Fortsetzung von: "Oestertalsperre feierte ihr 75jähriges Bestehen" aus SÜDERLAND - HEIMATLAND
Nr. 75, Samstag, 08. April 1978
Autor: Horst Hassel

1,15 Mio. Goldmark zu 3,75 Prozent Zinsen

Zur Beschaffung des Baukapitals wurde nun Verbindung mit der Provinz Westfalen in Münster aufgenommen. Zunächst wurde ein bares Darlehen in Höhe von 1.150.000 Goldmark zu einem Zinssatz von 3 3/4 Prozent aufgenommen. Die Zinsen und die Tilgungsart (1/2 Rate jährlich) waren halbjährlich am 31. März und 1. Oktober mit einem Betrag von 24.437,50 Mark an die Kasse der Landesbank in Münster portofrei zurückzuzahlen. Die erste Rückzahlung hatte, da die Schuld-Urkunde am 6. November 1908 unterzeichnet wurde, demnach am 31. März 1909 zu erfolgen.

Auf Grund der ersten Ausschreibung übernahm die Firma Hermann Schütte aus Barmen, die soeben die Versetalsperre (später umbenannt in "Fürwiggetalsperre") fertiggestellt hatte, den Bau der Sperre zum Angebotspreis von 900.000 Mark. Einige Monate nach dem Baubeginn geriet die Firma in Konkurs. Kaum begonnen, war der Bau der Talsperre schon beendet und eine neue Ausschreibung mußte erfolgen.

Im November 1905
November 1905: Die Firma Boswau & Knauer aus Düsseldorf hatte die Arbeiten übernommen

Die Firma Lennartz, Ehrenbreitstein, führte im Jahre 1904 die Arbeiten weiter. Aber auch diese Firma mußte im darauffolgenden Jahr ihre Zahlungen an Arbeiter und Fuhrunternehmen einstellen. Langwierige Prozesse und neue Verhandlungen waren die Folgen für die Oestertalsperrengenossenschaft. Im August 1905 war endlich ein neuer Unternehmer gefunden. Die Firma Boswau & Knauer aus Düsseldorf übernahm die Arbeiten. Die Baukosten waren mittlerweile von 900.000 auf 1,2 Millionen Goldmark geklettert.

Die Transportbahn wird blockiert
Im Dezember 1905 bahnte sich erneut ein Unheil an. Im "Süderländer Wochenblatt" vom 4. Dezember 1905 steht folgende Meldung: "Heute früh wurde die Transportbahn der Oestertalsperre, von der Baugrube nach den Steinbrüchen (an der Endert), von einem Teil der Grundbesitzer gesperrt und zwar an 10 Stellen. Der Grund ist in Differenzen mit der Genossenschaft zu suchen. Die Maschinen mußten umkehren und die Steintransporte völlig einstellen."

Transportbahn
Drei Kilometer lang war das Gleis der Feldbahn, die aus einem Steinbruch unterhalb Dingeringhausen bis zur Sperrmauer führte.

Die Verhandlungen zwischen Firma und Genossenschaft sowie Grundstückseigentümern scheinen ohne Ergebnis verlaufen zu sein, denn gut eine Woche später werden die Arbeiten an der Sperre (rechtswidrig) ganz eingestellt. Als Begründung wurden "Differenzen zwischen der Baufirma und der Genossenschaft" angegeben.

Die Arbeiter wurden entlassen und erhielten ihre Löhnung. Auch hiernach folgte ein langer Streit zwischen den Vertragsparteien, zu dessen Klärung nach gerichtlichen und außer- gerichtlichen Verhandlungen ein Schiedgericht eingesetzt wurde.

Bei den Verhandlungen, die u. a. am 13. Februar 1906 im Sachsenhof in Leipzig stattfanden, kam es zu gegenseitigen Vorschlägen, doch führten diese zunächst nicht zu einer Einigung. Das weitere Verfahren fand erst 23. Dezember 1909 seinen Abschluß.

In eigener Regie klappte es

Nachdem die Genossenschaft auf diese Art und Weise genügend schlechte Erfahrungen gesammelt hatte, entschloß man sich im Jahre 1906, den Bau in eigener Regie zu vollenden. Zu diesem Zeitpunkt war ein Drittel der Mauer fertiggestellt. Die Genossenschaft übertrug dem Regierungsbaumeister Schäfer die weiteren Arbeiten. Unter seiner Leitung gingen die Arbeiten nun wirklich zügig voran.

Dies geht auch aus mehreren Meldungen hervor, die im Jahre 1906 im "Süderländer Wochenblatt" über den Fortgang der Arbeiten berichteten. Ende Juni 1906 sind etwa 120 bis 130 Maurer und 500 Arbeiter an dem Werk beschäftigt. Die bis dahin höchste Tagesleistung wird am 24. Juni 1906 mit 500 Kubikmeter Mauerwerk erzielt. Zu diesem Zeitpunkt sind etwa die Hälfte der Maurerarbeiten (30.000 cbm) fertiggestellt.

Gastarbeiter anno 1906
Nicht immer reibungslos verläuft das Leben in den Arbeiterbaracken. Italiener, Kroaten und andere Nationalitäten wohnen und arbeiten auf engstem Raum zusammen. Hier eine Meldung vom 1. Juni 1906: "Auf bisher noch nicht geklärte Weise entstand in der Nacht vom Samstag auf Sonntag in einer der Italiener-Baracken an der Oestertalsperre ein Feuer. Der Brandherd nahm seinen Anfang in einer Kochbude. Einige Bürgersleute eilten herbei und schlugen Lärm, sonst wären die in der Nachbarbaracke sorglos schlafenden Arbeiter ein Opfer der Flammen geworden. Sie kamen jetzt noch mit dem Schrecken davon."

Die größten Schwierigkeiten hatte der Regierungsbaumeister Schäfer mit der Beschaffung brauchbarer Bruchsteine.

Im Juni 1906 werden immer neue Tagesrekorde bei der Verarbeitung von Mauerwerk gemeldet. Die Sperrmauer wächst rasant.

Die Feldbahn von der Mauer bis zum Steinbruch unterhalb Dingeringhausen hatte ein drei Kilometer langes Schienenband. Alle übrigen Baumaterialien mußten mit der Plettenberger Kleinbahn oder durch den Fuhrunternehmer Schlahme bis Wiesenthal transportiert werden. Von dort ging es dann ebenfalls mit einer Feldbahn weiter bis zur Sperrmauer.
Mit großem Stolz wurde im "Süderländer Wochenblatt" von immer neuen Tagesrekorden an fertiggestelltem Mauerwerk berichtet. Am 5. Juli 1906 erscheint ein zusammenfassender "statistischer" Bericht für den Monat Juni: "An der Oestertalsperre sind im Monat Juni an 24 Arbeitstagen im ganzen 3.280 Kubikmeter Mörtel und ca. 9.600 Kubikmeter Mauerwerk hergestellt. Dies ergibt für einen Arbeitstag einen Durchschnitt von 400 Kubikmetern. Beschäftigt waren im Schnitt täglich 128 Maurer und 510 Arbeiter. Die höchste Tagesleistung wurde am 25. Juni mit 530 Kubikmetern erreicht, wobei 130 Maurer und 518 Arbeiter beschäftigt waren. Daneben wurden ca. 2.400 Kubikmeter Boden und 650 Kubikmeter Lehm für die Anschüttung an der Wasserseite bewegt."

Täglich 50 Lkw-Ladungen transportiert
Welche großartigen Leistungen dies für die damalige Zeit waren, erkennt man, wenn man die Zahlen auf die heutige moderne Technik umrechnet. Um den im Monat Juni verarbeiteten Mörtel anzuliefern, müßten heute über 500 Betonmischfahrzeuge auffahren (täglich 22 Fahrzeuge). Um die Steine für das täglich verarbeitete Mauerwerk zu transportieren, würde man heute fast 50 Schwerlastkraftwagen benötigen.

Um die noch vorhandenen Bestände an Steinen, Holz, Kalk usw. einer nutzbringenden Verwendung zuzuführen, beschloß die Genossenschaft kurz vor Beendigung der Sperrenarbeiten den Bau eines Genossenschaftshauses. So entstand das direkt an der Sperre liegende schmucke Gasthaus. Es diente nicht nur dem Talsperrenwärter als Wohnung, sondern war alljährlich in den Sommermonaten ein beliebter Aufenthalt für Gäste aus nah und fern. Sie erfreuten sich an dem herrlichen Ausblick, den der See und die dahinterliegenden Berge boten.

Als "Zugabe" noch ein Elektrizitätswerk
Doch bevor die Sperre fertiggestellt war, schloß die Genossenschaft zur Ausnutzung des direkten Wassergefälles einen Pachtvertrag mit den Lenne-Elektrizitäts- und Industriewerken Hagen, die im Jahre 1898 ein (Wasserlauf-)Kraftwerk bei Siesel gebaut hatten, ab. Daraufhin wurde einige hundert Meter unterhalb der Sperrmauer ein Kraftwerk errichtet. Durch große unterirdische Rohrleitungen wurde das Kraftwerk mit dem Ablaufstollen verbunden. Am 26. Juni 1907 berichtet das "Süderländer Wochenblatt": "An dem Elektrizitätswerk direkt unterhalb der Oestertalsperre entwickelt sich zur Zeit eine rege Bautätigkeit. Die mächtigen Druckrohre werden verlegt. Auf der Sperrmauer sind heute die Asphaltierungsarbeiten beendet worden."

Unter großen Schwierigkeiten und mit einem Kostenaufwand von 1.800.000 Goldmark ist der Bau der Oestertalsperre zuende geführt worden. Seine hohe wirtschaftliche Bedeutung für das Oestertal und die Stadt Plettenberg stehen außer Frage. Die Baugelder sind von der Landesbank der Provinz Westfalen in Münster zu 3 3/4 Prozent Zinsen und 1/2 Prozent Amortisation entliehen worden und konnten im Jahre 1923 zurückgezahlt werden.


Anläßlich des 25-jährigen Talsperren-Jubiläums 1928 stellten sich die Mitglieder der Oestertalsperren-Genossenschaft mit Landrat Thomee (6. v. li.) zum Erinnerungsfoto auf der Talsperrenmauer. Zu sehen sind (es liegt ein Transparentblatt mit aufgedruckten Namen über dem Bild): Walter Au, Amtmann Steinhaus, Otto Pickardt, Paul Brockhaus jr., Wilh. Annemann, Geheimrat Thomee, Hugo Allhoff, J. Rempel, Reg.-Ass. Ley, Oberregierungsrat u. Baurat Schäfer, Bürgermeister Dr. Schneider, W. Dunkel, Walther Brockhaus, Hugo Niggemann, Otto Reinländer, Gustav Köster, Julius Brockhaus, H. Hüsmert, Ernst Mylaeus, Hch. Gilbert, Carl Mylaeus, Werner Brockhaus, W. Allhoff, Hch. Holthaus, Gustav Voß.
Quelle: Festschrift "50 Jahre Oestertalsperre 1903 - 1953", Hrsg.: Oesterwasserverband.
(In SÜDERLAND - HEIMATLAND v. 08.04.1978 wurde irrtümlich 1907 als Fotodatum angegeben)

Die feierliche Eröffnung der Talsperre findet am 31. Juli 1907 statt. Zur Einweihung sind erschienen: Landrat Thomee, Bürgermeister Köhler, Amtmann Struchtemeier, Regierungs-Baudirektor Schäfer sowie Herren vom Vorstand und Mitglieder der Genossenschaft. Dem Vorsitzenden der Genossenschaft, Paul Brockhaus, wurde bei dieser Gelegenheit für seine Verdienste um den Bau der Oestertalsperre der rote Adlerorden 4. Klasse, dem Regierungsbeamten Schäfer der Kronenorden verliehen. Paul Brockhaus verlas die in den Schlußstein zu legende Urkunde, darauf folgten die üblichen Hammerschläge, die Paul Brockhaus mit den Worten begleitete: "Des Wassers Flut durch dich gebannt, zum Segen für das Oestertaler Land."


Am 02.11.2000 wurden diesem Zeitungsbericht Fotos und folgendes Gutachten angefügt (Quelle: Stadtarchiv)

Aachen, den 20. Oktober 1899:

GEOLOGISCHES GUTACHTEN
betreffend Anlage einer Talsperre im Ebbeke- (Oesterau-)-Tale bei Himmelmert

Die Talsperre, welche im Ebbecke-Tale bei Himmelmert projektiert ist und deren Sperrmauer etwa 500 Meter oberhalb der Papiermühle errichtet werden soll, liegt im Gebiet einer Schichtenfolge, welche auf der v. Dechen'schen Karte zum Lenneschiefer gezogen wird, diesem aber nicht angehört, sondern wesentlich älter ist. . . Die Gesteine bestehen aus dick- und uneben spaltenden, grauen Tonschiefern mit Zwischenlagen von hellfarbigen, oft fast weißen Quarziten. Gelegentlich finden sich auch echte Grauwacken-Einlagerungen. Schiefer walten indessen bei weitem vor, und insbesondere treten an der Stelle der Sperrmauer die Quarzite zurück.
Das Schichtenstreichen ist dort, wo es mit Sicherheit beobachtet und gemessen werden konnte, normal, d. h. in Stunde 4 - 4 1/2, das Einfallen nach Nordwesten gerichtet. Unter einer wenig mächtigen Decke von Schiefer- und Quarzit-Schutt, dem sich von der Höhe heruntergerollte Porphyre trocken zugesellen, steht allenthalben das feste, geschlossene Gestein an, auch in der Talsohle unter den Bach-Alluvionen.
Das Gebirge ist, da wesentlich schiefrig und geschlossen, als schwer durchlässig für Wasser anzusehen, und es ist nicht zu befürchten, dass nennenswerte oder auch nur bemerkbare Wassermengen aus dem Stausee in das Gebirge eintreten können.
Da, wie angegeben, die Schichten in h. 4 streichen, also parallel dem Talgehänge, so wird der Druck der Sperrmauer ziemlich genau senkrecht auf die Schichtfugen gerichtet sein. Die Schichtenlage ist demnach eine günstige und die Beschaffenheit der Gesteine eine derartige, dass sie sich als Fundament für die Sperrmauer gut eignen.
Als Baumaterial sind die in mehrfachen Einlagerungen auftretenden Quarzite besonders beachtenswert. Dieselben sind in genügender Menge vorhanden; sie sind äußerst hart und kaum verwitterbar, dabei teilweise lagerhaft, allerdings wegen ihrer Härte schwer zu bearbeiten.

Man kann also die geologischen Verhältnisse als günstig für die Anlage einer Talsperre bezeichnen.

gez. Dr. E. Holzapfel, Professor a. d. Kgl. Techn. Hochschule
(Die Richtigkeit der Abschrift bescheinigt: O. Intze, Prof., Geh. Reg.Rat, Aachen im Dezember 1900)


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