenbergs Metzgermeister auf einem Bild, das am Schlachthof entstand. Man erkennt die Metzgermeister Schütz, Hümmler, Bätzel, König, Koch, Sechtenbeck und viele andere.

Horst Hassel

Plettenberg. Es ist erst gut 15 Jahre her, dass der städtische Schlachthof auf der Weide abgerissen wurde. Genau 75 Jahre lang ließen die heimischen Metzger dort ihr Vieh schlachten – und sie hätten es gerne noch länger getan, doch die Stadt machte dem jahrelangen Zuschuss-Spuk 1977 ein Ende.


Blick aus der Luft auf das ehemalige Schlachhofgelände auf der Weide (rot umrandet). Oben rechts ist der "Weidenhof", unten rechts die Gebäude der ehemaligen Firma Voß & Schröder.

Die ersten Pläne zum Bau eines Schlachthofes kamen 1895 auf. Bis dahin wurde unter schlechten hygienischen Bedingungen geschlachtet, wie ein Blick in die Plettenberger Straßenordnung von 1853 belegt. Im § 11 hieß es da: „Das Schlachten von Vieh auf den öffentlichen Straßen und Wegen ist verboten.“ Es muss also nicht unüblich gewesen sein, Tiere direkt auf der Straße zu schlachten. Unter Bürgermeister Posthausen, der von 1866 bis 1902 die Geschicke der Stadt lenkte, gab es dann ein deutliches Plus an Hygiene: die erste Wasserleitung (1880), die ersten Kanäle und eben auch der Schlachthof auf der Weide wurden gebaut.

Über Jahrhunderte hinweg waren Hausschlachtungen der winterliche Höhepunkt in vielen Privathaushalten. Kühlhäuser, Kühlschränke etc. gab es noch nicht, so dass der Winter als idealer Zeitpunkt zum Schlachten des über Monate gemästeten Schweines galt. Mit dem Aufkommen der heimischen Industrie gab es immer mehr Haushalte ohne bäuerlichen Hintergrund, so dass diese ihr Fleisch beim Metzger kaufen mussten.

Rinder und Schweine in so großer Zahl konnte auch der Metzger nicht mehr im eigenen Haus schlachten, so dass der Bau eines Schlachthofes notwendig wurde. Hier gab es mehrere Stallungen, eine Schlachthalle, Kühlräume, Untersuchungsräume der Tierärzte, Abwasserkläranlagen und „Konfiskat-Räume“, in denen untaugliches Fleisch, das aus hygienischen Gründen oder wegen Krankheiten der Tiere nicht verwertet werden durfte, für kurze Zeit zwischengelagert wurde.

Im September 1901 begannen die Bauarbeiten für den Schlachthof auf der Weide, ein Jahr später war er fertiggestellt. Er florierte so gut, dass 1937 noch eine Viehverteilungsstelle auf dem Schlachthofgelände installiert werden konnte. Die Schlachtschweine wurden in jenen Jahren per Kleinbahn angeliefert. Die nutzte das Firmengleis der Firma Voß & Schröder. Von dort wurde das Schlachtvieh über eine hölzerne „Schweinebrücke“ zum Schlachthof getrieben. Über diese Brücke brachten sich die Mitarbeiter der Firma Voß & Schröder 1944/45 bei Luftangriffen in der zum Luftschutzkeller ausgebauten Grube „Neu Glück“ in Sicherheit.


Ausflug der Plettenberger Metzger-Innung im Jahre 1953. Gefahren wurde mit dem "Plettenberger", dem Reisebus von Alfred Cordes.

Nach dem II. Weltkrieg, der Notzeit, war die Nachfrage nach Fleisch ungewöhnlich groß. Besonders vom Schlachthof angebotenes „Freibankfleisch“ (Fleisch von Notschlachtungen oder verunfallten Tieren), war wegen des günstigeren Preises gefragt. 1953 gab es immerhin 32 Metzgermeister im Stadtgebiet, der Schlachthof auf der Weide war also Anlaufstelle für alles rund um Rind und Schwein.

Beginnend in den 1960er Jahren, machten es Fleischimporte aus dem Ausland den heimischen Metzgern immer schwerer, die Wirtschaftlichkeit des Schlachthofes zu garantieren. Die Stadt musste 1960 jeden Monat 1300 Mark zum Schlachthof zuschießen. 1976 waren es schon 100 000 Mark/Jahr, mit denen der Schlachthof aus städtischen Mitteln subventioniert wurde – die Stadt gab auf. Die Konsequenz für das „Faß ohne Boden“ war die Schließung. Zwar gab es noch Versuche, private Betreiber für die Einrichtung eines Gemeinschaftsschlachthofes zu finden, doch angesichts des Sanierungsbedarfes gelang das nicht. Am 31. Januar 1977 wurde letztmalig im Schlachthof auf der Weide geschlachtet. Die Ruinen wurden 1994 abgerissen. Heute hat das ehemalige Schlachthofgelände mit dem Königreichsaal der Zeugen Jehovas und einem Spiel- und Bolzplatz eine neue Nutzung.


So sah der Schlachthof auf der Weide 1986 aus. Seit acht Jahren war er da schon geschlossen, weitere acht Jahre dauerte es bis zum Abriss.


Blick vom Fuß-/Radweg auf der Weide (ungefähr in Höhe des Stolleneingangs zur Grube "Neu Glück") auf die Überreste des Schlachthofes.


Ställe, in denen die Tiere ein oder zwei Tage bis zur Schlachtung untergestellt waren, gab es am Schlachthof auch. Ein Bauunternehmen nutzte einen Teil des Geländes zum Schluss als Lagerplatz. Das ehemalige Büro diente den Motorsportlern von "Scuderia Plettenberg" als Clubheim.


Quelle: Süderländer Tageblatt vom 15.06.1961

Statistik vom Plettenberger Schlachthof

Plettenberg. Nur selten einmal dringt eine Kunde von dem Leben und Treiben, das sich Tag für Tag auf dem Gelände des Plettenberger Schlachthofes abspielt, nach draußen. Blicken wir einmal in die Statistik, so lesen wir, dass allein im letzten Jahr auf dem Schlachthof 1.773 Rinder geschlachtet wurden gegenüber 1.653 im Jahr 1959.
Weitaus die Spitze hielten verständlicherweise die Schweine mit 7.895 Tieren. Auch wurden 59 Schafe gegenüber 24 im Jahr 1959 und 38 Pferde gegenüber 46 im Vorjahr geschlachtet.
Nur wenige Plettenberger wissen, welche Summen die Stadt für die Unterhaltung des Schlachthofes aufzuwenden hat. Insgesamt beläuft sich der Etat für den Schlachthof auf 150.306 DM, denen allerdings eine Reineinnahme von 114.580 DM gegenübersteht.


Quelle: Chronik der Stadt, A. v. Schwartzen, 1961, S. 75

SCHLACHTHOF
Im Juni wurden die Platten in der Rinderhalle gelegt. Diese Halle entsprach schon seit langem nicht mehr den hygienischen Anforderungen, die heutzutage an eine derartige Einrichtung gestellt werden. So wurden z. B. im selben Raum, in den die Rinder geführt wurden, auch Schlachtungen vorgenommen, ein Zustand, der sich natürlich nicht mehr als tragbar erwies. Die Umbauarbeiten wurden daher nach Aufforderung des Kreisveterinärrats sofort vorgenommen.


Quelle: Plettenberger Stadtgeschichte, Bd. 3, S. 148 ff.

Ein Apotheker als Schlachtvieh-Sachverständiger?
Die Königliche Regierung lehnte kategorisch ab

. . . Im März 1885 wandet sich die Stadtverwaltung von Plettenberg in einem Schreiben an den Königlichen Landrat zu Altena, in dem sie sich nach den Möglichkeiten zum Bau eines Schlachthofes erkundigte. Die Anfrage wurde an die Königliche Regierung zu Arnsberg weitergeleitet. Seitens der Regierungsstelle wurde der Plettenberger Plan, nach welchem ein Apotheker die Untersuchung des geschlachteten Viehs vornehmen sollte, entschieden abgelehnt. Der Fleischbeschauer musste ein "Sachverständiger" sein. Laut Interpretation der Regierung in Arnsberg erfüllte lediglich ein Tierarzt die Voraussetzungen . . . Einen Tierarzt gab es zu diesem Zeitpunkt in Plettenberg nicht.

. . . Ende November 1891 richtete Bürgermeister Posthausen eine Anfrage an die Königliche Regierung. Er wollte wissen, ob ein allgemeiner Roßarzt die Qualifikation habe, das Schlachtvieh zu untersuchen. "Die hiesige Stadtvertretung ist der Meinung, daß, wenn ein kleines Schlachthaus hier gebaut würde, ein pensionierter Roßarzt demselben vorstehen könne, um Kosten zu sparen." . . . Am 3. Dezember 1891 stellte der Kreisausschuss in Altena die Genehmigungsurkunde aus. Die Zustimmung wurde an eine Liste von Bedingungen geknüpft. . .

Der Bauplatz
Das nächste Problem war die Klärung der Standortfrage. Nun galt es, einen geeigneten Bauplatz für die geplante Einrichtung zu finden. Im Sommer 1895 wurden die ersten Kontakte zur Witwe Schulte aufgenommen, die gegenüber der Rumpfischen Fabrik ein Wiesengrundstück besaß ("auf der Weide"), welches die Voraussetzungen zur Errichtung eines Schlachthofes bestens erfüllte (Stadtnähe, Lage am Fluß, unbewohntes Gebiet, Erweiterungsmöglichkeiten). Nachdem der Bürgermeister in einem Gespräch mit der Besitzerin das Interesse der Stadt an diesem Grundstück offengelegt hatte, machte Witwe Schulte ein schriftliches Angebot, in dem sie für das rund 398 Quadrat-Ruthen umfassende Gelände zum Preis von 20 Mark/Quadrat-Ruthe zum Kauf anbot. Mit dieser Forderung konnte sie bei den Stadtvertretern keine Sympathien gewinnen. Als sie im August 1898 "den unteren Theil der Weide" für 5 Mark/Quadrat-Ruthe anbot, kam sie den Preisvorstellungen der Stadt schon näher. . .Die Verhandlungen zwischen der Stadt und der Witwe Schulte endeten damit, dass das Grundstück für 1.800 Mark den Besitzer wechselte. Anfang 1899 wurde durch Mitglieder der Stadtverordneten- Versammlung und des Magistrats eine Geländebesichtigung durchgeführt, die konkreten Planungen setzten ein.


Vorderansicht des geplanten Schlachthof-Gebäudes

. . . Es wurden Deputationen gewählt, die sich nach Brühl, Unna und Lünen begaben, um sich über die dortigen Schlachthofanlagen zu informieren. . . Ende des Jahres 1900 wurden die Verträge mit den am Bau und Ausstattung des Schlachthofes beteiligten Firmen geschlossen. Das Architekturbüro Schmidtmann & Klemp, Dortmund, war für die Erstellung der Baupläne zuständig. Die Firma Semmler & Gsell, Dortmund, lieferte die Kühlanlage. . . . und die maschinelle Einrichtung kam von der Firma Kaiser & Co aus Kassel. Im Sommer wurden die Bauarbeiten "zum Neubau des Schlachthofes zu Plettenberg" ausgeschrieben. Das Angebot des Bauunternehmers Carl Kirchhoff lag bei 33.000 Mark, Carl Loos erhielt den Zuschlag, da er lediglich 30.000 Mark forderte.

Um die Verrichtung der anfallenden Schreinerarbeiten bewarben sich Wilhelm Theis, Carl Loos und Peter Kaiser. Die eingegangenen Offerten lagen zwischen 1.900 und 2.400 Mark. Der Auftrag ging an den Schreinermeister Wilhelm Theis, der die Konkurrenten um rund 500 Mark unterboten hatte. Der Baubeginn erfolgte im Herbst des Jahres 1901.


Seitenansicht des geplanten Schlachthof-Gebäudes. Die Baukosten mit allen Lieferungen betrugen 85.000 Mark. Die Stadt nahm dafür ein Darlehen in Höhe von 55.000 Mark bei der Landesbank auf. Die jährlichen Ausgaben für den Schlachthof incl. Zins und Tilgung betrugen 10.800 Mark, die erwarteten Einnahmen 8.261 Mark.

. . . Die Stadtverordneten-Versammlung fasste 1901 auf Grundlage der Gesetze vom 18. März 1861 und 9. März 1881 folgenden Beschluss:
"Nach Fertigstellung des städtischen Schlachthauses ist für den ganzen Stadtbezirk Schlachtzwang einzuführen. Alles in das Schlachthaus gelangende Schlachtvieh muss zur Feststellung seines Gesundheitszustandes sowohl vor als auch nach dem Schlachten durch Sachverständige untersucht werden. . .

Am 4. März 1902 wurde das Ortsstatut betreffen die Einführung des Schlachtzwanges in der Stadt Plettenberg verabschiedet und veröffentlicht. . . . Jeder sollte wissen, dass Hausschlachtungen nach der Inbetriebnahme des öffentlichen Schlachthofes strengstens verboten waren. . . Mit welcher Strenge man ansonstens seitens der Verwaltungsbehörden für die Einhaltung des Schlachthauszwanges eintrat, geht aus einer an die Adresse der Bürger von Plettenberg gerichteten "Warnung" vom 28. März 1924 hervor:

"Es besteht der Verdacht, dass einzelne Metzger eine große Anzahl Tiere - Kälber, Schweine usw. - in ihren Wurstküchen oder drgl. schlachten. Bei der letzten Fellablieferung wurden von einzelnen Metzgern mehr Felle abgeliefert, als sie Tiere im hiesigen Schlachthof geschlachtet haben. Höchstwahrscheinlich kommen diese Tiere sogar ununtersucht in den Handel. Bei gerichtlicher Bestrafung würde in solchen Fällen nur auf Gefängnisstrafe erkannt werden. . . Ich werde selbst jetzt häufiger die Kontrolle der Geschäfte und Wurstküchen vornehmen, damit derartige Fälle gerichtlich verfolgt werden." so Schlachthofvorsteher Dr. Münnich.


Das Verwaltungsgebäude des ehemaligen Schlachthofes.

. . . Im Verwaltungsbericht der Stadt Plettenberg von 1903-1904 wurden in diplomatischer Weise die kritischen Stimmen, die angesichts der Nützlichkeit und des erfolgreichen Wirkens der Einrichtung im Endeffekt verstummen mussten, verschwiegen:

"Nachdem am 17. September 1902 der Betrieb übergeben worden war, empfand es ein jeder Einwohner der Stadt Plettenberg als eine Wohltat, dass die kleinen Schlachträume der einzelnen Metzger zu einem Schlachthause vereinigt wurden und letzteres außerhalb der Stadt zu liegen gekommen war. Ist man doch damit wieder einen guten Schritt vorwärts gekommen auf dem Gebiete der Volkshygiene in einer Stadt mit so engen Straßen, dicht aneinanderliegenden Häusern und ohne Kanalisation."