Quelle: WR Plettenberg vom 17.03.2010

Monica Moscardi auf den Spuren ihres Vaters:
Als Zwangsarbeiter im Arbeitskommando 447

Horst Hassel


Plettenberg. Die Italienerin Monica Moscardi (49) aus Rende/Calabrien wandelt derzeit auf den Spuren ihres Vaters Adonis Moscardi (†) durch die Vier-Täler-Stadt. Der Elektriker war ab 1944 bis Kriegsende als Zwangsarbeiter bei der Firma Adam Brehmer beschäftigt, wohnte im Italienerlager an der Wiesenstraße. Im Rathaus traf sich die Tochter am Dienstag auf Einladung von Bürgermeister Klaus Müller mit den ehemaligen Kollegen ihres Vaters: Ingrid Schauerte, Karl Erich Zobel und Ernst Hüsmert.

Über seine Zeit als Zwangsarbeiter hatte Adonis Moscardi mit seiner Tochter nur wenig gesprochen. Immerhin erfuhr sie aus Briefen, die er nach dem Krieg an Adam Brehmer und dessen Meister Otto Wever () schrieb, dass er von Plettenberg aus mit einem Landsmann zu Fuß bis nach Genua lief, wo er sich bei seinem Kommando, seiner Militäreinheit, am 11. Juli 1945 zurückmeldete.

Begonnen hatte Adonis Moscardis Odyssee in Albaniens Hauptstadt Tirana. Hier wurde er im September 1943 von Deutschen mit vielen Kameraden seiner Militäreinheit in verplombte Eisenbahnwaggons verfrachtet und nach Dortmund gebracht. Aus den ehemaligen verbündeten Italienern waren nach dem Sturz Mussolinis plötzlich Feinde geworden.


Erste Briefe, die Adonis seiner Familie schrieb, trugen den Absender „Dortmund, Stalag VI D, Arbeitskommando 447”. Bis heute weiß seine Tochter nicht, was sich hinter dem Arbeitskommando 447 verbirgt. Es muss eine schreckliche Zeit für Adonis Moscardi gewesen sein, denn er deutete später zu Hause an, dass es so grauenvoll gewesen sei, dass man es nicht schildern könne.

Im Alter von 29 Jahren kam der gelernte Elektriker jedenfalls 1944 nach Plettenberg, war bei der Firma Adam Brehmer ein sehr geschätzter und qualifzierter Mitarbeiter. Ingrid Schauerte geb. Menschel, damals 19 Jahre alt, war zum Ankerwickeln bei Brehmer zwangsverpflichtet worden. Als kaufmännischer Lehrling war Karl Erich Zobel dort tätig, ebenso als Auszubildender (Praktikant) arbeitete Ernst Hüsmert an der Schwarzenbergstraße. Am Dienstag traf Monica Moscardi die drei Zeitzeugen und erfuhr einiges über ihren Vater, der am 3. Januar 1945 in Plettenberg seinen 30. Geburtstag erlebte.

Moscardi hatte bei Brehmer durch sein Wissen und Können zwar eine besondere Stellung, dennoch war es den deutschen Kollegen verboten, sich mit Adonis über das Fachliche hinaus privat zu unterhalten. Anita K., ebenfalls bei Brehmer beschäftigt, hielt sich nicht an diese Vorschrift, traf sich mit einem französischen Kriegsgefangenen und musste deshalb acht Tage in der Zelle des Rathauses (Bahnhofstraße) verbringen. Samstags gab es immer Erbsensuppe für die Zwangsarbeiter. Die Suppe holte Karl Erich Zobel auf einem Handwagen vom Cafe´ Kersting auf der Weide.

Es gab eine Menge Geschichten auszutauschen, wobei Monica Moscardi die Gespräche, bei denen Franco Murgia aus der Verwaltung den Dolmetscher machte, ausgiebig dokumentierte - es soll einmal ein Buch, allerdings ein privates für die Familie werden. Auch nach dem Krieg riss der Kontakt zwischen den Familien Moscardi, Wever und Brehmer nicht ab. Man besuchte sich gegenseitig.




1944/45: Vom IMI zum ITA - italienische
Zwangsinternierte in Plettenberg

Martin Zimmer erschloss bundesweit einmalige Kartei- und Aktenunterlagen des Archivs

Bei der Firma Brockhaus Söhne im Italienerlager Wiesenthal am 03.10.1944 untergebrachte Italiener (ehemalige IMIs = Italienische Militärinternierte)

 1. Boscia, Salvatore (Nr. 389)
 2. Brighi, Pietro (Nr. 386)
 3. Capraro, Mario (Nr. 374)
 4. Carriere, Emanuele (Nr. 385)
 5. Costa, Gaetano (Nr. 376)
 6. De Blasi, Domenico (Nr. 378)
 7. Forner, Umberto (Nr. 388)
 8. Gaudino, Luigi (Nr. 377)
 9. Giofani, Emilio (Nr. 373)
10. Grasso, Guiseppe (Nr. 393)
11. Lanfranchi, Aurelio (Nr. 384)
12. Odi, Angelo (Nr. 370)
13. Paolillo, Guiseppe (Nr. 372)
14. Pegoraro, Primo (Nr. 382)
15. Pozza, Evaristo (Nr. 379)
16. Preto Martini, Attilio (Nr. 381)
17. Quato, Giovanni (Nr. 383)
18. Rizzo, Francesco (Nr. 375)
19. Speranza, Pasquale (Nr. 371)
20. Vasco, Paole (Nr. 391)
21. Velli, Guerrino (Nr. 387)
22. Vigano, Antonio (Nr. 392)
23. Voltan, Aldo (Nr. 380)


Guiseppe Silecchia ist am 07.07.1944 im Arbeitskommando 433 verstorben, meldet der Obergefreite und Arbeitskommando-Führer Klingenheben der Verwaltung am 12. Juli 1944. Am 08.07.1944 wurde Guiseppe Silecchia auf dem Evang. Friedhof in Eiringhausen beigesetzt. "Das Grab (Nr. 2) wird von den IMI, die sich noch im Lager befinden, betreut. Grab ist in würdigem Zustand und unkrautfrei. Grabkreuz ist angelegt und Name und Stalag-Bezeichnung und Sterbedatum auf demselben angebracht", schreibt der Obergefreite. Wenn die Bezeichnung "Kgf.-Nr. XII A 51109" eine Aussage über das Stalag trifft, müsste es sich um das Stalag XII A in Limburg handeln.
In einem Verzeichnis über in Plettenberg vorhandene "Gräber von Angehörigen fremder Nationen" vom 21.05.1946 (StA Plettenberg) sind für den Evang. Friedhof Eiringhausen aufgeführt:
Luigi De Nicolais, *01.08.1921 †15.09.1944
Armando Jazetta, *01.05.1922 †05.12.1944
Luciano Mingardi, *? †19.04.1945 Lager Kahley, erschossener italienischer Zivilist, Grab Nr. 29 (auch: Am 10.04.1945 in der Blemke Getötete [Haus Mester])
Luigi Casarotti, * ? †26.03.1945 ("In der Nacht vom 25. zum 26.03.1945 Getötete", Grab Nr. 40)
Auf dem Kath. Friedhof Eiringhausen wurden beigesetzt:
Raffaele Villani, *27.01.1912 †15.10.1944
Enrico Marmonti, *18.09.1921 †28.12.1944

In einer Auflistung "4) Soldaten der früheren Feindnächte" sind u. a. folgende Namen afugeführt:
Carlo Varotto, *26.02.1917 †11.03.1945 IMI Kgf.-Nr. 50906, Serg. Maggiore

Weitere italienische Namen:
Camillo Savoia, *09.05.1912 San Giorgio Ionica/Taranto, Via Diac 21, verh., Italienerlager Wiesenstraße, Beruf: Buchhalter; beschäftigt als Hammerdrücker bei der Fa. Wilhelm Kühne. Vorläufiger Fremdenpass am 05.02.1945; kam am 31.08.1944 vom Stalag M-Stammlager VI D nach Plettenberg;
Ilio Sacchetti, *18.09.1920 Viareggio/Lucca †Januar 1986 Biella, Heimatort: Bologna, Beruf: Elektriker, Arbeitsbuch am 04.10.1944, beschäftigt bei Brockhaus Söhne Pl.-Wiesenthal


Ercole Bucci, *23.01.1913 Monticenlo/Amiata, Provinz Grosseto (Toscana), r/k, verh., Bauer, jetzt Hilfsarbeiter beim Hammerwerk Schulte, Straße der SA 29, 1,56 m groß, war seit dem 31.08.1944 im Italienerlager Zeppelinstraße (Wiesenstraße) untergebracht; in seinem mit Bleistift ausgefüllten Anmelde-Formular bei der polizeilichen Meldebehörde steht als "Letzter Wohnort: Stalag M.-Stammlager VI D" (Dortmund Westfalenhalle). In einem beigefügten Fragebogen in italienischer Sprache steht als Beruf (Professione) "Bauer". Mit Schreiben vom 05. Februar 1945 wird die Personalakte von Ercole Bucci an den Landrat nach Altena geschickt.

Neben einem "vorläufigen Fremdenpass" war auf Ercole Bucci auch ein Arbeitsbuch ausgestellt, das am 19.10.1944 zum 14.11.1944 beim Arbeitsamt Lüdenscheid mit Lichtbild beantragt wurde. Als neuer Arbeitgeber (ab 27.10.1944) ist die Fa. Robert A. Hessmer, Unterm Grünen Berg 12-14 genannt.


"Entlassener IMI aus dem Stalag M(annschafts).-Stammlager VI D" steht in der Personalakte von Ercole Bucci aus dem Stadtarchiv Plettenberg.


Marco Buda, *30.08.1921 Visinata, Provinz Pola, r/k, ledig, 1,73 m groß, entlassener IMI aus dem Stalag M.-Stammlager VI C (Bathorn - Nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten im September 1943 werden zahlreiche Soldaten der Italienischen Armee interniert. Am 1. Oktober 1943 sind im Stalag VI C über 11.000 Italiener registriert. Sie erfuhren hier eine äußerst schlechte Behandlung, auch bei ihnen gab es viele Tote. Quelle: http://www.relikte.com/bathorn/index.htm)
Marco Buda war gelernter Landwirt und in Visinata, Via Adua 12 zu Hause. Nach Plettenberg kam er laut mit Bleistift ausgefüllter polizeilicher Anmeldung am 03.10.1944, war als Hilfsarbeiter bei der Fa. W. Wagner, Köbbinghauser Hammer beschäftigt und war dort im Italienerlager untergebracht.

Frau Gisela Theiss Sacchetti (Via Torino 15, I-13051 Biella/Vercelli), *06.01.1923 Siegen, †17.11.1985 Biella, hat als Dolmetscherin in Plettenberg gearbeitet und im Oktober 1985 noch folgende Hinweise gegeben:
"Ich kann Ihnen nur zwei Adressen von italienischen Ex-Zwangsarbeitern mit Sicherheit nennen; den Kontakt mit manchen italienischen Kollegen habe ich in den vielen Jahren verloren. Aber:
1. Francesco Dari, Viale Europa Unita 163/2, I-33100 Udine, italienischer Lagerführer der Firma Brockhaus Söhne Wiesenthal. Dari und seine Frau sind uns gute Freunde und haben erst kürzlich telefoniert (Tel. 0432/205 089).
2. Dr. Alessandro Bernadini Betti, Via Scipioni 265, I-00100 Roma, Tel. 06/314 312, Lagerarzt vom Lager in der Zeppelinstraße. Mein Mann kennt ihn nicht, aber ich habe ihn in Rom wiedergesehen, auch noch vor wenigen Jahren und sind noch gute Freunde.


Über die 1943 oder 1944 in Plettenberg eintreffenden ehemaligen "IMIs" schrieb Gisela Theiss Sacchetti in der WR vom 26.10.1985 u. a.:

"Dann trafen ca. 700 bis 800 Italiener ein. Ein verlorener Haufen. Schmutzig, hungrig, ängstlich, schlecht ausgerüstet mit Uniformen, enttäuscht, mutlos, verlassen - von der eigenen Regierung und den eigenen Offizieren im Stich gelassen.
Die meisten wurden in Russland von den Russen gefangen. Also: Dawei - zu Fuß. Dann wurden sie -unverständlicher Weise für sie - Gefangene der deutschen Wehrmacht. Also von der Ukraine oder noch weiter entfernt mit dem Marschziel Deutschland, in diesem Fall Stalag Dortmund. Zu Fuß - mit deutschen Flüchen begleitet."

In der WR vom 09.11.1985 schreibt sie u. a. weiter:
...In den Betrieben sei das Verhältnis zwischen Deutschen und Italienern noch freundlich gewesen, berichtete Gisela Theiss Sacchetti in der letzten Folge. Aber die Italiener waren verzweifelt...
Es fehlten die italienischen Offiziere, die den Landsleuten in den Lagern hätten helfen können. Ich musste eine Anrede - nach eigenem Gutdünken - an die versammelten Offiziere vom Offizierlager Meppen richten. Ich flehte und beschwor sie, dass doch Ärzte und Ingenieure zur Mannschaft kommen sollten. Das habe ich nie verstanden: Sie hatten auch nicht so sehr viel zu essen, aber sie wurden ernährt, ohne Arbeit, waren einigermaßen gut gekleidet, hatten eine bessere Ausbildung. Überhaupt keine Reaktion. Kastengeist! Herren zu sein! Verfluchter Unsinn.
Zum Lager in der Nähe der Zeppelinstraße meldete sich - nicht vom Lager Meppen - freiwillig ein römischer Arzt, der manches erreichte, was die anderen nicht fertigbrachten. Mit dem Arzt hatte ich und habe ich guten Kontakt.

Nun kam der Augenblick, in dem die Imi's (Italienische Militärinternierte) Ita's wurden. Ich hoffe, dass die Bezeichnungen einigemaßen stimmen, ganz genau erinnere ich mich nicht. Aber nun gab es ein wesentliches Problem: Die Italiener mussten sich unterschriftlich verpflichten, Zivilarbeiter zu werden. Also frei, aber mit Arbeitszwang und Unterbringung in den gewohnten Lagern, und darauf zu verzichten, nicht mehr Militär zu sein. Zu machen war überhaupt nichts. Flucht war undenkbar. Viele sagten mir, sie hatten einen Eid abgelegt und sie waren nicht bereit, eine Gewaltausübung auch noch durch Unterschrift zu bestätigen.


Quelle: WR Plettenberg 1985

WR-Serie "Zwangsarbeiter in Plettenberg" - Gisela Theiss' Ehemann stöberte in alten Akten
Zu Besuch im Stadtarchiv -
Illio Sacchetti: "Deutsche
haben mich gut behandelt!"

Plettenberg. (man/kr) Ein Wiedersehen mit der Vergangenheit gab es zum Jahreswechsel in Martin Zimmers Stadtarchiv im Keller der Zeppelinschule. Illio Sacchetti aus Biella in Italien war vor genau 40 Jahren schon einmal in Plettenberg, für längere Zeit allerdings. Illio Sacchetti gehörte zu den italienischen Zwangsarbeitern in der Vier-Täler-Stadt. Sacchettis Frau, die kürzlich verstorbene Gisela Theiss Sacchetti, war von 1940 bis 1945 in Plettenberg Dolmetscherin in den Zwangsarbeiter-Lagern und hat in mehreren Folgen in der WESTFÄLISCHEN RUNDSCHAU über ihre damaligen Erlebnisse berichtet.

Stadtarchivar Martin Zimmer, mit dem die WR zusammen in loser Folge die Geschichte der Zwangsarbeiter in Plettenberg aufgearbeitet hat und noch weiter veröffentlichen wird, hatte sich viel Mühe gegeben, um seinem Gast aus Italien Material aus der Zeit des Hitler-Regimes um 1940 vor Augen zu führen. Das Hauptinteresse Sacchettis lag natürlich im Bereich der Zwangsarbeiter-Kartei.


Italienische Soldaten kämpften damals bekanntlich mit deutschen Truppen zusammen an der Ostfront. Erst nahmen russische Soldaten das Spezialbataillon für Funkanlagen, in dem auch Illio Sacchetti kämpfte, gefangen. Dann kamen deutsche Soldaten, die ihrerseits die Russen gefangen nahmen, die Italiener aber nicht freiließen. Als Gefangene der Deutschen gelangten die italienischen Verbündeten ins Deutsche Reich.

Zusammen mit 500 anderen Italienern - von denen heute nach Sacchettis Kenntnis etwa 17 noch leben - wurde Illio Sacchetti zuerst nach Dortmund gebracht. Mit 64 Leidensgenossen kam er in einem Transport nach Plettenberg, wo man die Italiener in verschiedenen Betrieben als Arbeitskräfte einsetzte. Sacchetti arbeitete in der Firma Brockhaus in Wiesenthal.

Die Konstruktion eines Rundfunksenders mit einem Freund wurde ihm fast zum Verhängnis
Der gelernte Elektro- und Rundfunktechniker landete erst in der Werksküche, wurde aber dann als Facharbeiter eingesetzt. So kam er in Kontakt mit deutschen Familien von Brockhaus-Betriebsangehörigen. Die steckten ihm Lebensmittel zu. Es sei ihm da nicht schlecht gegangen, erzählte Sacchetti der WR. "Die Deutschen haben mich recht gut behandelt". Mehr Schwierigkeiten gab es bei den Kontakten zu den Zwangsarbeitern anderer Nationen, den Russen und Polen etwa.

Seine Mutter durfte ihm sogar Päckchen aus Italien nach Plettenberg schicken, solange dies noch möglich war. In einem solchen 4-Kilo-Paket befanden sich 3 Kilogramm Reis, 3 Gläser selbstgemachtes Ragout sowie Tabak und Zigaretten.
Bei der Durchsicht der Zwangsarbeiter-Kartei im Stadtarchiv erkannte der Besucher aus Italien manchen Freund aus dieser Zeit anhand des Passfotos wieder. Bei einer Akte, die ihm Martin Zimmer vorlegte, schossen Illio Sacchetti Tränen in die Augen. Er erkannte auf einem Bild Renato Ripari wieder, der von allen Zwangsarbeiter-Kollegen ihm der aufrichtigste Freund gewesen war.

"An eine Geschichte erinnere ich mich besonders gut", erzählte Illio Sacchetti in gebrochenem aber verständlichen Deutsch. "Zusammen mit meinem Freund Ripari war es mir gelungen einen Radiosender zu bauen, mit denen wir die feindlichen Sender empfangen, aber auch selber Signale senden konnten". Wie sollte es anders sein, die beiden Freunde wurden erwischt. Zur Strafe musste Sacchetti acht Stunden vor einem Führerbild strammstehen, was er der WR im Stadtarchiv vor einem Karteischrank demonstrierte. Normalerweise wäre eine solche Tat mit dem Tode bestraft worden. Dank der Zurückhaltung des Wachpersonals und des damaligen Beauftragten der Firma Brockhaus, Willi Arndts, blieb ihm die Exekution erspart.

An das Verhör erinnert sich Sacchetti: "Zwei SS-Männer warteten auf mich. Ich war jung und verstand die ganze Aufregung nicht. Nachdem ich mir die Vorwürfe angehört hatte, habe ich wütend auf den Tisch geschlagen. Meine spätere Frau, die damalige Dolmetscherin für uns Italiener, Gisela Theiss, fragte mich, ob ich wohl verrückt sei, aber die beiden SS-Männer sahen sich nur an und ließen mich gehen. Finito".

Bei seinem Besuch in Plettenberg zum Jahreswechsel besuchten Martin Zimmer und Illio Sacchetti auch den ehemaligen Brockhaus-Betriebsobmann Willi Arndts. Der heute 66-jährige Sacchetti ist in Italien ein wohlhabender Unternehmer, dessen Elektronik-Firma u. a. Bordcomputer für Rennwagen herstellt. Untergebracht war Sacchetti während seines Besuches bei einem Halbbruder seiner verstorbenen Frau Gisela Theis, Jochen Büchs und dessen jugoslawischer Frau Slavica in Hüinghausen. Zurück in Italien will Sacchetti versuchen, anhand der Kopien aus Zimmers Kartei alte Zwangsarbeiterkollegen ausfindig zu machen.


Quelle: ST vom 04.04.1990

Unterlagen über Zwangsarbeiter
im Archiv der Stadt einmalig!

Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte: Überregionale Bedeutung

Plettenberg. Die Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts wandte sich in einem Schreiben vom Februar an Stadtdirektor Walter Stahlschmidt. Mit seiner Genehmigung veröffentlichen wir diesen Brief, in dem sich die Stiftung sehr positiv über das Plettenberger Stadtarchiv äußert:
In diesen Wochen haben wir ein Forschungsprojekt erfolgreich beendet, das die Geschichte der italienischen Fremd- und Zwangsarbeiter auf dem Arbeitsmarkt des "Dritten Reichs" zum Thema hat. Drei italienische Mitarbeiter unserer Einrichtung waren unter der Leitung von Prof. Sergio Bologna (Mailand) damit befasst.
Das Buchmanuskript wird in den kommenden Monaten ins Deutsche übersetzt und hoffentlich noch 1990 veröffentlicht. Einer der drei Beiträge basiert ausschließlich auf den mündlichen Befragungen noch lebender ehemaliger Fremdarbeiter.
Die erforderliche repräsentative Zahl der Interviewpartner vermochten wir nur mit Hilfe des Stadtarchivs Plettenberg zu erreichen, das - einmalig in der BRD (Bundesrepublik) - die Kartei- und Aktenunterlagen der damaligen "Arbeitseinsatz"-Behörde aufbewahrt und erschlossen hat. Wir wurden dabei von Herrn Martin Zimmer hervorragend betreut. Herr Zimmer konnte uns die Daten und damaligen Adressen von über 80 italienischen Mitarbeitern mitteilen, von denen dann die Suche nach dem jetzigen Aufenthaltsort in Italien ihren Ausgang nahm.
Wir danken der Stadt Plettenberg für ihre hervorragende Archiveinrichtung. Ihre Bedeutung reicht weit über den regionalen Zusammenhang hinaus.


Quelle: Wikipedia
Nachdem Italien mit den Alliierten am 8. September 1943 einen Waffenstillstand schloss, setzte das Deutsche Reich umgehend Befehle in Kraft, die italienische Armee zu entwaffnen und die Soldaten als „Italienische Militärinternierte (IMI)“ zur Arbeit nach Deutschland zu deportieren. Die italienischen Militärinternierten verstärkten die deutsche Kriegswirtschaft um rund 600.000 Arbeitskräfte. Wer den Arbeitseinsatz verweigerte, wurde als „Kriegsgefangener“ eingestuft. Mit diesen Kriegsgefangenen wurde nicht einheitlich verfahren. Teils wurden sie korrekt nach den Vorschriften der HLKO behandelt, teils in Konzentrationslager überstellt, teils zur Zwangsarbeit in die Operationsgebiete an der Ostfront verbracht, teils erschossen.

Italienischer Militärinternierter (IMI) war die deutsche Bezeichnung für diejenigen italienischen Soldaten, die von September bis November 1943 nach Abschluss des Waffenstillstandes zwischen Italien und den Alliierten von deutschen Truppen festgenommen und entwaffnet wurden. Allerdings galten nur diejenigen als Militärinternierte, die sich weigerten, auf der Seite von Hitler und Mussolini den Krieg fortzusetzen. Es handelte sich um etwa 600.000 Mann. Zwar hatte die Wehrmacht ursprünglich geplant, diese Soldaten als Kriegsgefangene zu behandeln, aber auf Befehl Hitlers vom 20. September 1943 wurde der neue Status des Militärinternierten geschaffen. Dieser Status diente dazu, den ehemals verbündeten Soldaten den Status von Kriegsgefangenen zu verweigern, der sie unter den Schutz des III. Genfer Abkommens von 1929 über die Behandlung der Kriegsgefangenen gestellt hätte. Zu diesem Zeitpunkt waren Italien und Deutschland auch nicht im Kriegszustand. Erst am 13. Oktober 1943 erklärte das amtliche Italien Deutschland den Krieg.