Quelle: Plettenberg - Industriestadt im märkischen Sauerland, 1962 S. 119-122

Die "Plettenberger Häher"
Die junge Garde des Natur- und Vogelschutzes im SGV

Von Hauptlehrer Wilhelm Benfer (†), Ohle

Vom Sinn und Wollen
Am 15. Januar 1962 beging die Plettenberger Hähergemeinschaft in einer würdigen Feier ihren 10. Geburtstag. Sie konnte zurückschauen auf zehn Jahre segensreicher Arbeit im praktischen Natur- und Vogelschutz, ist bekannt und geachtet bis weit über die Grenzen der engeren Heimat hinaus.
Über 2000 Nistkästen wurden seitdem in den Werkstätten der Plettenberger Schulen - den Häher-Werkstätten - gebaut. Sie helfen mit, die Wohnungsnot unter den gefiederten Sängern zu beseitigen.

Hunderte großer und kleiner Vogelfutterhäuser, die überall an den Wegen, in den Gärten und Anlagen, an den Häusern und auf den Balkonen zur Winterzeit mit Futter bedacht werden, unzählige Futterhölzer, Futterdächer und Futterglocken sind sichtbare Zeichen ihres erfolgreichen Wirkens. Plettenberg ist heute die Stadt des praktischen Natur- und Vogelschutzes dank der vorbildlichen Arbeit der Hähergemeinschaft und ihrer vielen Freunde.


Sie ist eine Gemeinschaft junger Menschen, die sich die Aufgabe gestellt hat, durch praktische Betätigung im Natur- und besonders im Vogelschutz dem großen Vorbilde Albert Schweitzers nachzueifern und durch ihr Beispiel die Eltern und Bekannten anzuregen, das Wort von der Ehrfurcht vor dem Leben ernst zu nehmen, der notleidenden und hilflosen Kreatur zu helfen. Sie verdankt ihre Entstehung der Gründung des Schulwaldes im Hestenberg im Dezember 1951. An dem regnerischen Morgen des 16. Dezember legte eine kleine Gruppe von Naturfreunden unter Leitung des Herrn Prof. Dr. Budde die junge Kultur oberhalb des Springbrunnen als Schulwald fest. Die sofort geplante und später angelegte Vogelschutzhecke sollte den Bodenbrütern unter den Vögeln Schutz und Nistgelegenheit geben. Man wusste aber auch, dass unter den Höhlenbrütern die Wohnungsnot besonders groß sei, weil die alten, hohlen Bäume der intensiven Nutzung der Wälder längst zum Opfer gefallen waren. So beschloss man, hier unverzüglich ans Werk zu gehen und mit den Entlassschülern Nistkästen für Meisen, Spechte, Eulen, Rotschwänzchen und Bachstelzen anzufertigen.


Klaus Müller beim Bau eines Vogelhauses. Fotos [3]: Archiv H. Hassel

So fing es an!
Aber noch eine andere Erkenntnis führte zwingend auf diesen Weg. Der unvergessene Professor Dr. Hermann Budde hatte uns auf ungezählten Wanderungen die Natur, den Wald, Pflanzen und Tiere kennen und lieben gelehrt. Wir empfanden es als Glück, etwas von der Schönheit naturnahen Lebens zu verspüren, wir lernten wieder, an die Güte der Menschen zu glauben. Das wurde uns allen zur Verpflichtung, die uns anvertraute Jugend durch aktiven Einsatz zur Naturverbundenheit in Herz und Verstand zu führen, sie mehr als bisher zur Ehrfurcht vor dem Leben zu erziehen.
Uns ging es darum, die ethische Forderung "Du, Mensch, weißt, was du tust, vermehre darum niemals Leid in der Natur" mit unseren Kindern zu leben, in der Schulstube und auf unserem Spaziergängen und Wanderungen.

Wir sind der Meinung, dass es eine der schönsten und edelsten Aufgaben des wahren Erziehers ist, die Liebe zur Natur und ihren Geschöpfen in die Herzen der Kinder einzupflanzen und dort fest zu verankern. Uns wurde der Wald, der Baum zum Symbol der gesamten natürlichen Umwelt, Mensch und Tier und Pflanze gleichermaßen umfassend als eine harmonische Lebenseinheit, die sich gegenseitig bedingt. Leider wissen heute viele Menschen nichts mehr von diesen natürlichen Zusammenhängen. . .


Die Vogelschutzwarte Essen lieferte die Baupläne für die Nistkästen. Die Stadtverwaltung half verständnisvoll, sie beschaffte Werkzeuge und Arbeitsmittel, die praktische Vogelschutzarbeit im Werkraum im Keller der Martin-Luther-Schule am Maiplatz lief an. Durch freiwilligen Einsatz aller Entlassschüler - 61 an der Zahl - waren in kurzer Zeit die ersten 38 Nistkästen fertig. Am 12. Februar 1952 zeigten wir sie in einer öffentlichen Schau unter dem Motto: "Uns ruft der Wald! Wir antworteten: Schulwald-Vogelschutz! Hilf auch du!"

Aus Schulbänken werden Vogelhäuschen
Die Bevölkerung der Stadt wurde aufmerksam. Bewährte und erfahrene Vogel- und Naturfreunde stießen zu uns: der verewigte Adolf Hollweg und ein treuer Helfer. Unsere Arbeit erhielt Auftrieb. Schulter an Schulter sind wir seitdem tätig. Noch heute fertigt der letztere mit den Schülern der Martin-Luther-Schule an freien Nachmittagen Vogelschutzgeräte. Abgesetzte Schulbänke lieferten den ersten Werkstoff. Ein fleißiges Hämmern, Sägen, Bohren, Raspeln und Hobeln erfüllten seitdem in den Herbst- und Wintermonaten den Werkraum. Arbeitsgruppen wetteifern miteinander.

Am 27. Februar 1952 konnten die ersten 38 Meisen-Nistkästen im Hestenberg aufgehängt werden, dazu kamen noch 12 Meisengiebel, die gestiftet wurden. Die Leistungskurve stieg, bewegte sich steil aufwärts. 1953 konnten wir 8 große Futterhäuser und 63 Nistkästen bereitstellen. Es reifte der Plan, Adolf Hollweg gab dazu den Anstoß, den fleißigen Schülern als Anerkennung und zur Erinnerung ein besonderes Abzeichen und eine Urkunde zu überreichen und sie als "Plettenberger Häher" zusammenzuhalten.

Über Nacht wurde der Plan Wirklichkeit. Freunde stifteten das Abzeichen. Die Urkunde wurde entworfen. Um unserem Vorhaben den nötigen Rückhalt zu geben, wurden sie der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des behördlichen Naturschutzes und der Landschaftspflege der SGV-Abteilungen im Stadtgebiet Plettenberg unterstellt. Am 19. Dezember 1953 fand erstmalig im Zeichensaal der Martin-Luther-Schule (später im Jugendzentrum am Umlauf) eine Häher-Feierstunde statt, in der der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft in Gegenwart zahlreicher Gäste 61 Entlassschüler mit Urkunde und Abzeichen auszeichnen konnte.

Während bisher die praktische Vogelschutzarbeit nur auf die Martin-Luther-Schule beschränkt war, stießen 1954 weitere Volksschulen zur jungen Hähertruppe. Heute regen sich in den Werkräumen aller Volksschulen und der Pestalozzischule fleißige Hände, um Wohnungen und Futtergeräte für die Vogelwelt zu bauen. . .

Alljährlich findet die Aufnahme der Entlassschüler, die sich im praktischen Vogel- und Naturschutz betätigt haben, immer wieder statt in der Feierstunde der Plettenberger Hähergemeinschaft auf Schweitzers Geburtstag am 14. Januar. Ende 1954 besuchte der Leiter der Vogelschutzwarte Essen, O.-Landwirtschaftsrat Dr. Gasow, mit dem Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Forstassessor Kötter, die Häher bei ihrer Arbeit. Sie sprachen sich lobend und anerkennend über die Art des Einsatzes der Jugend aus. Zur gleichen Zeit stellte die Stadtverwaltung erstmalig einen Betrag zur Beschaffung von Vogelfutter zur Verfügung und hat das bisher dankenswerterweise als stille Verpflichtung beibehalten.

1956 Tonfilm "Der Wald
braucht junge Freunde"

1956 gingen die Ohler Häher unter die Filmleute. Der Landjugend-Beratungsdienst des AID aus Bad Godesberg kam mit der Melophon-Filmgesellschaft Wiesbaden und wählte die Akteure. Bald surrte die Kamera. Der Tonfilm "Der Wald braucht junge Freunde" entstand in mühsamer Arbeit bei z. T. ungünstiger Witterung in Ohle, Eiringhausen und im Waldjugendheim Ringelstein bei Büren...

Nachdem der Film auf der Häherfeier am 14. Januar 1957 in Plettenberg und Plettenberg-Ohle seine interne Erstaufführung erlebt hatte, wurde er am 23. Januar 1957 auch offiziell uraufgeführt im Residenz-Theater in Bad Godesberg vor einem Kreis geladener Gäste und der Mehrzahl der kleinen Akteure. . .
Erwähnen wir für alle Schulen in diesem Jahr den lobenswerten Einsatz der Bremcker Häher: Sie fertigten 1961/62 in den Herbst- und Wintermonaten allein 60 Nisthöhlen durch Ausbohren von Birkenstämmen an, die sie mit Asbestschieferdeckel oben abschlossen. Davon wurden 30 an den Wegen nach Grävinglöh aufgehängt, die restlichen von den Jungen in eigenen Hausgärten und Obsthöfen angebracht.

Nachtrag: Einer der Hauptinitiatoren, Motor und Ideengeber für den Schulwald, die Hähergemeinschaft und den Vogelschutz war Hauptlehrer Wilhelm Benfer selbst. Als Verfasser des vorliegenden Berichtes hat er aber sein eigenes Engagement aus Bescheidenheit nicht erwähnt. Das sei hiermit nachgeholt.


ST-Jahresrückblick Januar 1961:
13. In der Häher-Feier am Vorabend des Geburtstages von Alb. Schweitzer kann berichtet werden, daß die Plettenberger Häher bisher insgesamt 2.068 Nistkästen gebastelt haben.
AvSchw-Chronik Januar 1958: Im Mittelpunkt des Jahresfestes der "Plettenberger Häher" stand diesmal ein Lichtbildervortrag des Schriftstellers Julius Eigener: "Mit der Vogelwelt auf Du und Du".
AvSchw-Chronik Januar 1959: Zum siebten Male fand sich die "Häher"-Gemeinschaft am Anfang eines neuen Jahres zusammen, um einen Rückblick auf die Arbeit der vergangenen zwölf Monate zu werfen und neue junge Mitglieder in ihren Kreis aufzunehmen. 95 Entlassschüler wurden in die Gemeinschaft aufgenommen. Gedichte und Worte Albert Schweitzers wurden in der Feierstunde von Schülern der Ohler Gemeinschaftsschule vorgetragen.


Quelle: Süderländer Tageblatt vom 15.01.1966

"Häher"-Feier im Plettenberger Jugendheim
123 neue "Häher" wurden wieder aufgenommen - Die Liebe Albert Schweitzers galt der hilflosen Kreatur

Plettenberg. Im Jugendheim fand am gestrigen Freitag, dem Geburtstag Albert Schweitzers, wieder eine "Häher"-Feier statt, in der insgesamt 123 neue "Häher" in die "Häher"-Gemeinschaft aufgenommen werden konnten; eine solch hohe Zahl, wie sie schon seit Jahren nicht mehr auftauchte.

Der Leiter der SGV-Arbeitsgemeinschaft, Oberstudienrat Heinrich Wolf, begrüßte den wieder einmal mit jungen Besuchern gefüllten Saal, zu denen sich aber auch einige Gäste gesellt hatten. Zum ersten Mal, so sagte der Redner, müsse man bei dieser 14. Häher-Feier nicht mehr eines lebenden, sondern eines toten Albert Schweitzer gedenken. Denn dieser sei vor etwa einem halben Jahr heimgerufen worden. Aber so, wie sein Werk in Lambarene in seinem Geiste weitergehen wird, so soll auch die Arbeit der jungen "Häher" in Plettenberg in seinem Sinne fortgeführt werden.

Oberstudienrat Wolf dankte allen, die auch in diesem Jahre an dieser schönen Arbeit wieder beteiligt waren, vor allem aber Otto Hücking, der die "Seele" der Gemeinschaft durch seine ständige und unermüdliche Mithilfe darstelle und überreichte diesem wieder ein schönes Präsent. Ferner brachte er all denen seinen Dank zum Ausdruck, die an der Ausgestaltung dieser Feier mitwirken.

Rektor (Armin) Born erinnerte daran, dass man nun schon seit einer langen Reihe von Jahren jeweils am 14. Januar zusammenkäme und dass dieser Tag im Leben der Plettenberger Schulen schon eine ganz besondere Bedeutung gewonnen habe. Nun habe man sich hier zum 14. Male versammelt, um wieder neue "Häher" aufzunehmen. Parallel mit dem 14. Kanuar aber gehe der 4. Oktober als Welttierschutztag. Beide Daten seien nicht ohne Grund gewählt. Der 4. Oktober ist bekanntlich der Todestag des Heiligen Franz von Assisi, der mit den Vögeln sprach. Und 750 Jahre später ging wieder ein Mann über die Erde, der die Sprache der Tiere verstand, Albert Schweitzer. An seinem Geburtstag begehe man darum diese Feier.

Ein halbes Jahrhundert habe dieser Albert Schweitzer in Lambarene zugebracht und unermüdlich Hilfe geleistet. Zu selten aber erinnere man sich daran, dass seine Liebe vor allem auch der hilflosen Kreatur gegolten habe. "Für jedes Tier, das ihr tötet, ohne dass es sein muss, werdet ihr ein großes Palaver mit Gott erleben", so sagte er seinen Schwarzen. Und dieses Wort gilt auch für uns alle. Immer mehr müsse es zu einer Selbstverständlichekit werden, dass es menschenunwürdig sei, ein Tier zu quälen.

Seine jungen Zuhörer seien nicht nur in ihrer Schulzeit Naturschützer, sondern sie sollten diese schöne Aufgabe ihr ganzes Leben hindurch wahrnehmen. Auch Bäume, Sträucher und Pflanzen gehören zu den Geschöpfen, die eines solchen Schutzes bedürfen. Rektor Born übermittelte an alle jungen "Häher" den Dank der Arbeitsgemeinschaft Natur- und Landschaftsschutz. Wieder einmal rief er ihnen den Wahlspruch der "Häher" in Erinnerung: "Habt Ehrfurcht vor dem Leben! Du, Mensch, weißt, was du tust! Vermehre darum niemals das Leid in der Natur!"

Anschließend übergab er den Vertretern der einzelnen Schulen die Urkunden und Abzeichen für die jungen Häher. Dazu konnte er diesmal aber auch schöne Jugendherbergs- und Tierschutzkalender ausgeben, die gespendet worden waren.

Der Kinderchor der Zeppelinschule unter Leitung von Rektor H.(einz) Fricke erfreute durch gesangliche Darbietungen, die Geschwister Jünemann wirkten ebenfalls wieder mit, und Lehrer von Pankratz von der Martin- Luther-Schule ... Kinder durch Musik und Wort von der großen Bedeutung der Liebe zum Tier sprechen.

Auch diesmal hatte man die Feier mit einem interessanten Buntfilm-Vortrag wieder verbunden, und zwar hatte man Hugo Wolter vom Bund für Vogelschutz wieder verpflichtet, der schon einmal durch einen außerordentlich interessanten Vortrag in diesem Kreise erfreut hatte. Herr Wolter hat fünf Sommer als Vogelwart auf der kleinen Nordseeinsel Trieschen bei Cuxhaven zugebracht und von seiner vielfältigen Arbeit dort einen Buntfilm hergestellt, den er nun zeigte. . .


Quelle: Schulchronik der Gemeinschaftsschule Ohle, S. 65, 14.01.1960

14. Jan. 1960 Feierstunde der Hähergemeinschaft im Jugendheim
Am 85ten Geburtstag Albert Schweitzers wurden 72 Plettenberger Jungen und Mädchen in feierlicher Form mit Urkunde und Hähernadel ausgezeichnet. Es lag tiefer Schnee. (siehe Bericht ST vom 15.01.1960).
In den 8 Jahren ihres Bestehens sind von der Hähergemeinschaft Plettenberg gebaut worden:
      über 400 große Vogelfutterhäuschen
      über 1.000 kleine Vogelfutterhäuschen
      über 2.000 Nistkästen für Meisen, Stare und Halbhöhlenbrüter.
An diesem stolzen Erfolg sind nicht zuletzt die Lehrer der verschiedenen Schulen beteiligt.


Quelle: Schulchronik der Gemeinschaftsschule Ohle, S. 47, 14.01.1959

Zu erwähnen ist der 14. Januar 1959. Albert Schweitzer wurde 84 Jahre alt und 21 Schüler/-innen erhielten in einer Feierstunde der Hähergemeinschaft Plettenberg Urkunde und Abzeichen der Plettenberg Häher. Bisher haben die Jungen und Mädchen im letzten Schuljahr 1958/59
      25 gr. Vogelfutterhäuser und
      18 kl. Vogelfutterhäuser
in ihrer freien Zeit gebaut, die im Ortsbild überall nun zu sehen sind. Die Feier fand statt in der neuen Turnhalle der Eschenschule.