Quelle: Stadtarchiv Menden, Amt Menden, "Strafgefangenenlager West", Mag.-Nr. 1616, o. Pag.

Russische Schießübungen fordern ein Opfer
Von den Kameraden auf einfache Art bestattet und dann weiter geschossen

Von Horst Hassel und Horst Klötzer

Im Oktober 1945 drohte im Bereich westlich der Hauptstraße von Lendringsen, auf der sogenannten Brakelerweide (oder Brakelerheide), durch Schuttablagerungen ein russisches Einzelgrab verschüttet zu werden. Um Ärger mit der Besatzungsmacht zu vermeiden, ordnete ("Eilt sehr!") der Bürgermeister von Lendringsen am 1. Dezember 1945 die unverzügliche Umbettung der Leiche zum Russenfriedhof in Hemer an. Wer der Tote war, konnte nicht ermittelt werden, aber wie es zu der Erschießung des Russen gekommen war, klärte eine Augenzeugin auf.

Die Meldung von der Leiche auf dem Sportplatz in Lendringsen erstattete am 17. Oktober 1945 der Hauptwachtmeister Timmermann (Einzelposten, Lendringsen II). Unter dem Betreff "Russen-Einzelgrab auf der Brakelerweide in Lendringsen" erfuhr die Ortspolizeibehörde des Amtes Menden folgendes:

"Das russische Einzelgrab auf der Brakelerweide, bei den Baracken-Notwohnungen westlich der Hauptstraße in Lendringsen, ist in Gefahr, durch Schuttabladungen der Erde gleichgemacht zu werden. Nach Aussage der evakuierten Ehefrau Klara Freis, Barackenwohnung 'Sportplatz' in Lendringsen, hat Anfang Mai 1945, morgens auf der Brakelerheide seitens einiger Russen eine Schießerei stattgefunden. Anscheinend war es ein gewisses Übungsschießen. Auf welchen Gegenstand geschossen wurde, konnte nicht angegeben werden. Eine Zielscheibe war nicht aufgestellt.

Bei dieser Schießerei ist dann ein Russe, welcher wahrscheinlich Trefferergebnisse feststellen wollte, durch Unvorsichtigkeit seiner Landsleute von diesen erschossen worden. Letztere haben dann an Ort und Stelle mit Spaten etwas Erdreich ausgehoben, den Toten mit einer Wolldecke oder Strohsack umwickelt und denselben auf diese einfache Art bestattet, worauf anschließend die Schießerei wieder fortgesetzt wurde. Dieses Grab ist durch ein einfaches, unbeschriftetes Bretterkreuz gekennzeichnet."

Zu damaligen Zeit waren von allen Siegermächten, hier der russischen Regierung, Vermißten-Suchstellen eingerichtet. Außerden achteten diese darauf, dass die verstorbenen Landsleute in ordentlichen, gepflegten Gräbern bestattet waren. Ein Einzelgrab auf dem Sportplatz zu belassen, war natürlich nicht zulässig. Außerdem waren die Personalien des getöteten Russen nicht bekannt. Polizist Timmermann empfahl also, diesem Toten einen anderen Ruheplatz zu geben, denn "es könnte möglich sein, dass einer der an der Schießerei beteiligt gewesenen russischen Landsleute den Angehörigen des Toten Kenntnis davon gibt, dass derselbe in Lendringsen, Krs. Iserlohn, beerdigt worden ist".

Der Bürgermeister fragt daraufhin beim Landrat - konkret beim Gesundheitsamt des Kreises - nach, "ob Bedenken gegen die Umbettung bestehen". Telefonisch meldet sich daraufhin ein Herr Prenzel vom Landratsamt und erklärt: "Die Leiche des russischen Staatsangehörigen, die in Lendringsen auf dem Sportplatz liegt, muss unverzüglich umgebettet werden, da andernfalls Unannehmlichkeiten mit der Besatzungsbehörde zu erwarten sind!" Dann ordnet er noch an, die Leiche auf dem Russenfriedhof in Hemer beizusetzen. Am 4. Dezember 1945 wird ein Herr Dresbach vom Lendringser Bürgermeister Weingarten aufgefordert, für die Umbettung zu sorgen. "Der Sarg (billigste Ausführung) ist zu beschaffen."


So wie hier die Amerikaner des 466th Quartermaster Bataillon aus Kassel mit einem an vielen Stellen im Stadtgebiet ausgehängten Plakat, haben die Angehörigen aller alliierten Truppen nach ihren Toten gesucht.

Lendringsens Bürgermeister Weingarten berichtet auf Anfrage am 05.03.1946 an übergeordnete Dienststellen zur Weitergabe an die USA und andere Alliierte: "... dass sich hier keine verstorbenen, unbestatteten Militärpersonen der USA oder Alliierten befinden mit den unten vermerkten Ausnahmen:
13 French (Civil)
4 Hollanders
4 Belgivius"


zurück