Totaldemontage bei Achenbach & Sohn
Maschinen in Ohle abgebaut und in Griechenland als Schrott verkauft - Demontageliste am 16. Oktober 1947 veröffentlicht

Horst Hassel

Plettenberg. Wie erlebten und überlebten die heimischen Betriebe den Zusammenbruch der Wirtschaft bei Kriegsende? Die britische Besatzungsmacht hatte zunächst alle Betriebe, die keine lebensnotwendigen Güter herstellten, geschlossen. Das traf alle metallverarbeitenden Plettenberger Betriebe. Nur mit einem "Permit", also einer offiziellen Genehmigung der Militärbehörde - das waren im August 1945 mal gerade 26 Betriebe -, durfte wieder produziert werden. Den größten Einschnitt aber brachte die am 16. Oktober 1947 veröffentlichte "Demontageliste". Wer auf dieser Liste stand, dem wurden, wie den Firmen W. O. Schulte und Achenbach & Sohn, sämtliche Maschinen abgebaut.


Die Demontage der Maschinen erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die Betriebe nach langer Durststrecke endlich wieder auf Touren kamen. Besonders tragisch war es, dass manche Firmen ihren Maschinenpark bis zur letzten Schraube verloren, während andere unbehelligt blieben. Bei der Firma W O. Schulte wurden 127 Maschinen abgebaut und als Reparation der Bundesrepublik für die Zerstörungen in England und anderswo verrechnet. Der Abbau der Maschinen erstreckte sich über das gesamte Winterhalbjahr 1948/49. Zurück blieben leere Werkhallen. Einzig ein Stück Papier mit dem völlig irrationalen Titel "British Forces / Control Commission demand form / Bestellungsformular der Britischen Streitkräfte / Kontrollkommission für Deutschland" bekamen die Firmeninhaber als "Quittung". Die W. O. Schulte-Maschinen wurden zunächst nach Luxemburg transportiert, dürften dann später in britischen Betrieben gelandet sein.


In dieser Anzeige reklamieren die beiden Firmen Achenbach & Sohn sowie W. O. Schulte, dass ihre Betriebe komplett demontiert wurden, sie aber dennoch den vollen Lastenausgleich zahlen mussten und keinerlei Entschädigung bekommen haben.

Bei der Firma Achenbach & Sohn in Ohle kam der Demontagebefehl am 25. November 1948. Die Demontage begann am 6. Dezember. Wöchentlich musste Meldung über die Anzahl der bisher demontierten Maschinen erstattet werden. Angeordnet worden war die "Totaldemontage". Das bedeutete, sämtliche Maschinen und Transportanlagen wurden abgebaut. Das war im April 1949 durchgeführt. Die demontierten Maschinen wurden nach Griechenland gebracht und dort als "Schrott" verkauft.

Auch die Schraubenfabrik Graewe & Kaiser in Eiringhausen stand auf der Demontageliste. 30 Maschinen sollten abgebaut werden, es waren dann aber letztlich "nur" 12 der wertvollsten Spezialmaschinen, die abtransportiert wurden. Im August 1948 erfuhren die Verantwortlichen der Firma Kaltwalzwerk Brockhaus in Eiringhausen durch eine Radiomeldung, dass ihr Betrieb für die Demontage vorgesehen war. Eine englische Kommission traf wenig später in Eiringhausen ein und bestimmte die zum Abbau und Abtransport bestimmten Maschinen. Mitarbeiter der Firma Kaltwalzwerk Brockhaus mussten die Demontage vornehmen und die abgebauten Maschinen in einer Halle zum Abtransport bereitstellen. Aus unbekannten Gründen verzichteten die Engländer dann aber doch auf den Abtransport.

Auf fast schon komische Weise entkam die Firma Ernst E. Fastenrath der Demontage. Obwohl in der Mutternfabrik in Holthausen lauter selbstentwickelte, technisch hochmoderne Mutternautomaten standen, tauchten keine alliierten Demontierer dort auf. Ernst E. Fastenrath hat in seinem Lebensrückblick "Der eigene Weg" die Hintergründe so geschildert:

"Unsere Feinde machten sich den Sieg zunutze indem sie unsere Fabriken besichtigten und sich das herausholten, was ihnen wertvoll erschien. So wurde manche schöne Fabrik demontiert. Ich machte mir Sorgen wegen meiner besonders wertvollen Maschinen. Ich vermutete, dass sie davon gehört hatten und wunderte mich, dass niemand zu mir kam. Jeden Tag las man neue Namen von Firmen, die unter die Demontage gefallen waren und die oft längst nicht so wertvolle Maschinen wie ich besaßen. Das klärte sich eines Tages auf, als mein Bruder, der eine kleine Holzschraubenfabrik besaß, zu mir kam und erzählte, dass die Engländer bei ihm gewesen seien und sich seine Maschinen besehen hätten. Da sie aber nichts besonderes fanden, wären sie enttäuscht wieder fortgegangen. Sie hätten Äußerungen getan, als ob sie etwas Besonderes erwartet hätten. Da wurde es mir klar, dass sie meine Maschinen gesucht hatten und man die Firmen verwechselt hatte."

Die Demontagen zeugen von den Erschwernissen, mit denen die heimische Wirtschaft nach dem Krieg zu kämpfen hatte. War es zunächst schwierig, ein Permit, Material, Strom oder andere Betriebsstoffe für den Neustart der Produktion zu bekommen, dann die Währungsreform und den Start der D-Mark zu meistern, warfen die dann folgenden Demontagen manche Betrieb im Stadtgebiet auf "Null" zurück. Doch die Firmenchefs und ihre Mitarbeiter krempelten die Ärmel hoch, ihr Aufbauwille sorgte für das heute unter dem Namen "Wirtschaftswunder" bekannte Phänomen. Der zunächst als Nachteil erkannte Niedergang durch die Demontagen erwies sich im Aufschwung als Vorteil: mit neuen und moderneren Maschinen als vor dem Krieg waren mehr, kompliziertere und maßgenauere Produkte herzustellen.


Diese seltsame Quittung "British Forces / Control Commission demand form / Bestellungsformular der Britischen Streitkräfte / Kontrollkommission für Deutschland" hat die Firma W. O. Schulte für ihre demontierten Maschinen bekommen.

FAKTEN
  1945 gab es in Plettenberg 20 Gesenkschmieden, 5 metallverarbeitende Betriebe, 4 Betriebe für landwirtschaftliche Handgeräte (Gabeln, Harken), 14 Schrauben- und Mutternfabriken, ca. 50 Firmen der Kleineisenindustrie, 2 Ziegeleien und 3 Sägewerke
  1939 waren ca. 5500 Personen in der heimischen Industrie beschäftigt, 1945 lediglich rd. 750 Personen.
  Im Oktober 1945 hatten 45 Betriebe in Plettenberg schon ein "Permit to Re-open", in Altena waren es 39, in Werdohl nur 16 Betriebe.
  Am 01.01.1947 erfolgte der Zusammenschluß der Amerikanischen und Britischen Zone zum Vereinigten Wirtschaftsgebiet ("Bizone").
  Ende 1949 wurden die Demontagen mit wenigen Ausnahmen eingestellt.


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