Quelle: "Das Arbeitserziehungslager Hönnetal", von Peter Witte ©, Auszüge aus seiner Arbeit in "700 Jahre Beckum - Die Geschichte eines Dorfes im Sauerland", (Arnsberg 1985), pp.219-225.

Die Errichtung des Lagers

Eines morgens rumpelt ein überladener Bus in den Bahnhof Sanssouci. Bis unter das Dach ist er vollgestopft mit löchrigen Decken, jämmerlich dünnen, zerfetzten grau-braunen Jacken, Hosen und Mützen. Der Gestapoangestellte Karl H. ist der Leiter der Kleiderkammer eines anderen Erziehungslagers und hat letzte Vorbereitungen für den unmittelbar bevorstehenden Einzug von 400 gefangenen russischen Zwangsarbeitern zu treffen. Im Steinbruch der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerksgesellschaft sieht Karl H. zahlreiche Häftlinge mit Presslufthämmern bei der Arbeit. Einige Holzbaracken stehen schon. Ein hoher Stacheldrahtzaun mit rohen Holzpfählen wird gerade errichtet.

...Der Oberregierungsrat Dr. Erich Roth, Leiter der Gestapo Dortmund, schreibt am 29.12.1944 an den Regierungspräsidenten Eickhoff:
"Das Arbeitserziehungslager der hiesigen Dienststelle (Ostarbeiterlager) ist im September dieses Jahres von Hunswinkel/b. Lüdenscheid, wo die Häftlinge Erdarbeiten an der Versetalsperre ausführten, wegen Einstellung dieser Arbeiten nach Sanssouci im Hönnetal verlegt worden. An der neuen Arbeitsstelle werden von der Organisation Todt im Auftrage des Reichsbeauftragten Geilenberg sehr eilige Steinbrucharbeiten durchgeführt."
...
Als einer von zahlreichen Standorten für unterirdische Benzinfabriken wird der Steinbruch "Emil I" in Oberrödinghausen festgelegt. Eine große Geheimbesprechung im "Grünen Haus" leitet am 27.07.1944 das Projekt "Schwalbe I" im Hönnetal ein. Zwischen dem Oktober 1944 und dem folgenden April werden hier 10.000 Zwangsarbeiter verschiedener Nationalitäten im Handvortrieb 2.500 Meter Stollen in den zähen Fels schlagen. Der Abraum beträgt über 200.000 Kubikmeter mit einem Gewicht von mehr als 600.000 Tonnen. Das sind drei Güterzüge täglich.


In diesem einst grün angestrichenen Haus im Steinbruch "Emil I" in Oberrödinghausen, das ehemalige Junggesellenwohnheim der Kalkwerke, traf man sich am 27.07.1944 zur Geheimbesprechung, um das Projekt "Schwalbe I" zu starten.

Das größenwahnsinnige und sinnlose Projekt, einzig dazu tauglich, den Krieg zu verlängern, wurde kurz vor seiner Vollendung in der letzten Märzwoche 1945 eingestellt. Den Preis dafür bezahlt haben vor allem die Sklavenarbeiter aus den Lagern in Menden, im Biebertal, in Oberrödinghausen und auch Sanssouci. Die Gesamtzahl der im Hönnetal zu Tode gekommenen ließ sich bis heute nicht annähernd ermitteln.

Das Personal des Lagers
Das neue Lager in Sanssouci untersteht, wie zuvor Hunswinkel, der für den Regierungsbezirk zuständigen Staatspolizeistelle Dortmund. Sie stellt auch die Lagerverwaltung. Lagerleiter ist der 59-jährige Kriminalobersekretär und SS-Sturmscharführer Karl Gertenbach, ein Mann von beispielloser Härte und Brutalität, gefürchtet sogar von den eigenen Männern. Dieser große, bullige Kerl, von Untergebenen nur als "fettes Schwein" bezeichnet, ist als Vorgesetzter der Verantwortliche für alle Exzesse und Verbrechen im Lager. Er verfügt über reiche Erfahrungen: Als Beamter verbotenerweise schon NSDAP-Mitglied seit 1932, Gestapo Dortmund seit 1933, Leiter der Außenstelle Lüdenscheid seit 1936, aktiv in der "Reichskristallnacht" und bei den Judendeportationen im Landkreis Altena, seit dem Frühjahr 1943 dann Lagerleiter des Arbeitserziehungslagers (AEL) Hunswinkel, das in den viereinhalb Jahren seines Bestehens 500 Opfer forderte.

In drei Gerichtsurteilen gegen Gestapo-Angehörige ist auch Gertenbachs Wüten am Rande erwähnt: Dutzende Erschießungen "auf der Flucht" (für den Schützen gab es Sonderurlaub), Hinrichtungen durch Erschießen und Erhängen, die führende Beteiligung an einem Massenmord in den letzten Wochen. Den Gerichten ist aber nicht bekannt geworden, dass dieser Mann auch im Hönnetal seine blutige Spur hinterließ. Im Lager von Sanssouci findet Gertenbach seine letzte große Aufgabe.

Unter dem Lagerleiter steht die Lagerverwaltung aus 7 bis 10 Gestapoangehörigen. Um die 25 Schutzpolizisten, durchweg ältere, dienstverpflichtete Männer, bilden das Wachkommando. In der Regel unterscheiden sie sich nicht nur durch ihre grüne Polizeiuniform von den Männern in der grauen SS-Felduniform mit der SD-Raute. Es wird berichtet, dass sie sich bis auf Ausnahmen den Gefangenen gegenüber korrekt verhielten.
Einige ließen den Gefangenen auch mal Nahrung zukommen. Der Polizist Walter D. rettete einem Gefangenen nachweislich das Leben. Ein anderer, der dienstverpflichtete Lehrer Heinrich Q., versuchte den Russen zu helfen, wo er nur konnte. Der tief religiöse, warmherzige Mann weigerte sich vor Gertenbach, an Erschießungen oder Erhängungen teilzunehmen. Seine Haltung beeindruckte sogar den zynischen und verrohten Lagerleiter: Heinrich Q., der furchtbar unter den Verhältnissen litt, wurde von solchen "Aktionen" grundsätzlich freigestellt.

Dem deutschen Personal untergeordnet sind eine ganze Anzahl ukrainischer Vorarbeiter, Kapos oder Kalfaktoren. Einige von ihnen sind ehemalige Häftlinge, ihrer besonderen Brutalität wegen für Wachdienste ausgewählt. Ihre Hauptaufgabe besteht im Prügeln, wozu sich das deutsche Personal nur seltener versteigt. Anführer dieser Gruppe ist ein 34-jähriger Wachmann aus der Ukraine namens Dimitry Gretschin, von allen nur "Emil" genannt. Neben Gertenbach ist er es, der allen Zeugen unauslöschlich im Gedächtnis verblieben ist: ein klassischer Verbrechertyp. Emil fand ein schauerliches Ende.

Eines Abends verzehrte er einen von Häftlingen gebackenen Kuchen. Plötzlich krümmte er sich zusammen und lief, vor Schmerzen stöhnend, aus dem Lager, um im Bahnhof Hilfe zu holen. Man brachte ihn ins OT-Quartier in Bösperde, wo er am 13.02.1945 unter Qualen starb. Ein Kapo erzählte nachher, der Kuchen sei aus Giftweizen gebacken gewesen. Es ist möglich, dass die Häftlinge des dem "bösen Geist des Lagers", dem "menschlichen Teufel", heimzahlten. Aber jemand, der sich in den Verhältnissen des Lagers gut auskannte, sagt heute: "Emil musste verschwinden. Er wusste zu viel...!"
...


Im Jahre 2009 kann man die rot umrandeten Flächen noch als Fundamente ehemaliger Zwangsarbeiter-Baracken erkennen. Auf der mit Bauschutt aufgefüllten Fläche dürfte ebenfalls eine Baracke gestanden haben. Hinter "StMdl." verbirgt sich eine kleine Naturhöhle, deren Ein- und Ausgang aber durch Mauern und Beton verstärkt und dadurch als Luftschutzkeller genutzt werden konnte.

Die Häftlinge: Hunger
Die Verpflegung der Arbeitserziehungshäftlinge war in einem Runderlass des Reichsführers-SS und Chefs der Deutschen Polizei geregelt. Hierauf beruft sich auch Dr. Roth in einem Schreiben: die Häftlinge in Sanssouci bekämen neben kalter Verpflegung von der Großküche der OT als "Hauptmahlzeit" eine sogenannte "Bunkersuppe" geliefert. Die Beköstigung sei "gut", "ausreichend", sogar "reichlich".

Die Wahrheit findet sich in einem amtlichen Schreiben des Arnsberger Medizinalrates Dr. Josef Mahr. Das erschütternde Dokument stammt aus seinem persönlichen Nachlass. In Abschrift wird es auch zitiert in dem Schreiben des Regierungspräsidenten an den Gauleiter vom 09.01.1945 (Staatsarchiv Münster, I M 428). Der Bericht Dr. Mahrs an den Regierungspräsidenten in Arnsberg wird hier erstmals veröffentlicht seiner Aussagekraft und der höchst ungeschminkten Sprache wegen. Zudem zeugt dieser Bericht von der tiefen Betroffenheit dieses Arztes und seinem persönlichen Mut, sich derart mit der Gestapo anzulegen.

Staatl. Gesundheitsamt des Landkreises Arnsberg, Tagebuch Nr. 19,8
Arnsberg, den 27.11.1944
Betr.: Arbeitserziehungslager Hönnetal in Sanssouci
Am 22.11. wurde ich vom Gesundheitsamt Iserlohn fernmündlich benachrichtigt, dass im Kreise Unna ein Ostarbeiter, der in dem genannten Lager gewesen sei, an Fleckfiebererkrankung gestorben sei. (...)
Ich habe das genannte Lager daraufhin am 22.11. aufgesucht und Ermittlungen vorgenommen. Das Straflager selbst war hier unbekannt, auch der Gendarmerie-Abteilung des Landratsamtes war es nicht bekannt. Es besteht seit dem 01.10., Träger ist die Geheime Staatspolizei in Dortmund-Hörde, die Einrichtung des Lagers wurde von der OT vorgenommen.

Das Lager befindet sich in Baracken, die in dem am Bahnhof Sanssouci im Amt Balve gelegenen Steinbruch erstellt sind. Es befinden sich 400 männliche Ostarbeiter in dem Lager. Diese Personen arbeiten im Hönnetal und werden täglich mit der Hönnetalbahn, nicht getrennt von deutschen Volksgenossen, zu ihren Arbeitsplätzen transportiert. Die Unterbringung der Ostarbeiter ist eine äußerst primitive. Sämtliche Räume sind überbelegt; die Leute liegen, wie das Lagerpersonal sich selbst ausdrückt, "wie die Heringe". (handschriftliche Eintragung Dr. Mahrs am Rande: "alle verlaust, Fleckfiebergefahr!")

Von den 400 Lagerinsassen waren am Besichtigungstage 115 krank. Von diesen 115 litt ein großer Teil an Hungerödemen (hohläugige Gesichter, von Wasser aufgetriebene Leiber und Beine), ein Teil von ihnen dürfte in der nächsten Zeit sterben. Die in der Zwischenzeit beigezogenen Todesbescheinigungen ergaben, dass in dem Lager bisher 10 Insassen gestorben sind. Die ärztlichen Leichenscheine tragen sämtlich als Todesursache die Bezeichnung "Herzmuskellähmung" (Anm.: handschriftliche Ausrufungszeichen am Rande). Bei diesen 10 Herzmuskellähmungen (bei meist jungen Menschen) handelt es sich jedoch nach Mitteilung des Lagerarztes ausnahmslos um Fälle von Verhungern, was mit meinen Feststellungen durchaus übereinstimmt.

Vom Lagerpersonal wurde angegeben, dass die Verpflegung bisher durch die sogenannte Hauptküche, die auswärts sei, erfolgte. Die Lagerinsassen hätten lediglich etwas Spülwasser zu essen bekommen, der Lagerarzt nannte es "etwas gefärbtes Wasser". Seit einigen Tagen nun ist im Lager selbst eine eigene Küche eingerichtet, mit der die Lagerinsassen viel zufriedener sind. Fleckfiebererkrankungen konnten in dem Lager nicht festgestellt werden, dagegen sind sämtliche Insassen stark verlaust. Es sind wohl zwei im Freien aufgestellte Desinfektionsapparate vorhanden, die auch schon benutzt worden sind. Es können jedoch nur die Kleider entlaust werden, während die Räume und die Menschen nicht entlaust wurden. Eine solche Entlausung ist sinnlos. Eine im Entstehen begriffene Badebaracke ist liegen geblieben und seit längerer Zeit nichts mehr daran gemacht worden.

Der zuständige Lagerarzt ist der in der Praxis des Dr. S... in Menden eingesetzte Dr. E...., der als OT-Arzt das Lager versorgt. Er kommt alle 8 - 14 Tage in das Lager, bei 115 Kranken eine vollkommen ungenügende ärztliche Versorgung. Hinsichtlich der vorgekommenen Todesfälle interessieren die Daten der Todesfälle: Es ereignete sich je ein Todesfall am 4.10., 26.10., 10.11., 13.11., 15.11., 17.11., 18.11., 20.11., 21.11. und 22.11.. Diese Zusammenstellung zeigt, dass die Todesfälle in der letzten Zeit immer häufiger wurden. Nach Angaben des Lagersanitäters kommen jeden Abend einige Lagerinsassen völlig entkräftet von der Arbeit zurück und legen sich hin, um dann z. T. an Hunger und Entkräftung zu sterben. (Anm.: Balken am Rand - Der Satz deutet im übrigen an, dass mehr Russen starben als beurkundet wurden. d. Verf.) Die Abortverhältnisse sind entsprechend dem übrigen Lager äußerst primitiv.

Zwei Dinge vor allem bedürfen im jetzigen Zustand einer sofortigen Änderung: Verhütung weiterer Fälle von Verhungern und Verhütung des Ausbruchs von Seuchen, da das Lager in seiner jetzigen Form eine schwere Seuchengefahr für die Zivilbevölkerung darstellt. Die Lagerinsassen müssen qualitativ und quantitativ so genährt werden, dass sie nicht verhungern und darüber hinaus auch eine Arbeitsleistung erzielen können.
Die Lagerinsassen dürfen keinesfalls zusammen mit den übrigen deutschen Volksgenossen täglich zur Arbeitsstelle gebracht werden. Wenn der Zug benutzt werden muss, so sind besondere Waggons erforderlich. Es ist weiterhin der sofortige Ausbau einer Entlausungsmöglichkeit im Lager erforderlich, da im Amt Balve keine sonstige Entlausungsmöglichkeit besteht und ein wiederholter Transport nach Arnsberg kaum möglich sein dürfte. Es ist eine ausreichende ärztliche Versorgung erforderlich und weiterhin, dass der Arzt die Todesursachen auf die Leichenscheine schreibt, die tatsächlich vorliegen (er wurde von hier entsprechend angewiesen).

Der Leiter: gez. Dr. Mahr, Medizinalrat

Der Leiter des Gesundheitsamtes versucht mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln die unmenschlichen Bedingungen im Lager zu ändern. Bis Mitte Dezember korrigiert er eigenhändig alle eingehenden Todesbescheinigungen. Unter die "Herzmuskellähmungen" der Lagerleitung schreibt er in dicker roter Tinte in grauenerregender Einförmigkeit die Wahrheit "Hungertod!". Der Erfolg ist, dass die Gestapo ihre Todesanzeigen beim Standesamt praktisch bis auf ganz wenige Ausnahmen einstellt. Auch wird der Lagerarzt Dr. E... abgelöst und durch einen OT-Oberarzt ersetzt...


Von Dr. Mahr korrigierte Todesbescheinigung

. . . Für die schwerstarbeitenden Häftlinge gab es unverändert morgens vor der Arbeit 75 Gramm Brot mit einem "Heu-Tee", mittags im Steinbruch einen halben Liter Kaffee-Ersatz, abends einen halben Liter warmes Wasser mit ein paar Steckrübenschnitzeln. Kranke und Arbeitsunfähige erhielten weniger.

Die Lagerleitung ließ einen Teil der Häftlinge bewusst verhungern. Zugleich bereicherte sich die Gestapo an den wenigen für die Häftlinge bestimmten Lebensmnitteln. Es wurde nach allen Regeln der Kunst geschoben. Die Tochter eines SS-Mannes erzählt in bemerkenswerter Offenheit, wie der Vater desöfteren nach Hause kam mit einem halben Sack Zucker oder Eimer Marmelade aus dem Lager. Auch einem ehemaligen Anwohner wurde einmal ein Karton mit Margarine angeboten...

. . . Was sich im Steinbruch "Emil I" abgespielt haben mag, wissen wir nur aus Andeutungen. Ein ehemaliger Sprengmeister der RWK erzählt, dass viele in den Stollen allein deswegen umkamen, weil in der mörderischen Arbeitshetze bei Sprengungen manchmal nicht einmal mehr das vorgeschriebene Warnsignal gegeben wurde. Die Verschütteten wurden mit dem Abraum zu Tage gefördert. In diesem Bruch ist eine "Erschießung auf der Flucht" dokumentarisch belegt. Es hat viele Erschießungen "auf der Flucht" gegeben. . .

...Ab Mitte März geht es im Hönnetal dem Ende zu. Unter dem Datum 16.-19.03.1945 vermerkt die "Kleine Chronik über das Bauvorhaben 'Schwalbe'" der RWK: "Stromausfälle, Betrieb steht". Am 25. heißt es: "Sämtliche Ausländer entlassen". Die Arbeitssklaven werden in riesigen Trecks über Werl in die Senne geführt. Zurück bleiben die Kranken und Sterbenden.


Quelle: Privatarchiv Franz Rose, Menden

Personal des Arbeitserziehungslagers (AEL) Hönnetal (Sanssouci)

1. Gertenbach, Karl (Lagerleiter, Kriminal-Obersekretär)
2. Hilbert (Kriminal-Sekretär)
3. Krietemeyer, otto (Kriminal-Oberassistent)
4. Mersmann, Fritz (Polizei-Assistent)
5. Deppner, Walter (Polizeimeister)
6. Quadt, Heinrich (Schupo-Wachtmeister)
7. Trehs (Sanitätshauptwachtmeister d. Sch. d. Res.)
8. Heukelbach, Otto (SS-Wachmann)
9. Olschewski, Adolf
10. Dr. med. Albert Elsmann (Lagerarzt aus Menden)
11. Dr. med. A. Müller (Lagerarzt, OT-Oberarzt)
12. Hirsch, Karl


Was ist geblieben vom "Arbeitserziehungslager"?


Der ehemalige Bahnhof Sanssouci ist heute nur noch eine Haltestelle. Im Steinbruch hinter dem Bahnhofsgebäude standen die Baracken des "Arbeitserziehungslagers" Sanssouci.

Auf dem Gelände des Steinbruchs finden sich noch drei Betonfundamente. Das größte ist 20 m lang und 8,50 m breit. Eine rechteckige Vertiefung im Boden mit drei hinabführenden Stufen und einem Ofenrest lässt vermuten, dass es sich um die Badebaracke handelte. Daneben liegt die 13 m lange Küche für das Lagerpersonal. Im Fundament erkennt man noch den Ansatz von zwei Schornsteinen.


Die letzten Spuren des "Arbeitserziehungslagers" in Sanssouci: Rest der Fundamente des Barackenlagers. "Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse in solchen Arbeitserziehungslagern sind im allgemeinen härter als in einem Konzentrationslager", stellte Ernst Kaltenbrunner, Chef der Sicherheitspolizei und des SD in einem Schreiben vom Mai 1944 fest.


Quelle: Cord Pagenstecher "Von der Gegenwart des Lagers - ein historischer Überblick", 2006, Dresden, S. 2

Arbeitserziehungslager waren eine Art „Kurzzeit-KZ“ zur Disziplinierung sogenannter „Arbeitsscheuer“, vor allem von ausländischen Zwangsarbeitern. Die nicht von der SS, sondern von regionalen Gestapostellen eingerichteten Straflager vermieteten ihre meist nur für einige Wochen inhaftierten Häftlinge privaten Firmen zur Zwangsarbeit.


Quelle: Horst Hassel/Horst Klötzer

Eugen Karolka war erst 18 Jahre alt


Eugen Karolka war gerade mal 18 Jahre alt, als er starb und in fremder Erde begraben wurde. Außer ihm starben viele weitere Zwangsarbeiter, die durch Unterernährung oder Gewaltakte im Lager Sanssouci oder im Steinbruch Schwalbe 1 in Oberrödinghausen zu Tode kamen. F.:Hassel

Mehrere zu Tode gekommene Russen, Ukrainer und Weißrussen wurden auf dem Friedhof in Beckum beigesetzt. Dort gibt es 24 Tafeln von verstorbenen Zwangsarbeitern, außerdem einen Gedenkstein, auf dem in russischer Schrift die Namen der getöteten Russen aufgelistet sind. Die Namen auf den einzelnen Grabplatten und die auf dem großen Gedenkstein weichen in einigen Fällen voneinander ab (es gibt Grabplatten mit Namen, die nicht auf dem Gedenkstein stehen sowie Namen auf dem Gedenkstein, zu denen es keine Grabplatten gibt). Nicht alle Daten sind noch lesbar. Durch einen Abgleich mit dem Sterberegister im Standesamt Balve konnten einige fehlende Daten ergänuzt werden. In dem Sterberegister ist bei allen verstorbenen Zwangsarbeitern als Religion "katholisch" eingetragen, richtig dürfte "prawoslawnaja" - russisch-orthodox - sein.

Hier die Namen der in Beckum beigesetzten Russen:
*19.11.1901 Kiew †08.03.1945 Nikolai Newstrujew (43 Jahre), Herzmuskellähmung
*07.02.1914 †27.02.1945 um 17.20 Uhr Feodor Salamatin (21 Jahre), Herzmuskellähmung
*06.01.1919 †15.02.1945 um 18 Uhr Gen(adin) Ponomarev (26 Jahre), Lungenentzündung
*24.12.1924 †15.02.1945 um 18.35 Uhr Alex. Bedrunowski (20 Jahre), Lungenentzündung
*09.03.1893 †14.02.1945 um 12.30 Uhr Alex. A. Matucha (51 Jahre), Herzmuskellähmung, Bronchialkatarrh
*13.10.1902 †04.01.1945 um 1 Uhr Matwai Krasnenko (22 Jahre), Herzmuskellähmung


Von Lagerleiter Gertenbach persönlich unterschrieben ist diese Todesanzeige vom 4. Januar 1945. Danach ist der russische zwangsarbeiter Matwai Krasnenko am 4. Januar 1945 um 1 Uhr nach "siebenstündiger Krankheitsdauer an Herzmuskellähmung und allgemeiner Körperschwäche" im Arbeitserziehungslager Hönnetal in Sanssouci verstorben.

*07.07.1922 †15.12.1944 um 14.30 Uhr Prochor Busuk (22 Jahre), Herzmuskellähmung
*11.12.1903 †01.12.1944 um 13.45 Uhr Iwan Walin (40 Jahre), Herzmuskellähmung
*19.04.1925 †26.11.1944 um 14 Uhr Petro Podolak (18 Jahre), Selbstmord durch Erhängen im Gerichtsgefängnis, Balve, Haus-Nr. 46


*15.11.1921 †26.11.1944 Petro Weoika [Szoika] (23 Jahre), Herzmuskellähmung
*15.06.1921 †22.11.1944 um 11 Uhr Anton Granski (23 Jahre), Herzmusekllähmung
*15.02.1926 †21.11.1944 um 5.30 Uhr Gregori Treujan (18 Jahre), Herzmuskellähmung
*20.04.1920 †20.11.1944 um 4 Uhr Bronislaw Rudiak (24 Jahre), Herzmuskellähmung
*14.02.1920 †17.11.1944 um 18 Uhr Michael Bilic [Biclic] (24 Jahre), Herzmuskellähmung
*1906 †17.11.1944 um 6.30 Uhr Gregor Techaus [Tschaus] (38 Jahre), Herzmuskellähmung
*24.03.1926 †15.11.1944 um 12.30 Uhr Eugen Karolka (18 Jahre), Herzmuskellähmung
*10.07.1924 †12.11.1944 um 10 Uhr Alexander Forne (20 Jahre), Herzmuskellähmung
*1912 †10.11.1944 um 6.30 Uhr Iwan Gusenloh (32 Jahre), Herzmuskellähmung, Kopfödem
*20.07.1909 †26.10.1944 um 15.15 Uhr Wladimir Smirnow (35 Jahre), Herzmuskellähmung, Kreislaufstörung
*23.12.1911 †03.10.1944 um 16 Uhr Arion Wosny (32 Jahre), Blutkreislaufstörung
*15.09.1926 †27.02.1945 um 23.30 Uhr Nikolai Skorobisow (18 Jahre), Herzmuskellähmung, eitr. Lupina
unbek. Russe
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Die ersten beiden im Lager Sanssouci verstorbenen Zwangsarbeiter, Arion Wosny und Wladimir Smirnow, wurden dem Standesamt von Lagerleiter Kriminal-Obersekretär Karl Gertenbeach gemeldet, die nächsten drei Verstorbenen von Kriminal-Oberassistent Otto Krietemeyer, danach erfolgte keine persönliche Todesmeldung mehr im Standesamt.

Nicht aufgeführt ist auf dem Beckumer Friedhof der russische Kriegsgefangene Iwan Krawek, *08.08.1900, der am 29.04.1945 im Marienhospital in Balver an Lungen- und Darmtuberkulose sowie Herzschwäche verstorben ist. Er war "wohnhaft im Arbeitserziehungslager Lendringsen".



Quelle: StA Menden, Amt Menden, Mag.-Nr. 1609, o. Pag., Liste "Neuzugang am 28.02.1945 - Freie Ostarbeiter Sanssouci"

Aufgelistet sind die Erfassungs-Nummer, Name, Vorname, Beruf und Nationalität. Handschriftliche Ergänzungen beziehen sich auf die Einsetzbarkeit der Zwangsarbeiter bzw. deren Gesundheitszustand. Unterschrieben ist die Liste mit "Teten"; Lendringsen, den 28.02.1945, Durchschrift: Betriebsführung, Bauleitung, Lagerführung, Karteiwesen. Für welche Firma die Zwangsarbeiter eingesetzt werden sollten, geht aus der Liste nicht hervor.

Wojzik, Stanislaus, Pole, E.-Nr. 1320, Arbeiter
Scheimratow, Tschari, Asiate, E.-Nr. 1318, Arbeiter
Mamedew, Ragim, Tatar, E.-Nr. 1293, Unterarzt
Grenau, Peter, Ukrainer, E.-Nr. 1275, Elektroschweisser
Martschuk, Iwan, Ukrainer, E.-Nr. 1295, Elektroschlosser
Morosow, Nikolai, Ukrainer, E.-Nr. 1291, Maschinist
Katschenko, Nikolaus, Ukrainer, E.-Nr. 1286, Schlosser
Pusienko, Nikita, Ukrainer, E.-Nr. 1300, Koch, zu schwach
Nikolaijew, Paul, Ukrainer, E.-Nr. 1298, Schuster, leichte Arbeit
Svirenow, Nikita, Ukrainer, E.-Nr. 1312, Schuster
Petrow, Fedor, Ukrainer, E.-Nr. 1302, Schuster, Behandlung
Riskotti, Iwan, Ukrainer, E.-Nr. 1304, Schneider
Rjabeschenko, Lewko, Ukrainer, E.-Nr. 13?6, Installateur
Melnikow, Piotr, Ukrainer, E.-Nr. 12?0, Stellmacher
Ferrenx, Michel, Ukrainer, E.-Nr. 1271, Rangierer
Borowik, Michel, Ukrainer, E.-Nr. 1262, Arbeiter
Ceribinuk, Anton, Ukrainer, E.-Nr. 1265, Arbeiter
Donez, Trofim, Ukrainer, E.-Nr. 1269, Arbeiter, keine Nachtarbeit
Spiwak, Wasili, Ukrainer, E.-Nr. 1314, Arbeiter, Behandlung
Senkin, Nikolai, Ukrainer, E.-Nr. 1313, Arbeiter
Sokolonko, Willi, Ukrainer, E.-Nr. 1309, Arbeiter, Bettnässer
Rischenko, Iwan, Ukrainer, E.-Nr. 1305, Arbeiter
Parpenko, Alexander, Ukrainer, E.-Nr. 1301, Arbeiter
Olentschikow, Georg, Ukrainer, E.-Nr. 1299, Arbeiter, leichte Arbeit
Nagorni, Dimitri, Ukrainer, E.-Nr. 1296, Arbeiter, keine Nachtarbeit
Moros, Iwan, Ukrainer, E.-Nr. 1294, Arbeiter
Litwin, Teofin, Ukrainer, E.-Nr. 1287, Arbeiter
Kuschnarjow, Iwan, Umrainer, E.-Nr. 1283, Arbeiter
Korneew, Alex, Ukrainer, E.-Nr. 1282, Arbeiter, ????
Kschew, Fedor, Ukrainer, E.-Nr. 1281, Arbeiter
Katschenko, Peter, Ukrainer, E.-Nr. 1279, Arbeiter, ???
Janzow, Nikolai, Ukrainer, E.-Nr. 1276, Arbeiter
Grizenko, Andre, Ukrainer, E.-Nr. 1273, Arbeiter
Gluschtschenko, Fedor, Ukrainer, E.-Nr. 1272, Arbeiter
Filipow, Iwan, Ukrainer, E.-Nr. 1270, Arbeiter
Donelschenko, Johann, Ukrainer, E.-Nr. 1268, Arbeiter, Behandlung
Cilkowski, Andre, Ukrainer, E.-Nr. 1266, Bäcker,
Bilokon, Wasil, Ukrainer, E.-Nr. 1264, Friseur/Schlosser
Barwijuk, Paul, Ukrainer, E.-Nr. 1263, Koch
Bähako, Iwan, Ukrainer, E.-Nr. 1260, Installateur, ???
Lunew, Georgi, Ukrainer, E.-Nr. 1324, Schuster
Wlasenko, Wladimir, Russe, E.-Nr. 1322, Schreiner,
Ganew, Feodor, Russe, E.-Nr. 1274, Maschinist
Babanow, Alexei, Russe, E.-Nr. 1261, Elektriker
Lachno, Witali, Russe, E.-Nr. 1323, Schuster
Polutzigen, Viktor, Russe, E.-Nr. 1325, Koch, Bettnässer
Rabisch, Viktor, Russe, E.-Nr. 1307, Koch
Cechen, Peter, Russe, E.-Nr. 1267, Tischlerlehrling, ????
Larski, Alexander, Russe, E.-Nr. 1328, Schlosserlehrling, ???
Litschenko, Valentin, Russe, E.-Nr. 1288, Schlosserlehrling, ????
Alexejew, Iwan, Russe, E.-Nr. 1259, Schlosser
Kowalow, Alex, Russe, E.-Nr. 1284, Schlosser
Pawlenkow, Gregori, Russe, E.-Nr. 1303, Schlosser
Sukatsch, Danis, Russe, E.-Nr. 1310, Schlosser
Sacharow, Nikolai, Russe, E.-Nr. 1316, Elektroschlosser
Iwanow, Nikolai, Russe, E.-Nr. 1278, Autoschlosser
Nesterenko, Lasar, Russe, E.-Nr. 1297, Maler
Makarow, Nikolei, Russe, E.-Nr. 1326, Installateur
Schostakow, Alex, Russe, E.-Nr. 1317, Installateur
Surmatsch, Wladimir, Russe, E.-Nr. 1311, Rangierarbeiter, leichte Arbeit
Wasiljew, Wladimir, Russe, E.-Nr. 1321, Arbeiter
Iwanenko, Feodor, Russe, E.-Nr. 1277, Arbeiter
Scharkow, Piotr, Russe, E.-Nr. 1319, Arbeiter
Stopkin, Maxim, Russe, E.-Nr. 1315, Arbeiter
Resnitschenko, Leon, Russe, E.-Nr. 1308, Arbeiter
Melnikow, Alexi, Russe, E.-Nr. 1292, Arbeiter
Martinow, Poitr, Russe, E.-Nr. 1289, Arbeiter
Kalatschow, Nikolai, Russe, E.-Nr. 1285, Arbeiter
Kurmakow, Georg, Russe, E.-Nr. 1280, Arbeiter


Quelle: Regierung Arnsberg Nr. 13196
Gesundheitliche Überwachung der Kriegsgefangenen und fremden Arbeitskräfte.gen/spez. 1939-1945
enth.u.a.: Meldung von Seuchen, Entlausungen, Geschlechtskrankheiten, von Kranken und Verstorbenen. Vorschriften zur Behandlung von Zivilarbeitern; Pflichten der Arbeiter, 1940; Transporte von Gefangenen; Dienstanweisung für Lagerärzte; Aufstellung von Krankenbaracken in Sanssouci, 1944/45; Röntgenreihendurchleuchtungen 1944f. [überwiegend Polen, Russen, Kroaten, Serben, Italiener mit vereinzelter Namens- und Arbeitgebernennung]


Quelle: www.mytrainsim.de - (c) Bilder, Text und Grafiken: S.Hellmann

. . . Der heutige Haltepunkt Sanssouci war einst einer der wichtigsten Bahnhöfe der Hönnetalbahn. Wie bitte?! Doch! Auch Sanssouci war einmal großer Kalk- und Holzverladebahnhof. Nicht umsonst wird beim Richtungsanzeiger in Menden bei Fahrweg Richtung Neuenrade der Buchstabe "S" gezeigt. Dabei steht das "S" bestimmt nicht für "Sneuenrade", "Sbalve" oder gar "Sküntrop", sondern für Sanssouci!
Auf dem Plan wird deutlich, wie umfangreich das Gleisbild einmal war. Heute ist davon nichts mehr vorhanden, der Kalk wird per LKW von hier transportiert. Das Empfangsgebäude liegt heute auf dem Firmengelände der Fa. Kruse. Heute ist nur noch das Durchgangsgleis von den Schienen erhalten, der Bahnsteig, ehemaliger Inselbahnsteig, und das Empfangsgebäude, welches vor sich hin rottet.
Die schwarze Epoche verlebte dieser Bahnhof im zweiten Weltkrieg, als von hier Zwangsarbeiter, die in Baracken im nahe gelegenen Steinbruch einquartiert waren, zum eigens für diese Aktion gebauten Haltepunkt Oberrödinghausen transportiert wurden, um dort ein unterirdisches Hydrierwerk zu errichten (Projekt "Schwalbe 1"). . .


Quelle: Klemp, Stefan "Richtige Nazis hat es hier nicht gegeben", LIT Verlag Münster, 2000, S. 59-60

Fußnote: 4) Die Deutsch-Luxemburgische-Bergwerksgesellschaft profitierte im Krieg vom Arbeitserziehungslager Hönnetal. Viele Zwangsarbeiter wurden getötet, vgl. Witte, Peter: Das Arbeitserziehungslager Hönnetal in Sanssouci


Quelle: "Die Balver Höhle" von Hans Hermann Hochkeppel (www.balve-online.de)

. . . In der nun bombengeschützten unterirdischen Fabrik arbeiteten bis zu 500 russische und französische Zwangsarbeiter - vorwiegend Frauen - unter entwürdigenden Umständen. Sie waren im "Lager Sanssouci" untergebracht. Dokumentierte Zeugenaussagen berichten von grausamen Behandlungsmethoden. . .


Quelle: Chronik 75 Jahre Reiterverein Balve e.V. Die Jahre 1925 - 2000



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