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Quelle: "Das Arbeitserziehungslager Hönnetal", von Peter Witte ©, Auszüge
aus seiner Arbeit in "700 Jahre Beckum - Die Geschichte eines Dorfes im Sauerland", (Arnsberg 1985), pp.219-225.
Die Errichtung des Lagers
Eines morgens rumpelt ein überladener Bus in den Bahnhof Sanssouci. Bis unter das
Dach ist er vollgestopft mit löchrigen Decken, jämmerlich dünnen, zerfetzten
grau-braunen Jacken, Hosen und Mützen. Der Gestapoangestellte Karl H. ist der Leiter
der Kleiderkammer eines anderen Erziehungslagers und hat letzte Vorbereitungen
für den unmittelbar bevorstehenden Einzug von 400 gefangenen russischen
Zwangsarbeitern zu treffen. Im Steinbruch der Deutsch-Luxemburgischen
Bergwerksgesellschaft sieht Karl H. zahlreiche Häftlinge mit Presslufthämmern
bei der Arbeit. Einige Holzbaracken stehen schon. Ein hoher Stacheldrahtzaun
mit rohen Holzpfählen wird gerade errichtet.
...Der Oberregierungsrat Dr. Erich Roth, Leiter der Gestapo Dortmund, schreibt
am 29.12.1944 an den Regierungspräsidenten Eickhoff:
Das größenwahnsinnige und sinnlose Projekt, einzig dazu tauglich, den Krieg zu
verlängern, wurde kurz vor seiner Vollendung in der letzten Märzwoche 1945
eingestellt. Den Preis dafür bezahlt haben vor allem die Sklavenarbeiter aus
den Lagern in Menden, im Biebertal, in Oberrödinghausen und auch Sanssouci.
Die Gesamtzahl der im Hönnetal zu Tode gekommenen ließ sich bis heute nicht
annähernd ermitteln.
Das Personal des Lagers
In drei Gerichtsurteilen gegen Gestapo-Angehörige ist auch Gertenbachs Wüten
am Rande erwähnt: Dutzende Erschießungen "auf der Flucht" (für den Schützen
gab es Sonderurlaub), Hinrichtungen durch Erschießen und Erhängen, die führende
Beteiligung an einem Massenmord in den letzten Wochen. Den Gerichten ist aber
nicht bekannt geworden, dass dieser Mann auch im Hönnetal seine blutige Spur
hinterließ. Im Lager von Sanssouci findet Gertenbach seine letzte große Aufgabe.
Unter dem Lagerleiter steht die Lagerverwaltung aus 7 bis 10 Gestapoangehörigen.
Um die 25 Schutzpolizisten, durchweg ältere, dienstverpflichtete Männer, bilden
das Wachkommando. In der Regel unterscheiden sie sich nicht nur durch ihre
grüne Polizeiuniform von den Männern in der grauen SS-Felduniform mit der SD-Raute.
Es wird berichtet, dass sie sich bis auf Ausnahmen den Gefangenen gegenüber
korrekt verhielten.
Dem deutschen Personal untergeordnet sind eine ganze Anzahl ukrainischer Vorarbeiter,
Kapos oder Kalfaktoren. Einige von ihnen sind ehemalige Häftlinge, ihrer besonderen
Brutalität wegen für Wachdienste ausgewählt. Ihre Hauptaufgabe besteht im Prügeln,
wozu sich das deutsche Personal nur seltener versteigt. Anführer dieser Gruppe
ist ein 34-jähriger Wachmann aus der Ukraine namens Dimitry Gretschin, von allen
nur "Emil" genannt. Neben Gertenbach ist er es, der allen Zeugen unauslöschlich
im Gedächtnis verblieben ist: ein klassischer Verbrechertyp. Emil fand ein
schauerliches Ende.
Eines Abends verzehrte er einen von Häftlingen gebackenen Kuchen. Plötzlich
krümmte er sich zusammen und lief, vor Schmerzen stöhnend, aus dem Lager, um
im Bahnhof Hilfe zu holen. Man brachte ihn ins OT-Quartier in Bösperde, wo
er am 13.02.1945 unter Qualen starb. Ein Kapo erzählte nachher, der Kuchen sei
aus Giftweizen gebacken gewesen. Es ist möglich, dass die Häftlinge des dem
"bösen Geist des Lagers", dem "menschlichen Teufel", heimzahlten. Aber jemand,
der sich in den Verhältnissen des Lagers gut auskannte, sagt heute: "Emil
musste verschwinden. Er wusste zu viel...!"
Die Häftlinge: Hunger
Die Wahrheit findet sich in einem amtlichen Schreiben des Arnsberger Medizinalrates
Dr. Josef Mahr. Das erschütternde Dokument stammt aus seinem persönlichen
Nachlass. In Abschrift wird es auch zitiert in dem Schreiben des Regierungspräsidenten
an den Gauleiter vom 09.01.1945 (Staatsarchiv Münster, I M 428). Der Bericht Dr. Mahrs
an den Regierungspräsidenten in Arnsberg wird hier erstmals veröffentlicht seiner Aussagekraft und der höchst ungeschminkten
Sprache wegen. Zudem zeugt dieser Bericht von der tiefen Betroffenheit dieses
Arztes und seinem persönlichen Mut, sich derart mit der Gestapo anzulegen.
Staatl. Gesundheitsamt des Landkreises Arnsberg, Tagebuch Nr. 19,8
Das Lager befindet sich in Baracken, die in dem am Bahnhof Sanssouci im Amt
Balve gelegenen Steinbruch erstellt sind. Es befinden sich 400 männliche Ostarbeiter
in dem Lager. Diese Personen arbeiten im Hönnetal und werden täglich mit der
Hönnetalbahn, nicht getrennt von deutschen Volksgenossen, zu ihren Arbeitsplätzen
transportiert. Die Unterbringung der Ostarbeiter ist eine äußerst primitive.
Sämtliche Räume sind überbelegt; die Leute liegen, wie das Lagerpersonal sich
selbst ausdrückt, "wie die Heringe". (handschriftliche Eintragung Dr. Mahrs
am Rande: "alle verlaust, Fleckfiebergefahr!")
Von den 400 Lagerinsassen waren am Besichtigungstage 115 krank. Von diesen 115
litt ein großer Teil an Hungerödemen (hohläugige Gesichter, von Wasser aufgetriebene
Leiber und Beine), ein Teil von ihnen dürfte in der nächsten Zeit sterben.
Die in der Zwischenzeit beigezogenen Todesbescheinigungen ergaben, dass in
dem Lager bisher 10 Insassen gestorben sind. Die ärztlichen Leichenscheine
tragen sämtlich als Todesursache die Bezeichnung "Herzmuskellähmung" (Anm.:
handschriftliche Ausrufungszeichen am Rande). Bei diesen 10 Herzmuskellähmungen
(bei meist jungen Menschen) handelt es sich jedoch nach Mitteilung des
Lagerarztes ausnahmslos um Fälle von Verhungern, was mit meinen Feststellungen
durchaus übereinstimmt.
Vom Lagerpersonal wurde angegeben, dass die Verpflegung bisher durch die
sogenannte Hauptküche, die auswärts sei, erfolgte. Die Lagerinsassen hätten
lediglich etwas Spülwasser zu essen bekommen, der Lagerarzt nannte es "etwas
gefärbtes Wasser". Seit einigen Tagen nun ist im Lager selbst eine eigene
Küche eingerichtet, mit der die Lagerinsassen viel zufriedener sind.
Fleckfiebererkrankungen konnten in dem Lager nicht festgestellt werden,
dagegen sind sämtliche Insassen stark verlaust. Es sind wohl zwei im Freien
aufgestellte Desinfektionsapparate vorhanden, die auch schon benutzt worden
sind. Es können jedoch nur die Kleider entlaust werden, während die Räume
und die Menschen nicht entlaust wurden. Eine solche Entlausung ist sinnlos.
Eine im Entstehen begriffene Badebaracke ist liegen geblieben und seit
längerer Zeit nichts mehr daran gemacht worden.
Der zuständige Lagerarzt ist der in der Praxis des Dr. S... in Menden eingesetzte
Dr. E...., der als OT-Arzt das Lager versorgt. Er kommt alle 8 - 14 Tage in
das Lager, bei 115 Kranken eine vollkommen ungenügende ärztliche Versorgung.
Hinsichtlich der vorgekommenen Todesfälle interessieren die Daten der Todesfälle:
Es ereignete sich je ein Todesfall am 4.10., 26.10., 10.11., 13.11., 15.11.,
17.11., 18.11., 20.11., 21.11. und 22.11.. Diese Zusammenstellung zeigt, dass
die Todesfälle in der letzten Zeit immer häufiger wurden. Nach Angaben des
Lagersanitäters kommen jeden Abend einige Lagerinsassen völlig entkräftet von
der Arbeit zurück und legen sich hin, um dann z. T. an Hunger und Entkräftung
zu sterben. (Anm.: Balken am Rand - Der Satz deutet im übrigen an, dass mehr
Russen starben als beurkundet wurden. d. Verf.) Die Abortverhältnisse sind
entsprechend dem übrigen Lager äußerst primitiv.
Zwei Dinge vor allem bedürfen im jetzigen Zustand einer sofortigen Änderung:
Verhütung weiterer Fälle von Verhungern und Verhütung des Ausbruchs von
Seuchen, da das Lager in seiner jetzigen Form eine schwere Seuchengefahr
für die Zivilbevölkerung darstellt. Die Lagerinsassen müssen qualitativ und
quantitativ so genährt werden, dass sie nicht verhungern und darüber hinaus
auch eine Arbeitsleistung erzielen können.
Der Leiter des Gesundheitsamtes versucht mit den ihm zu Gebote stehenden
Mitteln die unmenschlichen Bedingungen im Lager zu ändern. Bis Mitte
Dezember korrigiert er eigenhändig alle eingehenden Todesbescheinigungen.
Unter die "Herzmuskellähmungen" der Lagerleitung schreibt er in dicker
roter Tinte in grauenerregender Einförmigkeit die Wahrheit "Hungertod!".
Der Erfolg ist, dass die Gestapo ihre Todesanzeigen beim Standesamt
praktisch bis auf ganz wenige Ausnahmen einstellt. Auch wird der Lagerarzt
Dr. E... abgelöst und durch einen OT-Oberarzt ersetzt...
. . . Für die schwerstarbeitenden Häftlinge gab es unverändert morgens vor
der Arbeit 75 Gramm Brot mit einem "Heu-Tee", mittags im Steinbruch einen
halben Liter Kaffee-Ersatz, abends einen halben Liter warmes Wasser mit
ein paar Steckrübenschnitzeln. Kranke und Arbeitsunfähige erhielten weniger.
Die Lagerleitung ließ einen Teil der Häftlinge bewusst verhungern. Zugleich
bereicherte sich die Gestapo an den wenigen für die Häftlinge bestimmten
Lebensmnitteln. Es wurde nach allen Regeln der Kunst geschoben. Die Tochter
eines SS-Mannes erzählt in bemerkenswerter Offenheit, wie der Vater desöfteren
nach Hause kam mit einem halben Sack Zucker oder Eimer Marmelade aus dem
Lager. Auch einem ehemaligen Anwohner wurde einmal ein Karton mit Margarine
angeboten...
. . . Was sich im Steinbruch "Emil I" abgespielt haben mag, wissen wir nur
aus Andeutungen. Ein ehemaliger Sprengmeister der RWK erzählt, dass viele
in den Stollen allein deswegen umkamen, weil in der mörderischen Arbeitshetze
bei Sprengungen manchmal nicht einmal mehr das vorgeschriebene Warnsignal
gegeben wurde. Die Verschütteten wurden mit dem Abraum zu Tage gefördert.
In diesem Bruch ist eine "Erschießung auf der Flucht" dokumentarisch belegt.
Es hat viele Erschießungen "auf der Flucht" gegeben. . .
...Ab Mitte März geht es im Hönnetal dem Ende zu. Unter dem Datum 16.-19.03.1945
vermerkt die "Kleine Chronik über das Bauvorhaben 'Schwalbe'" der RWK: "Stromausfälle,
Betrieb steht". Am 25. heißt es: "Sämtliche Ausländer entlassen". Die
Arbeitssklaven werden in riesigen Trecks über Werl in die Senne geführt. Zurück
bleiben die Kranken und Sterbenden.
Quelle: Privatarchiv Franz Rose, Menden
Personal des Arbeitserziehungslagers (AEL) Hönnetal (Sanssouci)
1. Gertenbach, Karl (Lagerleiter, Kriminal-Obersekretär)
Was ist geblieben vom "Arbeitserziehungslager"?
Auf dem Gelände des Steinbruchs finden sich noch drei Betonfundamente. Das größte ist
20 m lang und 8,50 m breit. Eine rechteckige Vertiefung im Boden mit drei
hinabführenden Stufen und einem Ofenrest lässt vermuten, dass es sich um die
Badebaracke handelte. Daneben liegt die 13 m lange Küche für das Lagerpersonal.
Im Fundament erkennt man noch den Ansatz von zwei Schornsteinen.
Quelle: Cord Pagenstecher "Von der Gegenwart des Lagers - ein historischer
Überblick", 2006, Dresden, S. 2
Arbeitserziehungslager waren eine Art „Kurzzeit-KZ“ zur Disziplinierung
sogenannter „Arbeitsscheuer“, vor allem von ausländischen Zwangsarbeitern. Die
nicht von der SS, sondern von regionalen Gestapostellen eingerichteten Straflager
vermieteten ihre meist nur für einige Wochen inhaftierten Häftlinge privaten
Firmen zur Zwangsarbeit.
Quelle: Horst Hassel/Horst Klötzer
Eugen Karolka war erst 18 Jahre alt
Mehrere zu Tode gekommene Russen, Ukrainer und Weißrussen wurden auf dem Friedhof in Beckum
beigesetzt. Dort gibt es 24 Tafeln von verstorbenen Zwangsarbeitern, außerdem einen
Gedenkstein, auf dem in russischer Schrift die Namen der getöteten Russen
aufgelistet sind. Die Namen auf den einzelnen Grabplatten und die auf dem
großen Gedenkstein weichen in einigen Fällen voneinander ab (es gibt Grabplatten
mit Namen, die nicht auf dem Gedenkstein stehen sowie Namen auf dem Gedenkstein,
zu denen es keine Grabplatten gibt). Nicht alle Daten sind noch lesbar. Durch
einen Abgleich mit dem Sterberegister im Standesamt Balve konnten einige fehlende
Daten ergänuzt werden. In dem Sterberegister ist bei allen verstorbenen Zwangsarbeitern
als Religion "katholisch" eingetragen, richtig dürfte "prawoslawnaja" - russisch-orthodox - sein.
Hier die Namen der in Beckum beigesetzten Russen:
*07.07.1922 15.12.1944 um 14.30 Uhr Prochor Busuk (22 Jahre), Herzmuskellähmung
*15.11.1921 26.11.1944 Petro Weoika [Szoika] (23 Jahre), Herzmuskellähmung
Nicht aufgeführt ist auf dem Beckumer Friedhof der russische Kriegsgefangene Iwan Krawek,
*08.08.1900, der am 29.04.1945 im Marienhospital in Balver an Lungen- und Darmtuberkulose
sowie Herzschwäche verstorben ist. Er war "wohnhaft im Arbeitserziehungslager Lendringsen".
Quelle: StA Menden, Amt Menden, Mag.-Nr. 1609, o. Pag.,
Liste "Neuzugang am 28.02.1945 - Freie Ostarbeiter Sanssouci"
Aufgelistet sind die Erfassungs-Nummer, Name, Vorname, Beruf und Nationalität.
Handschriftliche Ergänzungen beziehen sich auf die Einsetzbarkeit der
Zwangsarbeiter bzw. deren Gesundheitszustand. Unterschrieben ist die Liste
mit "Teten"; Lendringsen, den 28.02.1945, Durchschrift: Betriebsführung,
Bauleitung, Lagerführung, Karteiwesen. Für welche Firma die Zwangsarbeiter
eingesetzt werden sollten, geht aus der Liste nicht hervor.
Wojzik, Stanislaus, Pole, E.-Nr. 1320, Arbeiter
Quelle: Regierung Arnsberg Nr. 13196
Quelle: www.mytrainsim.de - (c) Bilder, Text und Grafiken: S.Hellmann
. . . Der heutige Haltepunkt Sanssouci war einst einer der wichtigsten Bahnhöfe der
Hönnetalbahn. Wie bitte?! Doch! Auch Sanssouci war einmal großer Kalk- und
Holzverladebahnhof. Nicht umsonst wird beim Richtungsanzeiger in Menden bei
Fahrweg Richtung Neuenrade der Buchstabe "S" gezeigt. Dabei steht das "S"
bestimmt nicht für "Sneuenrade", "Sbalve" oder gar "Sküntrop", sondern für
Sanssouci!
Quelle: Klemp, Stefan "Richtige Nazis hat es hier nicht gegeben",
LIT Verlag Münster, 2000, S. 59-60
Fußnote: 4) Die Deutsch-Luxemburgische-Bergwerksgesellschaft profitierte
im Krieg vom Arbeitserziehungslager Hönnetal. Viele Zwangsarbeiter wurden
getötet, vgl. Witte, Peter: Das Arbeitserziehungslager Hönnetal in
Sanssouci
Quelle: "Die Balver Höhle" von Hans Hermann Hochkeppel
(www.balve-online.de)
. . . In der nun bombengeschützten unterirdischen Fabrik arbeiteten bis zu
500 russische und französische Zwangsarbeiter - vorwiegend Frauen - unter
entwürdigenden Umständen. Sie waren im "Lager Sanssouci" untergebracht.
Dokumentierte Zeugenaussagen berichten von grausamen Behandlungsmethoden. . .
Quelle: Chronik 75 Jahre Reiterverein Balve e.V. Die Jahre 1925 - 2000
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