Quelle: Von Horst Hassel, aus vielen Quellen im Privatarchiv HH

50 Jahre Krankenhaus an der Bracht


Postkarte des Krankenhauses aus dem Jahre 1959

Von Horst Hassel

Plettenberg. Als im September 1959, also vor 50 Jahren, das Krankenhaus auf der Bracht offiziell seiner Bestimmung übergeben wurde, standen Teile des Hauses noch im Rohbau da. Dennoch war man froh, sechs Jahre nach Beginn der Planungen, dieses moderne Haus umfassender ärztlicher Versorgung endlich in Betrieb nehmen zu können. Der drei Chefärzte – Dr. August Verhagen, Dr. Heinz Helmut Lemmer und Dr. Friedrich Gallenkamp – waren Garanten für eine optimale Versorgung und Behandlung.

Mit über 180 Mitarbeitern für 250 Krankenbetten nahm das Ev. Krankenhaus vor 50 Jahren den Betrieb auf. 12 Ärzte, 50 Schwestern und Krankenpfleger kümmerten sich unmittelbar um die Patienten. 2600 Operationen wurden im Jahr durchgeführt, 17 000 mal/Jahr die Badeabteilung genutzt, 1900 Menschen/Jahr fanden ambulante Behandlung im Haus. Und: 90 Prozent aller Plettenberger erblickten im Ev. Krankenhaus auf der Bracht das Licht der Welt.


Postkarte des Krankenhauses aus dem Jahre 1959

Seither sind fünf Jahrzehnte ins Land gegangen, die geprägt waren von Veränderungen in medizinischen, gesellschaftlichen und (finanz-)politischen Grundfesten. Die größere Mobilität der Bürger, die Spezialisierung anderer Häuser auf bestimmte Krankheiten, und die Zunahme von Fachärzten unter der niedergelassenen Ärzteschaft haben die Krankenhaus-Landschaft im Allgemeinen und in Plettenberg im Besonderen verändert. Die Kinderabteilung, die Geburtsabteilung, verschiedene Belegbetten-Abteilungen wurden geschlossen (es gibt aber noch fünf Belegbetten der HNO-Abteilung), der medizinische Fortschritt ermöglichte ambulante Versorgung bei Krankheiten oder Eingriffen, für die früher das Krankenhausbett belegt wurde. Die Anzahl der Betten schrittweise auf derzeit ca. 140 Betten reduziert.

Das Krankenhaus hat sich schrittweise den neuen Anforderungen und Möglichkeiten angepasst, so zum Beispiel ein Seniorenzentrum angegliedert. In einem „Therapiezentrum“ gibt es Einzelpraxen der Physiotherapie und der Logopädie. Es ist als Haus der Grundversorgung auf den Belange der Stadt und ihrer Bewohner zugeschnitten. Die größten finanz- und gesellschaftspolitischen Veränderungen aber erfuhr das Haus, als der Gesellschafter Ev. Kirchengemeinde 2006 wegen ständiger Verluste des Hauses den Vertrag von 1956 kündigte und seine Gesellschaftsanteile in einem Bieterverfahren veräußerte.


Die Empfangshalle des Evang. Krankenhauses bei der Eröffnung 1959. Inzwischen wurde dieser Bereich mehrfach umgebaut und ist heute kaum wiederzuerkennen.

Da die Übernahme des Hauses durch einen externen Betreiber und die Reduzierung des Hauses als reines Eingangskrankenhaus für andere Häuser drohte, wurden die Bürger mobil. Die „Initiative Plettenberger Krankenhaus“, mit der im April 2006 gegründeten „Reinhold-Mendritzki-Stiftung“, investierte 1,3 Millionen Euro für die Krankenhaus-Anteile der Evangelischen Kirchengemeinde in Plettenberg. Hauptziel der Stiftung war es, dass die Anteile nicht fremd veräußert werden sollten, sondern in der Stadt bleiben.

Wenig später machte Plettenberg überregional Schlagzeilen mit „Bürger kaufen ihr Krankenhaus“. Seit drei Jahren funktioniert das, Stiftung und Stadt sowie die Krankenhaus-Macher tragen das Haus: An der Krankenhaus Plettenberg gem. GmbH sind mit einem Anteil von 50,15% die Stadt Plettenberg und mit einem Anteil von 49,85% die Mendritzki-Stiftung beteiligt. Ausgerechnet zum 50-jährigen Jubiläum steht aber die Frage nach der Zukunft des Hauses weiter im Raum. Das schönste Geburtstagsgeschenk wär wohl die Sicherheit, auch das 60-Jährige feiern zu können…


Die Krankenhaus-Küche und ihre Mitarbeiter bei der Eröffnung des Hauses

INFO-BOX
- Die Geschichte heimischer Krankenhäuser beginnt mit dem „Hospital auf dem Böhl“ (heute Wohnhaus) in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Zehn Patienten konnten hier versorgt werden. Stadt und Amt hatten damals rund 500 Einwohner.

- Baupläne für ein neues Krankenhaus wurden 1887 gefasst, als die Ev. Kirchengemeinde 30 Presbyter wählte, die freiwillige Spenden für eine Neubau sammeln sollten. Gelder, die für den Bau eines Armenhauses gesammelt worden waren, wurden für den Krankenhaus-Neubau umdirigiert. Doch erst das „Weihnachtsgeschenk“ von Wilhelm Seißenschmidt vom 24. Dezember 1893 ließ das Haus Realität werden. Seißenschmidt stiftete ein 12 a 95 qm großes Grundstück im Steinkamp (damals Stiftstraße, heute Wilhelm-Seißenschmidt-Straße) und „ein auf meine Kosten zu erbauendes“ Krankenhaus.

- Schon 1902 stellt eine Revision fest „dass das Krankenhaus den Bedürfnissen nicht genügt, ja nie genügt hat“ – es wird angebaut. Ab 1911 beteiligt sich die Stadt an den Krankenhaus-Kosten. Die Kirchengemeinde musste 1923 (Inflationszeit) einen Kredit von 1 Milliarde für das Haus aufnehmen.

- Schon vor dem II. Weltkrieg gab es Pläne für ein neues Krankenhaus am Hestenberg. Nach 1945 sollte fehlender Platz in Baracken geschaffen werden, 1949 wird das Haus von Karl Jochen Kayser (Wichernhaus) angemietet. Das Essen wird per „Wichernexpreß“ von der W.-Seißenschmidt-Straße zur Kaiserstraße gekarrt. Die Platzprobleme (100 Betten stehen für knapp 25 000 Einwohner zur Verfügung) bleiben, für einen ins Auge gefassten neuen Flachbau auf dem Böhler Friedhof gibt es kein Geld.

- Am 11. Oktober 1956 wird eine Krankenhaus-Gesellschaft gegründet, die als Hauptzweck den Bau eines neuen Hauses hat. Das Land NRW gibt 5,25 Millionen Mark zinsverbilligten Kredit (Kapital- und Zinsdienst sowie die Planungskosten trägt die Stadt), die Ev. Kirchengemeinde stellt das Grundstück zwischen Brachtweg und Kroppweg zur Verfügung. Im Januar 1957 war Baubeginn, voraussichtliche Baukosten 7 bis 8 Millionen Mark, im September 1959 war Inbetriebnahme.


Die Krankenhaus-Kapelle