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Buch zu „Schwalbe 1“

Gefangene gruben Stollen in die Felsen des Hönnetals

08.01.2012 | 15:36 Uhr
Gefangene gruben Stollen in die Felsen des Hönnetals
Noch heute sind Reste der Anlagen im Hönnetal zu sehen. Doch fertiggestellt wurde „Schwalbe 1“ nie.

Im Steinbruch Emil im Hönnetal legte die Organisation Todt Stollen an, um darin später Benzin aus Kohlenteer zu gewinnen. Horst Hassel und Horst Klötzer nannten ihr Buch über dieses Projekt „Kein Düsenjägersprit aus ‚Schwalbe 1’“.

(sim) Sie sollte eine der größten unterirdischen Rüstungsanlagen des untergehenden Nazi-Reiches werden. Im Steinbruch Emil im Hönnetal legte die Organisation Todt, zuständig für die Rüstungsbauten, Stollen an, um darin später Benzin aus Kohlenteer zu gewinnen. Doch das Projekt, das viele Menschen das Leben kostete, kam um Jahre zu spät. So nannten Horst Hassel und Horst Klötzer ihr Buch über dieses Projekt folgerichtig „Kein Düsenjägersprit aus ‚Schwalbe 1’“.

In ihrem 226 Seiten umfassenden Werk stellen Klötzer und Hassel detailliert die Vorgeschichte des Rüstungsprojektes vor. Nachdem oberirdische Produktionsanlagen dem systematischen Bombardement der englischen und amerikanischen Luftwaffe zum Opfer gefallen waren, sollte die deutsche Industrie ihre Arbeit in unterirdischen Stollen, geschützt vor den Angriffen feindlicher Flieger, fortsetzen. Eine Schlüsselindustrie war die Herstellung von Flugbenzin, das aus Kohle, bzw. Kohlenteer gewonnen werden sollte. In diesem Zusammenhang war auch die Anlage im Hönnetal geplant.

Die beiden Autoren haben sich zahlreiche Quellen zugänglich gemacht und wurden unter anderem von der Firma „Rheinkalk“ unterstützt. Die Kalkwerke mussten im Jahr 1944 das Gelände zur Verfügung stellen, waren aber am Projekt nicht unmittelbar beteiligt.

Nach Tagebüchern, Briefen und Berichten konnten Horst Klötzer und Horst Hassel ausführlich die Geschichte von „Schwalbe 1“ vorstellen. Sie zeigen auf, mit welchen bergbaulichen Schwierigkeiten die Planer zu kämpfen hatten und wie sich der zunehmende Mangel an Material auf den Baufortschritt auswirkte. Zudem interviewten sie Zeitzeugen und machten sich selbst auf Spurensuche im Gelände, wobei sie die Reste des Schwalbe-Projektes mit Fotos dokumentierten. Diese Spuren ziehen sich heute noch von der Ruhr, wo Wasser für „Schwalbe 1“ entnommen werden sollte, über das Biebertal bis nach Balve.

Großen Raum widmet das Buch auch den Arbeitern, die beim Bau der Stollen eingesetzt wurden. Deutsche Gefangene kamen ebenso zum Einsatz wie Zwangsarbeiter aus anderen Ländern. Sie alle mussten unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, und viele von ihnen verloren ihr Leben. Sowohl Unterlagen von Ärzten als auch Berichte von Zeitzeugen liegen über diese Ereignisse vor. Untergebracht war ein Großteil der Zwangsarbeiter in einem Lager im Biebertal und in Baracken nahe des Bahnhofs Sanssouci. In Oberrödinghausen wurden Baracken für Zwangsarbeiter auf dem Fundament der geplanten Kirche errichtet.

Bei ihrer Spurensuche dokumentieren die Autoren auch, wie weit die Arbeiten bei Kriegsende gediehen waren. Nur ein Teil der Stollen war in den Fels getrieben, Mitten in der Bauphase beendete der Vormarsch der Amerikaner im April 1945 die Arbeiten. Das letzte Kapitel ihres Buches widmen Hassel und Klötzer der Liquidierung des Schwalbe-Projektes.

Als ehrenamtlicher Mitarbeiter der LWL Archäologie für Westfalen hat sich Horst Klötzer bereits als Entdecker von wichtigen Fundplätzen mit Artefakten der Alt- und Mittelsteinzeit einen Namen gemacht. Horst Hassel arbeitete als Journalist und widmet sich der Bergbauforschung im Sauerland.

Das Buch „Kein Düsenjägersprit aus ,Schwalbe 1’“ ist für 19,95 Euro bei Zimmermann Druck und Verlag in Balve zu beziehen.

Wolfgang Simon


Quelle: WR Plettenberg vom 15.11.2011



Quelle: Süderländer Tageblatt vom 11.11.2011

Düsenjet-Benzin aus Raffinerie unter Tage
herstellen - "Eine wirklich irrsinnige Idee"

Buchvorstellung der Autoren Horst Hassel und Horst Klötzer zum NS-Geheimprojekt "Schwalbe 1"


Das Heimathaus war bei der Buchpräsentation bis auf den letzten Platz besetzt. Neugierig verfolgten die Besucher den Vortrag der beiden Autoren Horst Hassel und Horst Klötzer, der mittels Beamer anschaulich durch Bilder untermalt wurde, und diskutierten auch eifrig. Fotos: C. Christogeros

PLETTENBERG Not macht erfinderisch, so heißt es. Doch die Verzweiflung der Nationalsozialisten ab 1943 trieb seltsame Blüten. Um sich vor den alliierten Bombenangriffen zu schützen, wurden Industrieanlagen zur Waffenproduktion unter Tage verlegt. Aber mit seinem Vorhaben, im Hönnetal eine unterirdische Fabrik zur Herstellung von Benzin zu errichten, zeigte das Regime 1944, dass es bald endgültig am Ende war.

Die Hintergründe dieser merkwürdigen Idee arbeiteten nach über drei Jahren Recherche die Plettenberger Autoren Horst Hassel und Horst Klötzer auf. Vor kurzem präsentierten sie ihr Buch "Kein Düsenjägersprit aus "Schwalbe 1"" im Plettenberger Heimathaus. Dabei lasen sie nicht einfach aus ihrem Buch vor, sondern präsentierten ihre Forschungsergebnisse anschaulich mit zahlreichen Fotos und Karten.

"Wir sind über unser Hobby, den Bergbau, auf diese Geschichte gestoßen", erklärte Horst Hassel. Als die beiden Autoren das Stollensystem beim Steinbruch "Emil 1" in Oberrödinghausen das erste Mal betraten, war ihnen sofort klar, dass es sich hier nicht um klassische Stollen für Bergbau handeln kann. "Die Stollen waren einfach zu groß und zu hoch", erklärte Klötzer. Schnell wurde den beiden bewusst, dass sie sich in einer unterirdischen Industrieanlage aus dem Zweiten Weltkrieg befanden.
Unter dem Decknamen "Schwalbe 1" sollte in Oberrödinghausen unter hohem Druck und Temperatur aus Steinkohle Benzin für die ersten Düsenjets hergestellt werden: die Messerschmitt ME 262. Mehr als 20 Stollen seien in den Berg getrieben worden.

Um die Geschichte der "Schwalbe 1" zu rekonstruieren, waren die beiden Autoren in verschiedenen Archiven unterwegs und interviewten auch Zeitzeugen. Da die Stollen auf Gebiet der Rhein-Kalk AG lagen, war das Archiv des Unternehmens eine wahre Fundgrube für Hassel und Klötzer. "Wir haben eigene Schlüssel bekommen und durften uns alles ansehen und durchforsten, was wir wollten", sagten die beiden bei der Buchvorstellung. Heute dient das Gebiet der Polizei als Übungsplatz.

Den beiden Autoren wurden bei der Recherche allerdings auch viele Steine in den Weg gelegt. "In Menden waren weder das Archiv noch die Heimatforscher zur Kooperation bereit", erklärte Hassel. Viele Menschen der Region wollten das Thema "Schwalbe 1" noch heute totschweigen.
Den größten Nutzen für ihre Arbeit hatte der per Zufall im Internet entdeckte "Dorsch-Bericht". Franz Xaver Dorsch war 1944 für die Errichtung der Stollen verantwortlich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er von den Alliierten zum Projekt befragt und lieferte einen ausführlichen Bericht.

Für die Arbeiten waren über 5 000 Zwangsarbeiter eingesetzt worden, die zum Teil in einem neu errichteten Lager in Sanssouci interniert waren. Hunderte von ihnen starben wegen der überharten Arbeit und der schlechten Ernährung.
Außerdem wurden Bergleute aus dem Saarland und dem Ruhrgebiet für das Projekt zwangsverpflichtet. In ihrem Buch schildern die Autoren auch die menschenverachtende Behandlung der Zwangsarbeiter durch die Aufseher. "Einer der zwangsverpflichteten Arbeiter erzählte uns, dass die bei den Arbeiten verstorbenen Zwangsarbeiter zusammen mit dem Geröll aus den Stollen auf eine Müllhalde geworfen wurden", erzählte Klötzer.


Die Autoren Horst Hassel und Horst Klötzer mit ihrem Buch "Kein Düsenjägersprit aus "Schwalbe1"".

Die Menschen mussten auch arbeiten wenn sie krank waren. Dabei stießen die Autoren auf eine ihnen bisher unbekannte Tatsache. "Die Erkrankungen mussten der Reichsärzte-Kammer in Plettenberg-Eiringhausen gemeldet werden", berichtete Hassel. Viele der Zwangsarbeiter nahmen sich das Leben, indem sie sich vor fahrende Autos warfen oder erhängten.

Die Arbeiten begannen im Juli 1944 und sollten eigentlich im September 1945 abgeschlossen sein - doch soweit kam es nicht mehr. Da eine Raffinerie unter Tage noch nie gebaut worden war, waren die Erfolgsaussichten sowieso gering. "Das Ding hätte niemals funktioniert, so etwas war auch nie zuvor erprobt worden. Die Idee war einfach irrsinnig", sagte Hassel im Heimathaus.

Nachdem die Alliierten im Jahr 1944 mehrere Raffinerien im Deutschen Reich bombardiert hatten, war die Benzin-Produktion im Juli 1944 auf rund fünf Prozent im Vergleich zur Vorkriegszeit zurückgegangen. Die Arbeiten an der unterirdischen Raffinerie wurden nie fertiggestellt - auch weil das Material für den Bau von Woche zu Woche immer knapper wurde.

Das Buch erschien beim Verlag Zimmermann aus Balve und kann dort erworben werden. cc


Die 1944 in Serie gegangene Messerschmitt ME 262: Für den Düsenjäger mangelte es im Deutschen Reich an Treibstoff.


Quelle: Süderländer Tageblatt vom 08.11.2011

Unterirdische Benzinfabrik im Sauerland
Autoren stellen Geheimprojekt "Schwalbe 1" am Mittwoch im Heimathaus vor

PLETTENBERG Zur Vorstellung des Buches "Kein Düsenjäger aus Schwalbe 1" sowie zu einem Vortrag der Autoren Horst Hassel und Horst Klötzer über ein ehemalige "Geheimprojekt" zu Kriegszeiten im Hönnetal lädt der Heimatkreis Plettenberg für Mittwoch, 9. November, um 19.30 Uhr ins Heimathaus am Kirchplatz ein.

Im September 1944 begannen im Steinbruch "Emil1" der Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke in Oberrödinghausen unter größter Geheimhaltung die Bauarbeiten für die erste unterirdische, bombensichere Benzinfabrik der Nationalsozialisten. Im Rahmen des Mineralölsicherungsprogramms "Geilenberg" sprengten Bergleute aus dem Saarland und dem Ruhrgebiet unter Einsatz von mehr als 5000 Zwangsarbeitern und Strafgefangenen ein zwei Kilometer langes Stollensystem in den Kalkstein. Von der Ruhr bei Fröndenberg wurde eine neun Kilometer lange Wasserleitung mit 1 000 Millimeter Durchmesser bis ins Hönnetal gelegt.

Die giftigen, phenolhaltigen Abwässer sollten über 34 Kilometer bis zur Emscher geleitet werden. Unter unmenschlichen Bedingungen versorgt mit Wassersuppe und durch Schläge und Essensentzug gequält, fristeten Zwangsarbeiter und Strafgefangene ihr Dasein - Hunderte starben. Was wurde aus den Plänen für ein Hochdruckhydrierwerk realisiert? Welche Qualen erlitten die Zwangsarbeiter und Strafgefangene? Was ist vom Bauvorhaben Schwalbe bis heute übrig geblieben? Antworten finden sich in dem Buch "Kein Düsenjäger aus Schwalbe 1", das kürzlich im Balver Verlag Zimmermann erschienen ist. Jeder Interessierte ist zur Heimatkreis-Veranstaltung bei freiem Eintritt herzlich willkommen.


Quelle: Westfälische Rundschau, Märkischer Kreis, 05.05.2011 und DerWesten.de

Zwangsarbeiter und Gefangene:
Schwalbe 1 – Flugbenzin aus dem Steinbruch


Menden. Nach drei Jahren intensiver Recherche haben Horst Hassel (Herscheid) und Horst Klötzer (Iserlohn) die Geschichte der Untertageverlagerung „Schwalbe 1“ in all ihren Facetten erforscht. Viele bislang unbekannte Quellen haben sie in Archiven gefunden, Zeitzeugen interviewt und vor Ort die fast zwei Kilometer langen Stollenreste im Steinbruch „Emil 1“ im Hönnetal erkundet. Im Sommer erscheint ihr Buch mit dem Titel „Schwalbe 1 - Zwangsarbeiter und Gefangene drangsaliert und getötet für ein unsinniges Nazi-Projekt“.

Untertageverlagerung von Hydrierwerken
Nachdem 1944 zahlreiche Raffinerien durch Bombardements der Alliierten zerstört wurden, und die Produktion von Treibstoff auf 10 Prozent der Vorkriegsproduktion reduziert war, begann unter dem Namen „Geilenberg-Programm“ die Untertageverlagerung von Hydrierwerken. In ihnen sollte aus Braun- oder Schlammkohle Benzin für das erste Flugzeug mit Strahltriebwerk, die Messerschmitt Me 262, hergestellt werden. Rund 60 Vertreter der am Bau einer solchen Anlage beteiligten Institutionen und Firmen trafen sich im August 1944 im „Grünen Haus“ im Steinbruch „Emil 1“ in Oberrödinghausen, um den Startschuss für das streng geheime Hydrierwerk „Schwalbe 1“ zu geben.

Der Versuch der damaligen Steinbruch-Eigentümer, alternativ einen Steinbruch in Letmathe anzubieten, fand kein Gehör: Die Wahl fiel auf „Emil 1“ mit seiner etwa 700 Meter langen und 80 bis 130 Meter hohen Steinbruchwand. Unter der Regie der Organisation Todt (OT, Gruppe Hansa, Essen) brachte man unter höchster Geheimhaltung eine Maschinerie ans Laufen, die unter Einsatz tausender Zwangsarbeiter, verurteilter Wehrmachtsangehöriger, Kriegsgefangener, zwangsverpflichteten Technikern und Ingenieuren aus dem gesamten Reich, Bergarbeitern aus dem Saarland und dem Ruhrgebiet sowie den ortsansässigen Stromlieferanten, dem Ruhrverband, der Reichsbahn und vielen anderen mehr erstmalig ein Hydrierwerk unter Tage zu verlagern.

Durch den giftigen Pulverdampf
Was hat die Bevölkerung von Lendringsen/Oberrödinghausen von diesen Aktivitäten mitbekommen? Glaubt man den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, konnte der Baubeginn im September 1944 nicht unbemerkt bleiben, weil die Bevölkerungszahl von 4500 Einwohnern sich innerhalb weniger Wochen mehr als verdoppelte. Zwar waren die Baustellen und die Barackenlager, in denen die Schwalbe-Arbeiter untergebracht waren, durch Wachposten und Zäune abgeschirmt, doch täglich marschierten in aller Öffentlichkeit hunderte Gefangene aus dem Lager Biebertal zum Steinbruch und zurück. Das Klappern der mit Stroh gefüllten Holzschuhe haben viele Zeitzeugen immer noch im Ohr.

Gesundheit ohne Bedeutung
Unter unsäglichen Bedingungen wurde in „Emil 1“ der Kalkstein aus dem Fels gebrochen. Nur wenige Maschinen waren im Einsatz. Durch den giftigen Pulverdampf gerade erfolgter Sprengungen hindurch wurden die Zwangsarbeiter oft viel zu schnell wieder „vor Ort“ getrieben und starben an den Dämpfen. Durch zu frühe Sprengungen oder herabfallendes Gestein fanden unzählige Zwangsarbeiter und Gefangene den Tod. Die Verpflegung – nur einmal am Tag – war so schlecht, dass mancher ausgemergelte Körper eines Arbeiters nach einer 12-Stunden-Schicht von seinen Kameraden gestützt zurück ins Lager geschleppt werden musste. Aber wen interessierte das schon...


Quelle: Lokal Kompass, Stadtspiegel Menden - Lendringsen - Balve vom 14.12.2010

Studentin recherchiert zu "Schwalbe 1"
von Hans-Jürgen Köhler aus Menden (Sauerland)


Stadtarchivar Norbert Klauke unterstützt Irina Kruszinski bei ihren Recherchen. Auf Mikrofilm analysiert die 25-jährige Studentin zunächst das Zeitungsarchiv. Vor allem aber möchte sie sich mit Zeitzeugen unterhalten.

Über Einzelheiten des Nazi-Geheimprojektes "Schwalbe 1" gibt es unterschiedliche Meinungen der lokalen Historiker. Eine aktuelle Untersuchung könnte schon bald neue Erkenntnisse bringen. Eine Bochumer Studentin widmet "Schwalbe 1" nämlich bereits ihre zweite Arbeit.
Es ist lange her, das Nazi-Geheimprojekt „Schwalbe I“ ist fast vergessen. Jetzt möchte die Bochumer Studentin Irina Kruszinski hierzu vor Ort über die Zeit zwischen 1944 und 1945 recherchieren. Dafür sucht sie vor allem Kontakt zu Zeitzeugen, die ihr berichten können, wie sich „Schwalbe I“ auf die Bürger ausgewirkt hat.
Bereits im Jahre 2009 war die Bochumer Studentin Irina Kruszinski zwei Wochen lang Gast im Stadtarchiv Menden, um für ihre Bachelorarbeit „Arbeitseinsatz im Dritten Reich: das Geheimprojekt Schwalbe I“ zu recherchieren. Ein Exemplar steht ab dieser Woche im Archiv am Westwall.

Und auch Irina Kruszinski ist wieder da: Mehrere Wochen lang wird sie jetzt hier vor Ort Material für ihre Masterarbeit sammeln. Aber vor allem möchte sie mit Zeitzeugen reden. „Wie hat das Projekt das Leben vor Ort verändert?“ „Was waren das für Arbeiter? Wo kamen sie her?“ „Woher stammten die Wachmannschaften?“ Das sind nur einige von vielen Fragen, auf die die angehende Presse- und Öffentlichkeitsreferentin Antworten sucht. Antworten übrigens, die auch in Menden interessieren.

Der allererste Kontakt zur Hönnestadt war nämlich im Winter 2008 durch Volker Fleige zustande gekommen. Der damalige Kulturdezernent hatte auf Wunsch der Mendener Christdemokraten die Universitäten der näheren Umgebung um Hilfe gebeten, um die Geschichte von „Schwalbe I“ aufzuarbeiten. Irina, die ihre Bachelorarbeit eigentlich über „Wiedergutmachung in der Bundesrepublik“ schreiben wollte, wurde von Prof. Dr. Constantin Goschler, Institut für Zeitgeschichte Bochum, mit dem neuen Thema bekannt gemacht. Hatte sich Irinas erste Arbeit überwiegend anhand von Literatur mit vielen Details des Nazi-Regimes befasst, so wird die zweite eher sozialgeschichtlich ausgerichtet sein. Mit einigen örtlichen Historikern hat sie bereits Kontakt aufgenommen. Auch eine kleine Liste von Zeitzeugen liegt ihr vor, doch hier sucht sie noch viele weitere Kontakte. Auch eine Besichtigung der Stollen in Oberrödinghausen ist geplant.

„Es gibt eine unfassbar große Menge an Informationen, jetzt muss ich einen Weg finden, das alles zusammenzufassen.“ Wer Irina Kruszinski bei ihren Nachforschungen unterstützen möchte, kann sich entweder an Norbert Klauke wenden (Tel.: 02373/903-780 beziehungsweise per E-Mail: archiv@menden.de). Oder man kommt einfach auf gut Glück ins Archiv im Westwall. Im Dezember wird Irina vor-aussichtlich jeden Tag, an dem geöffnet ist, dort anzutreffen sein. Per E-Mail ist die Studentin unter irina.kruszinski@rub.de zu erreichen.


Quelle: Westfalenpost Menden vom 12.02.2010



Quelle: DerWesten - WE Rhein-Ruhr vom 29.12.2009


Geheimes Nazi-Projekt sollte
Hitlers Armeen mit Sprit versorgen

Sven Frohwein

Balve. Im Hönnetal im Sauerland haben die Nationalsozialisten ein kilometerlanges Stollensystem in den Berg getrieben. Sie nannten es "Schwalbe 1". Hier sollte Sprit für Hitlers Armeen produziert werden. Doch dazu kam es nicht. Seitdem ist die Anlage fast in Vergessenheit geraten.


Stollen 7L ist der Ausgangspunkt der Reise in den Berg. Er ist einer von rund 30 Höhlen, die die Nazis im Hönnetal in den Fels trieben.

Der Eingang zu Stollen 7L ist gerade einmal einmeterfünfzig breit. Und es geht steil bergab. Hier muss jeder Schritt sitzen, ansonsten wird der Abstieg zur Rutschpartie. Horst Hassel und Horst Klötzer wissen das. Sie sind nicht zum ersten Mal hier. Wer am Ende dieser riesigen unterirdischen Halle angekommen ist, der steht im Dunklen. Die Höhle schluckt das wenige Tageslicht, das von draußen hereinscheint, wie ein schwarzes Loch. Die beiden Heimatforscher schalten die Helmlampen ein. Ihr Schein lässt die Ausmaße des Stollens nur erahnen. 7L gehört zu „Schwalbe 1”, einem Geheimprojekt der Nationalsozialisten, in den Fels getriebener Größenwahn, erkauft mit dem Leid und Tod hunderter Zwangsarbeiter.

Es ist ein verregneter Tag, als sich Hassel und Klötzer erneut aufmachen, der „Schwalbe” einen Besuch abzustatten. „Jedes Mal entdecken wir etwas Neues”, sagt Klötzer mit fast kindlicher Freude. Die Standard-Ausstattung: festes Schuhwerk, Regenjacke, blauer Malocher-Overall. In diesem Teil des Sauerlands zwischen Balve, Hemer und Menden gibt es in fast jedem Berg eine Höhle. Meist natürlichen Ursprungs, oft von Menschenhand geschaffen, doch „Schwalbe 1” macht eine Ausnahme. In dem Tunnelgewirr aus über 30 meterhohen Stollen sollte kein Erz abgebaut, hier sollte produziert werden. Für den Führer, für den Endsieg. Eine unterirdische Raffinerie riesigen Ausmaßes, synthetisch hergestellter Kraftstoff, Lebenssaft für Hitlers Armeen. Doch so weit kommt es nicht. Die Alliierten machen mit ihrem Einmarsch im Sauerland im April 1945 dem Spuk ein Ende.


Im Schein der Lampen wird nur schwer ersichtlich, welche gewaltigen Ausmaße die Anlage, die nie fertiggestellt wurde, hat.

Ohne Sprit rollen keine Panzer, fliegen keine Flugzeuge
„Tausende Kriegsgefangene und in Ungnade gefallene Deutsche haben hier geschuftet. Mehrere hundert sind zu Tode gekommen. Auch Holländer, Belgier, Italiener und Franzosen. Die meisten starben an Hunger”, sagt Horst Hassel, während er das Licht seiner Helmlampe auf Unebenheiten im Boden des Stollens lenkt. „Hier haben mal Schwellen gelegen. Von den Loren, mit denen sie das abgesprengte Gestein nach draußen transportiert haben.”


Überall liegen Überreste der Bauarbeiten herum, vieles ist aber auch erst nach dem Krieg in die Stollen gekippt worden.

Im September 1944 fällt der Startschuss für „Schwalbe 1”. Die Alliierten haben deutsche Raffinerien als Ziele erkannt, die Achillesferse der Rüstungsproduktion. Ohne Sprit rollen keine Panzer, fliegen keine Flugzeuge. Doch die deutsche Reichsführung reagiert, gibt Pläne für unterirdische Fabriken in Auftrag. Im Schutz von Fels und Berg sollen Raketen gebaut, Treibstoff hergestellt und Panzer zusammengeschraubt werden.

An den Wänden von Stollen 1R schimmert Kalkspat. „Schwalbe 1” befindet sich auch auf dem Gelände eines Kalkwerkes, das perfekte Versteck für eine unterirdische Fabrik. Riesige Rohrleitungen bahnen sich ihren Weg vom Stolleneingang in das Innere des kilometerlangen Höhlengewirrs. „Damit wurde Frischluft in die Stollen gepumpt”, sagt Horst Klötzer. Überall finden sich Überbleibsel der Baumaßnahmen. Eine alte Ölkanne rostet seit Jahrzehnten vor sich hin, abgebrochene Bohrgestänge stecken in den Wänden, eine verwaiste Lore steht an einem Stollenende. Viel ist nicht mehr übrig. „Hier ist alles rausgeholt worden, was nicht niet- und nagelfest ist”, sagt Horst Hassel. Das Metall der Gleise, die eisernen Schwellen – nach dem Krieg kostbares Gut. Den Rest besorgen die „Mauerspechte”, wie Hassel und Klötzer sie nennen – Militaria-Sammler, Neugierige, die die Anlage auf eigene Faust erkunden.


Horst Hassel (li.) und Horst Klötzer besuchen die "Schwalbe" immer wieder. Jedes Mal gibt es etwas Neues zu entdecken.

Rücksichtsloser Einsatz von Zwangsarbeitern
Schwalbe, Kuckuck, Dachs und Meise: Bei der Namensgebung zeigt sich Hitlers Organisation Todt, in deren Händen die Rüstungsproduktion des Reiches liegt, erfinderisch. Unzählige unterirdische Produktionsstätten entstehen in Deutschland, die wohl bekannteste ist Dora-Mittelbau bei Nordhausen in Thüringen. Hier wird Hitlers V2-Rakete gebaut. Im Hönnetal soll Flugbenzin hergestellt werden für eine weitere „Wunderwaffe” der Nazis, die ME 262, den ersten serienreifen Düsenkampfjet der Welt. Möglich machen soll das der rücksichtslose Einsatz tausender Zwangsarbeiter, verschleppt aus der Ukraine, aus Polen und Russland. Rund um die Baustelle entstehen Lager, am nahen Bahnhof „Sanssouci” kommen immer neue Gefangenentransporte an. „Die Wachmannschaften empfingen sie mit Knüppelschlägen”, sagt Horst Hassel. Ein bitterer Vorgeschmack auf die Schufterei im Fels.


Dieser Schaltkasten stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Einige Stollen wurden vom nahen Kalkwerk noch viel länger als Verladestation genutzt.

Hassel und Klötzer lassen die Geschehnisse in der „Schwalbe” nicht los. Sie haben die Höhlen vermessen, kartiert, fotografiert, in Archiven recherchiert und die Ergebnisse ins Internet gestellt. „Damit das hier nicht in Vergessenheit gerät”, sagt Klötzer. „Ich bin sogar in die Ukraine gefahren, habe mit ehemaligen Zwangsarbeitern gesprochen, die im Sauerland eingesetzt wurden”, sagt Hassel. Was der Journalist dort erfährt, verschlägt ihm die Sprache. „Wir hatten eine vergleichsweise gute Zeit in Deutschland.” Ausgesprochen von Männern und Frauen, die während des Krieges in der Landwirtschaft Dienst taten und von den Bauern gut behandelt wurden. Von Zwangsarbeitern, die dagegen in der „Schwalbe” schuften mussten, hört er den Satz nicht.

Info
Hobby-Heimatforscher Horst Hassel hat im Internet Bilder und Recherchen zur Schwalbe zusammengetragen. Auf seiner Webseite www.plettenberg-lexikon.de berichtet der Journalist aber auch über andere Höhlensysteme im Sauerland und seine Heimatstadt.

Horst Hassel und Horst Klötzer sind nicht die einzigen, die alte Industrieanlagen, Höhlen und Bunker erkunden. Eine der bekanntesten Seiten so genannter Schleicher, wie sich Freunde dieses ungewöhnlichen Hobbys nennen, ist www.lost-places.com.


Am Ende eines langen Stollens stehen die Überreste einer Lore, mit der das Gestein aus dem Stollen gefahren wurde.


Quelle: Mendener Zeitung vom 13.11.2009

SPD gedenkt der Naziopfer

MENDEN Am Volkstrauertag werden die Mendener Sozialdemokraten und ihre Freunde mit Kranzniederlegungen zweier besonderer Opfergruppen des Naziregimes gedenken. Zunächst trifft man sich um 10 Uhr am Eingang des Lendringser Friedhofs, um die Ehrengrabstätte für die Opfer aus dem Strafgefangenenlager West im Biebertal aufzusuchen. Anschließend wird um 10.30 Uhr ein weiterer Kranz am Gedenkstein vor dem alten Rathaus niedergelegt.

Gerade mit dem Strafgefangenenlager West im Biebertal lief ein düsteres Kapitel der Lendringser Heimatgeschichte ab. In einem wahnwitzigen Rüstungsprojekt mit dem Namen "Schwalbe I" sollten Straf- und Kriegsgefangene gegen Kriegsende unter unmenschlichen Bedingungen einen langen Stollen in den Fels des Steinbruchs "Emil" im Hönnetal treiben, um dort ein unterirdisches Hydrierwerk zu ermöglichen. Mindestens 130 Menschen aus neun Nationen ließen bei diesem Kriegsprojekt ihr Leben. Der Winter, die harte Arbeit, die unzureichende Verpflegung und die hygienischen Verhältnisse hatten dafür gesorgt, dass allein im März 1945 36 Lagertote zu beklagen waren.


Quelle: WP Menden vom 03.10.2009



Quelle: Spiegel Online - einestages vom 29.09.2009

Vergessene Nazi-Tunnelanlage

Terror unter Tage

Jahre hatte es gedauert, bis die Alliierten die Achillesferse der deutschen Kriegsindustrie trafen. Am Vormittag des 12. Mai 1944 heulten in den deutschen Werken Leuna, Böhlen, Zeitz, Lützkendorf und Brüx die Sirenen auf, Arbeiter hasteten in Luftschutzbunker. Kurz danach griffen 935 US-Bomber eine Lebensader der Wehrmacht an: Denn in den fünf Werken standen riesige Hydrieranlagen, mit denen in einem komplizierten chemischen Verfahren Kohle zu Treibstoff verflüssigt wurde. Als die Piloten ihren Bombenteppich abgeworfen hatten, stand in allen fünf Fabriken die Produktion still - und an der Spitze der Wehrmacht brach Panik aus.

570.000 Tonnen Treibstoff, berechnete ein entsetzter deutscher Experte, hatte allein dieser Luftschlag gekostet. "Der Gegner hat uns an einer unseren schwächsten Stellen angegriffen", soll Albert Speer Hitler kurz nach dem Desaster gestanden haben. "Bleibt es dabei, gibt es bald keine nennenswerte Treibstoffproduktion mehr." Die Bomben hatten eine eklatante Schwachstelle entlarvt, die schon vor Kriegsbeginn bestand: 1939 lag die deutsche Treibstoffproduktion zwei Drittel unter dem errechneten Bedarf - und das trotz massiver Förderung der synthetischen Benzinherstellung. Noch gefährlicher: Die Anlagen waren leichte Ziele.

Lange hatten die Deutschen Glück. Die Alliierten hatten die Schwäche zwar erkannt, aber daraus kaum Nutzen gezogen: Schon 1940 existierte ein "Öl-Plan" der Briten, der vorsah, 17 deutsche Hydrierwerke anzugreifen und die Produktion mit einem "fatal blow" stillzulegen. Doch Churchill setzte andere strategische Schwerpunkte, drängte auf Flächenbombardements. Bis zum Mai 1944 wurde gerade einmal ein Prozent der gesamten alliierten Bombentonnage auf Öl-Ziele abgeworfen. Mit dem Erfolg des Angriffs vom 12. Mai änderte sich das nun grundlegend: Die Alliierten bliesen zur "Öl-Offensive", flogen Angriff auf Angriff - allein auf Leuna fiel bis Kriegsende eine Bombenlast von 18.000 Tonnen.

Flucht in Berge und Stollen

"Ich habe immer darauf hingewiesen, die wichtigsten Sachen besser zu schützen", tobte Hermann Göring und bemängelte die "blödsinnige Bauweise" in Leuna. Auch Rüstungsminister Albert Speer verfasste für Hitler unermüdlich eine "Hydrier-Denkschrift" nach der anderen. "Es ist dem Gegner gelungen, am 22. Juni die Ausfälle an Flugbenzin auf 90% zu steigern", schrieb er 1944 nach einer erneuten Angriffswelle. Unverblümt nannte Speer den Verlust "katastrophal" und die Herstellung von Flugbenzin "völlig unzureichend". Er forderte massiven Jagd- und Flakschutz - "selbst zu Lasten des Schutzes der deutschen Städte".

Doch auch diese drastische Maßnahmen konnten das Problem nicht aus der Welt schaffen. So entstand in Speers Rüstungsministerium ein wahnwitziger Plan: Teile der synthetischen Treibstoffproduktion sollten "in den Berg" verlagert werden - und das in möglichst kurzer Zeit, mit Zehntausenden von deutschen Fachkräften, Zwangsarbeitern oder Strafgefangenen. Umsetzen sollte das Programm Edmund Geilenberg, seit Mitte 1944 "Generalkommissar für Sofortmaßnahmen". Ein Mann, der auf Göbbels einen "sehr energischen, um nicht zu sagen brutalen Eindruck" machte.

Sofort tüftelte Geilenberg in Zusammenarbeit mit der zuständigen "Organisation Todt" an etlichen Untertage-Projekten mit harmlosen Tarnnamen wie "Kuckuck", "Dachs" oder "Meise". Besonders dringlich war die Produktion von Flugbenzin. Denn im September 1944 war die bizarre Situation entstanden, dass eine absolute Rekordzahl an neuen Kampfjägern produziert wurde - sie aber wegen Treibstoffmangels meist am Boden bleiben mussten. Unter Hochdruck fahndeten Gutachter nach geeigneten Standorten für die unterirdischen Fabriken.

Schwerstarbeit bei minus 20 Grad

Es waren Menschen wie Elfried Naumann, die unter diesen utopischen Plänen des versinkenden "Dritten Reichs" zu leiden hatten. Weil seine Mutter Jüdin war, galt Naumann als "Mischling" und "wehrunwürdig". Im April 1944 wurde er mit anderen "Mischlingen", Homosexuellen, Zuchthausinsassen oder in Ungnade gefallenen Parteikadern zum Zwangsdienst für die "Organisation Todt" verpflichtet. Die schickte ihn aus seinem Elternhaus im ostwestfälischen Bad Lippspringe bis nach Frankreich, wo der damals 18-Jährige wochenlang in der Nähe des beschaulichen Städtchens Le Lude in kilometerlangen Stollen schuftete. Hier sollte, wie in der unterirdischen Fabrik in Mittelbau-Dora, die Vergeltungswaffe "V1" produziert werden.

Doch die alliierte Landung in der Normandie zerstörte die hochfliegenden Pläne und trieb auch die deutschen Zwangsarbeiter zurück. Ende 1944 musste Naumann erneut für ein Untertagewerk arbeiten, diesmal für das Geheimprojekt "Schwalbe 1" im Hönnetal in der Nähe von Menden. Hier sollte mit einer geplanten Jahresproduktion von 240.000 Tonnen des begehrten Flugtreibstoffs J2, der für die Messerschmitt 262 benötigt wurde, eine der wichtigsten Hydrieranlagen entstehen. Ein Gutachten lobte die perfekte Tarnung und nannte den Bauplatz "vorzüglich geeignet zur Anlage großer Stollen".

"Es war bitterkalt", erinnert sich der heute 84-jährige Naumann. "Auch bei 20 Grad minus mussten wir gefrorenen Boden aufhacken, Kabel verlegen oder Loren mit Steinen beladen." Jeden Tag arbeitete er von sechs Uhr morgens bis abends, "mittags gab es eine erbärmlich dünne Suppe". Anders als in Frankreich musste er aber diesmal nur im Steinbruch, nicht in den Stollen schuften. Abends schlich er zusammen mit russischen, französischen und belgischen Häftlingen erschöpft zurück in ein Barackenlager oberhalb des Steinbruchs. Im Lager kursierten wilde Gerüchte, aber "was genau gebaut werden sollte, wussten wir damals nicht", sagt Naumann. Nur, dass es extrem wichtig war: Noch nachts hörte er dumpfe Maschinengeräusche aus dem Stollen.

Spuren einer verlorenen Welt

Genau 65 Jahre später ist "Schwalbe 1" ein vergessener Ort, trotz der großen Bedeutung, die ihm die NS-Spitze zumaß. Ein halbes Dutzend Firmen unter dem Dach der "Organisation Todt" beteiligte sich an dem Projekt. Für die Energieversorgung war eine 100.000 Volt-Hochspannungsleitung geplant, Stahlrohre mit einem Durchmesser von einem Meter sollten die benötigten riesigen Wassermengen aus der Ruhr bis zum Werk pumpen. Doch allein der Zeitplan entpuppte sich als Illusion: Im September 1945 sollte die Produktion anlaufen. Als die Amerikaner Mitte April 1945 die Gegend eroberten, waren zwar nach heutigen Schätzungen schon 600.000 Tonnen Kalkstein aus dem Berg gehauen - aber längst nicht alle Stollen fertiggestellt.

Die gigantischen Ausmaße dieses Systems aus Höhlen und Tunneln beeindrucken heute Höhlenfans, Abenteurer und Heimatforscher, die langsam den verlassen Ort aus seinem Dornröschenschlaf geküsst haben. Im Internet kursieren Berichte mit brillanten Fotos über die weitverzweigten Stollensysteme - meist mit dem vorsorglichen Hinweis, dass das Betreten weder erlaubt, noch ungefährlich sei. "Innen sieht es so aus, als wäre dort noch gestern gearbeitet worden", versucht Horst Klötzer die Faszination zu beschreiben. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Historischen Centrums Hagen hat er "Schwalbe 1" mehrmals besucht, professionell fotografiert und vermessen. Derzeit feilt er an einem ausführlichen Bericht.

"In den Stollenwänden stecken noch unzählige Bohrstangen. Daran sieht man, wie abrupt die Arbeit eingestellt wurde", erklärt er. Mehr als 20 verschiedene Stollen wurden in den Berg gehauen, ein Schienensystem ist heute noch zu sehen, an der Decke haben Dampfloks Rußspuren hinterlassen.

Die vergessenen Toten

Doch wie viele Menschen hier schuften mussten, ist bis heute weit weniger ergründet als die technischen Details der alten Stollen. Der Heimatforscher Antonius Fricke, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt, spricht von "mindestens zehntausend Arbeitskräften, überwiegend Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen". Diese Zahl ist nicht unumstritten, deckt sich aber mit dem Bedarf, den die Nationalsozialisten im Oktober 1944 selbst veranschlagten. Fricke vermutet zudem, dass für "Schwalbe 1" zwischen den Orten Balve und Fröndenberg "eine Kette von mindestens 15 Lagern" genutzt worden sei. Bis heute sei dieses Lagersystem "nicht systematisch erforscht".

Allein 2000 Arbeiter sollen in dem vermutlich größten Lager Biebertal in Lendringsen kaserniert worden sein. Schon 1947 listete hier ein Ehrenmal die Namen von 82 verstorbenen ausländischen Gefangenen auf - die meisten von ihnen Polen. Jahrzehnte später wurden die Namen von 47 Deutschen und drei Österreichern hinzugefügt.

Zahlen, die die Rücksichtslosigkeit der Lagerbetreiber und die brutalen Arbeitsbedingungen gerade einmal erahnen lassen. Wie viele Arbeiter sich für den Traum von einer bombensicheren Treibstoffproduktion auch in etlichen anderen, bis heute unerkundeten Stollen in ganz Deutschland zu Tode schunden oder in den Lagern verhungerten, bleibt ungewiss. Damit wenigstens die Toten von Lendringsen nicht in Vergessenheit geraten, hat Antonius Fricke kürzlich beantragt, das Ehrenmal unter Denkmalschutz zu stellen.

Zum Weiterlesen: Wolfgang Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff 1933-1945, Musterschmidt-Verlag Göttingen.

Das einzige Buch zu "Schwalbe 1": Kai Olaf Arzinger: Stollen im Fels und Öl fürs Reich, Hans-Herbert Mönning-Verlag Iserlohn.


Quelle: Westfalenpost Menden vom 06.06.2009



Quelle: Westfalenpost Menden vom 02.04.2009



Quelle: Westfalenpost Menden vom 30.03.2009



Quelle: WR Lüdenscheid v. 05.02.2009 "Verstrickung der Polizei in NS-Terror"

Zwangsarbeiter starben an Hunger und Überlastung

...Im August 1940 richteten Polizei, Gestapo, der Reichstreuhänder der Arbeit (NS-Organisation der Arbeitsämter) und der Arbeitgeber in Lüdenscheid-Hunswinkel das erste Arbeitserziehungslager der Nationalsozialisten ein. Hier wurden zunächst Deutsche eingewiesen, die den Arbeitsnormen und der Arbeitsdisziplin der Nationalsozialisten und Betriebsleiter nicht entsprachen.

Die sechswöchige Straflagerzeit war so hart, dass oft ein Viertel der Häftlinge arbeitsunfähig wurde. Als immer mehr Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht wurden, gab es einige, die an den schlechten Arbeitsbedingungen Kritik übten. Sie wurden zu einer "Erziehungszeit" von 12 Wochen verurteilt. Seit 1942 mussten viele tausend Zwangsarbeiter aus Betrieben des Rheinlands und Westfalens hier ihre Erziehungshaft verbringen, die so unmenschlich war, dass junge Menschen daran starben. Das kleine Gräberfeld auf dem Waldfriedhof Loh und der Friedhof Hühnersiepen geben davon Zeugnis. Später fanden in Hunswinkel auch Exekutionen der Gestapo Dortmund in Hunswinkel statt.

In dieser Zeit (1942-44) war der Chef der Gestapo Lüdenscheid der verantwortliche Lagerkommandant. Er leitete 1944/45 auch das Lager Sanssouci im Hönnetal, wo unterirdische Produktionsstätten für die Rüstungsunternehmen hergestellt werden sollten und viele Zwangsarbeiter an Hunger und Überlastung starben. Nach der Kapitulation wurde Karl Gertenbach im Polizeigefängnis des alten Lüdenscheider Rathauses inhaftiert. Er nahm sich in einer Haftzellen, in die er vorher viele Dutzend Juden und viele hundert politische Gegner eingewiesen hatte, am 15.5.1945 das Leben durch Erhängen...


Quelle: Ralf Blank "Hagen im Zweiten Weltkrieg" Bombenkrieg, Kriegsalltag und Rüstung in einer westfälischen Großstadt 1939-1945, ca. 456 S., zahlr. Abb., erschienen 06.11.2008, hier Auszug aus S. 144:

". . . blieb im Anfangsstadium stecken"

". . . Mit dem Aufbau eines ähnlichen Betriebes wurde unter dem Decknamen 'Schwalbe 1' im Spätsommer 1944 in einem Steinbruch bei Oberrödinghausen begonnen. Dort war im Rahmen des 'Geilenberg-Programms' von der Firma Rhein-Braun-Union in Wesseling die Einrichtung eines unterirdischen Hydrierwerkes zur Herstellung von Flugbenzin geplant. Der Bau der Stollensystems erfolgte durch Tausende von Zwangsarbeitern, die u. a. aus dem 'Auffanglager' der Gestapo bei den Klöckner-Werken in Hagen-Haspe sowie aus dem AEL Hunswinkel bei Lüdenscheid in das Hönnetal verlegt wurden. Doch wie das im Volmetal bei Hagen geplante Bauprojekt 'Krebs I', dessen Errichtung wahrscheinlich nicht über erste Probebohrungen hinauskam, blieb auch das unterirdische Hydrierwerk 'Schwalbe 1' im Anfangsstadium stecken. . .


Quelle: Westfalenpost Menden vom 03.06.2008

Großes Interesse an Schwalbe-Stollen
Menden. Zur Exkursion "Rodenberg" hatten sich am Sonntag am mit rund vierzig Teilnehmern eine unerwartet große Teilnehmerzahl eingefunden. Sicherlich auch, weil ein Stollen besichtigt wurde, der am Ende des Zweiten Weltkriegs gegraben wurden — als Teil des Projekts Schwalbe I.

Mit Ulrike Lischka und Antonius Fricke von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Menden ging es im Rodenberg zunächst zum gut erreichbaren und unverkennbaren, an einem Wanderweg liegenden nördlichenStolleneingang des im Winter 1944/45 errichteten Stollens durch denRodenberg.

Dieser Stolleneingang war sowohl den älteren Teilnehmern aus eigener Kindheitserinnerung als auch etlichen jüngeren Teilnehmern aus den Erzählungen der Eltern, aber auch aus dem Ergebnis eigenen Interesses und eigener interessierter Geländeerkundung wohl bekannt. Damit kann das Stollenmundloch als Teil des riesigen Irrsinnprojektes der Nazis, nämlich eine unterirdische bombensichere Fabrik zur Gewinnung von Flugzeugbenzin aus Kohle im Steinbruch Emil in Oberrödinghausen, dem jetzigen Übungsgelände der Polizei, zu bauen, als bestätigt gelten.

Im weiteren Verlauf der Exkursion stand dann das Gelände der Rodenburg unter dem Gesichtspunkt der möglicherweise schon vor Ritter Goswin vorhandenen Wallanlagen für eine Wallburg im Mittelpunkt. Die im Volksmund so genannte "Hünenburg", von der man glaubte nur "Hünen" bzw. "Riesen" hätten sie errichten können, ist durch die intensiven Steinbrucharbeiten der Vergangenheit heute höchstens nur noch zur Hälfte vorhanden.


Dieses Bild zeigt den Blick direkt in den nördlichen, verschütteten Stolleneingang. Die Teilnehmergruppe befindet sich an der Absperrung genau über dem Tunnel am Wanderweg, dem volkstümlich so genannten OT-Weg (OT=Bauleitende "Organisation TODT").

Danach führte der Exkursionsweg steil den Rodenberg hinauf und auf der nördlichen Seite in Richtung der entfernten Ruhr als Entnahmestelle der Wasserleitung zugewandten Seite hinunter.

Stollen noch begehbar
Dort befinden sich am Hang des Rodenberges an zwei getrennten Stellen eine nur schwierig überschaubare Ansammlung an Erdaufschüttungen, tiefen Gräben und möglicherweise gleich mehreren zum Teil wohl versuchsweisen Stolleneingängen. Hinzu kommt unter anderem der Überrest des nach dem Kriege mindestens zur Hälfte zugeschütteten OT-Teiches und ein hangaufwärts liegender Stolleneinbruch.

Spätestens hier wurden sowohl von den älteren Teilnehmern als Augenzeugen, aber auch den jüngeren Teilnehmern — letztere naturgemäß zunächst besonders intensiv an dem Stollen interessiert— eine geradezu überwältigende Fülle an Einzelheiten zum Stollen genannt.

Dabei spielte das menschliche Leid der Zwangsarbeiter immer wieder in großer Betroffenheit bei alt und jung eine große Rolle. Die menschenverachtende Brutalität des Projektes Schwalbe I mit den möglicherweise mehr als zehntausend davon direkt betroffenen Menschen ging allen "unter die Haut". Sei es durch persönliche Kindheitserinnerungen oder anhand dieser Erzählungen bei den jüngeren Teilnehmern.

Technisch kann unbeschadet des sich erneut bestätigenden, dringenden wissenschaftlichen Forschungsbedarfs für alle Aspekte — sowohl der menschlichen als auch der organisatorisch-technischen — von Schwalbe I gelten, dass als vorläufig gesicherte Erkenntnis sich ergibt, dass der Stollen in ganzer Länge unter dem Rodenberg fertiggestellt worden ist. Möglicherweise ist er heute noch begehbar.

Es sollen im Stollen noch Schienen und Wagen der Lorenbahn — die sich wohl vom südlichen Stollenmundloch westlich auf heute noch gut begehbarem und genutztem Weg um den Rodenberg zum nördlichen Stolleingang hingezogen haben soll — und andere Geräte vorhanden sein.

Es wurde unter anderem von Barackenlagern auf der Kluse, am Hexenteich und im Gebiet Lahrfeld berichtet. Ferner gab es neben einer Fülle an sonstigen Detailangaben eine ganze Reihe von Hinweisen auf den Verlauf der Wasserleitung zwischen der Ruhr und Oberrödinghausen.

Da eine kurze Suche unter dem Stichwort Schwalbe I im Internet genügt, um klar zu legen, dass die bisher schon sehr bekannten Stollen im Hönnetal, die auf dem Gebiet der Stadt Hemer liegen, immer wieder illegal aufgesucht werden, muss nachdrücklich von Seiten der für den Rodenberg zuständigen Unteren Denkmalbehörde der Stadt darauf hingewiesen werden, dass jedes Öffnen der Stollenmundlöcher im Rodenberg und jedes weitere Betreten oder gar Durchgehen des Stollens aus Sicherheits- und aus denkmalpflegerischen Gründen illegal und verboten ist.

Die nächste Exkursion im Rahmen der Bodendenkmalpflege ist mit einer Teilbegehung des historischen Salzweges und Besichtigung der Michaelskapelle in Werringsen für den 14. September geplant.


Quelle: Westfalenpost Menden vom 24.05.2008



Quelle: Westfalenpost - Mendener Nachrichten Nr. 106 vom 07.05.2008

30 000 Tonnen Benzin
im Monat für Nazi-Krieg

Unterschiedliche "Schwalbe"-Lager-Ansätze zusammenführen

Menden. (cece) Wenn zwei honorige Mendener sich letztlich für dasselbe Ziel einsetzen, aber anhaltend aneinander vorbei arbeiten... Jetzt kommt auf einer ganz neuen Ebene Bewegung in die Aufarbeitung des Nazi-Rüstungsprojektes "Schwalbe 1" (siehe Hintergrund) im Hönnetal.

Elmar Dederichs Forschungsansätze könnten nach acht Jahren währender Recherche schon bald in einem Buch münden. Der ehemalige Lendringser Bürgeramtsleiter sucht in diesen Tagen einen Verleger. Antonius Fricke, der ebenso wie Dederichs viele Quellen gesichtet hat, geht inzwischen einen anderen Weg. "Das ist in der Gesamtheit eine Nummer zu groß, um es rein im Ehrenamt leisten zu können." Im Idealfall, so Fricke, könne eine mit Fachleuten oder wissenschaftlichem Nachwuchs besetzte Gruppe einer Universität dieses Feld beackern.

Dederich befasst sich seiner Arbeit vor allem mit dem menschlichen Leid der ca. 10 000 eingesetzten Zwangsarbeiter. In mehreren Vorträgen für die VHS hat er bereits öffentlich darüber berichtet. Fricke stellt „Schwalbe 1” zudem in einen übergeordneten Zusammenhang. Einige seiner Erkenntnisse zum Thema:

Zwischen dem September 1944 und dem März 1945 wurden rund 600 000 Tonnen Kalkstein in härtester Arbeit und menschenverachtender Rücksichtslosigkeit im Hönnetal auf dem jetzigen Übungsgelände der Polizei oberhalb der Betriebsanlagen der RWK, die im Übrigen in gar keiner Weise verantwortlich für Schwalbe 1 war und ist, im Winkel zwischen der B 515 und dem Abzweig nach Hemer im Steinbruch Emil im Rahmen der Entstehung eines künstlichen unterirdischen Höhlensystems aus dem Felsen geholt. Gleichzeitig wurde eine Wasserleitung von der Ruhr am Westicker Wehr bis Oberrödinghausen angelegt. Das Wasser sollte als Kühlwasser bei der Hydrierung in der unterirdischen Fabrik in Oberrödinghausen dienen. Im Kapellenberg wurde deswegen ein mehrere hundert Meter langer Stollen durch den Felsen geschlagen.

Vor allem Treibstoff für Düsenjäger
Es sollten im Hönnetal in den Felsen monatlich 30 000 Tonnen Benzin, vor allem Düsenjägertreibstoff, produziert werden. In einer Vorkalkulation wird der Arbeitskräftebedarf für den Bau dieses riesigen Projektes auf zehntausend geschätzt. Diese Zahl dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit fast, wenn nicht gar ganz erreicht oder sogar überschritten worden sein.

Aus einem Schreiben vom 2. Januar 1945: „Im Herbst verg. Jahres ist in der Gemeinde Lendringsen und Schwitten mit einer kriegsentscheidenden Baumaßnahme ,Schwalbe’ begonnen worden. Dieselbe machte in der Gemeinde Lendringsen bis jetzt die Unterbringung von rund 7000 und in der Gemeinde Schwitten von rund 1000 Arbeitskräften erforderlich.” Dazu müssen die Lager auf dem Gebiet der Stadt Menden, möglicherweise auf dem Gebiet der Stadt Fröndenberg (Bahnhof!) und ganz sicher das sogenannte „Arbeitserziehungslager” in Balve hinzu gerechnet werden.

Unter Hitlers Terrorherrschaft
Es entstand zwischen Fröndenberg und Balve ein bis heute nicht systematisch erforschtes Lagersystem an Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Strafgefangenen, welches geschätzt etwa zwanzig Lager, unter Einschluss des Strafgefangenenlagers Lendringsen im Biebertal, umfasste, die buchstäblich aus allen Nationen kamen, die jemals unter Hitlers Terrorherrschaft gestanden hatten oder nach standen.

Antonius Fricke: Zusammenhänge herstellen.
Belegt ist diese große Anzahl an Menschen beispielhaft in den akribisch festgehaltenen Steigerungen der Wasserförderung des Wasserwerkes in Lendringsen vom Juni 1944 mit 7 950 Kubikmetern bei einer Einwohnerzahl von 6500 Menschen auf die Dezemberförderung 1944 mit 17 660 Kubikmetern. Zur Stadt Menden sind im Standardwerk „Nationalsozialistische Lagersysteme” von Martin Weinmann (Frankfurt am Main 1990) die OT-Lager Im tiefen Winkel (140 Personen und Josefschule mit 800 Personen) aufgeführt. (Der CDU-Stadtverband hat mittlerweile Frickes Anregung aufgegriffen und bei Bürgermeister Rudolf Düppe beantragt, dass eine Forschungsgruppe eingesetzt werden soll.



Quelle: Westfalenpost Menden vom 04.05.2008

"Schwalbe"-Kriegsgefangene: Die Wahrheit zu missliebig?

Menden. Nirgendwo sonst in der Region sind in den 1940er Jahren ähnlich massiv Kriegsgefangene missbraucht und drangsaliert worden wie beim "Schwalbe"-Kriegsrüstungsprojekt in Menden. Die Stadt tut sich schwer mit der Aufarbeitung. ...

Elmar Dederich: "In meinen ,Schwalbe'-Vorträgen nie einen CDU-Ratsherren gesehen. Andere schon." ... Elmar Dederich, ausgewiesener Kenner des Themas, erfährt bei seinem "Schwalbe"-Buchprojekt wenig bis keine Unterstützung. An einen Zufall mag Dederich längst nicht mehr glauben. Erst vor Wochen hatte er - nach eigenem Bekunden - bei Bürgermeister Düppe vorgesprochen, um für das Buchprojekt um Unterstützung zu bitten. Eine positive Antwort hat er nicht bekommen. Stattdessen musste Dederich Ende vergangener Woche einen Vorstoß des CDU-Stadtverbandes zur Kennntnis nehmen. Demnach solle das Thema "jetzt wissenschaftlich aufgearbeitet werden".

Ein Historiker - abgesehen von Fragen des Honorars - müsste einen reichlich langen Atem haben, um sich auch nur ansatzweise Dederichs Erkenntnisse zugänglich zu machen. "Ich habe intensiv acht Jahre recherchiert. Zwar nicht wissenschaftlich, aber seriös." Nicht nur für Dederich liegt der Verdacht nahe, dass viele Mendener Politiker das Thema am liebsten unter den Teppich kehren würden: "Mich haben mehrfach führende CDU-Ratsherren gebeten, ich solle die Finger davon lassen. Es bringe doch nichts."

Eine Premiere ist das, was Dederich gerade erlebt, keineswegs. Helmut Hoffmann, einst Leiter des Mendener Museums, hatte vor allem in den 1970er und 1980er Jahren akribisch Fakten zum Thema "Schwalbe" gesammelt. An Ergebnissen war freilich kaum ein Politiker ernsthaft interessiert. Mehr noch: Immer wieder wurde Hoffmann hinter vorgehaltener Hand bedeutet, sich gefälligst als Museumsleiter nicht öffentlich zu diesem Themenkomplex zu äußern.

Nicht unbeteiligt am CDU-Vorstoß, einen Wissenschaftler zu beauftragen, war Antonius Fricke. Der Heimatkundler und städtische Beauftragte für Bodendenkmalpflege teilt Dederichs Ergebnisse nur in Grenzen. Während Dederich von etwa 10 000 am "Schwalbe"-Projekt Beteiligten ausgeht, will Fricke eine deutlich geringere Zahl ausgemacht haben. Dederich und Fricke haben diesbezüglich auch schon mal öffentlich einen Disput ausgetragen.

Etliche Christdemokraten treibt indes auch ganz aktuell eine Sorge um: Ihnen scheint ein sich abzeichnender "Schwalbe"-Buch-Veröffentlichunggstermin schon jetzt im Magen zu liegen. "Erst die Massengräber in Barge, dann Neonazi Rieger mit Kaufabsichten für Gut Rödinghausen. Wenn da noch mehr Negativ-Schlagzeilen kommen, könnte Menden einen riesengroßen Imageschaden erleiden." Eine Haltung, die freilich nicht nur bei Christdemokraten anzutreffen ist. Obwohl Dederich feststellt: "Im Übrigen habe ich mit diesem Thema vor verschiedenen Institutionen in elf Vorträgen bereits ca. 1300 Mendener Bürger erreicht. In diesen elf Vorträgen saß nie ein CDU-Ratsmitglied; Ratsmitglieder aller anderen politischen Parteien wurden in den Vorträgen gesehen. Erstaunlich deshalb das jetzige Interesse der CDU an diesem Thema." Gut möglich, dass neue und ganz aktuelle Erkenntnisse Dederich vom Publizieren abhalten sollen. Der ehemalige Lendringser Bürgeramtsleiter weiß mittlerweile, dass "fast 250 Lendringser Familien Quartiergeber für Mitarbeiter von Rüstungsfirmen aus allen Teilen des Landes waren".

Dederich sieht sich nicht in der Lage, das Buch-Projekt komplett allein zu stemmen. "Ich will mich nicht bereichern und auch kein Honorar für die viele Arbeit. Ich möchte nach Möglichkeit die Sicherheit haben, nicht über die Maßen privat zuzahlen zu müssen." Die Stellungnahme von Elmar Dederich zum CDU-Antrag: Seite 3


Quelle: Internet-Seite der CDU Menden aus 2008

"Projekt Schwalbe 1" –
CDU-Stadtverband setzt sich für historische Aufarbeitung ein


Die heimische Presse berichtete in letzter Zeit mehrmals über das Projekt "Schwalbe 1" im Hönnetal. Hierbei handelte es sich um ein Nazi-Rüstungsprojekt in der Spätphase des Zweiten Weltkriegs. Geplant war im Hönnetal bei Oberrödinghausen ein unterirdisches Hydrierwerk zur Herstellung von Flugbenzin. Eingesetzt wurden für die Baumaßnahmen eine große Zahl von Kriegsgefangenen und Häftlingen, die unter extremen Bedingungen hunderttausende Tonnen Kalkstein aus dem Felsen herausholen mussten.

„Schwalbe 1“ gehört mit einem weitverzweigten Höhlensystem im Hönnetal zu einem der wichtigsten Rüstunsprojekte im hiesigen Raum. Zur Erforschung dieser Thematik haben sich bereits viele Bürger, auch ehemals Betroffene, engagiert und viele Fakten zusammen getragen. Eine abschließende wissenschaftliche Aufarbeitung steht aber noch us. Der CDU-Stadtverband Menden hat sich nun in einem Antrag an den Bürgermeister dafür ausgesprochen, durch die Stadt Menden eine historisch gesicherte Forschung zu diesem Projekt und seinen Folgewirkungen für die betroffenen Menschen zu initiieren.

Was verleitet den CDU-Stadtverband dazu, sich eines derartigen Themas anzunehmen? Die CDU-Menden sieht sich als politische Kraft nicht nur der Tagespolitik verpflichtet. Gerade aus den Erfahrungen der Nazizeit hat sich vor 60 Jahren die CDU als eine ethischen und humanitären Werten verpflichtete Partei gebildet. Sie sieht ihre Aufgabe auch darin, die Strukturen und Auswirkungen totalitärer Herrschaft im Bewusstsein der Menschen zu erhalten. Auch und gerade lokale Themen können dazu beitragen, sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit zu befassen. Die CDU-Menden wird deshalb weiterhin die Aufarbeitung dieser Ortsgeschichte fördern und ihre Mitglieder und die Öffentlichkeit hierüber informieren.



Neuerscheinung auf dem Buchmarkt:

Die Rolle der Untertageverlagerung in der deutschen Rüstungsproduktion 1943-1945

von Frederic Gümmer
1. Auflage 2007 (broschiert 2008), Grin-Verlag, 120 Seiten, ISBN 978-3638923934
(aus vielen Quellen, u. a. Bundesarchiv-Militärarchiv ZA 1762-1770 / MSD-430 Ordner a-i: Dorsch, Xaver: „Die bombensichere Verlagerung von Industrieanlagen“, US Army Historical Division, Allendorf 30.6.1947)

Zusammenfassung/Extract aus der Wissenschaftliche Hausarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister Artium der Helmut-Schmidt-Universität, Universität der Bundeswehr Hamburg, vorgelegt von Frederic Gümmer, Hamburg 2007:

Es ist kaum auszudenken, dass vor mehr als 60 Jahren Höhlen, Bergwerke und Strassentunnel eine große Hoffnung der deutschen Rüstungswirtschaft symbolisierten: Bombensichere Produktion. Bereits 1936 wurden im Rahmen der deutschen Kriegsvorbereitungen Überlegungen zum baulichen Luftschutz der Bevölkerung und Industrie angestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten derartige Überlegungen nur in militärischen Kreisen Berücksichtigung gefunden, etwa beim Bau der Maginot-Linie. Man erkannte jedoch, dass die Beschränkung auf Verbunkerung der Frontlinien im nächsten zwischenstaatlichen Konflikt nicht ausreichen würde. Die Luftfahrzeugtechnik hatte sich seit 1919 erheblich weiterentwickelt und insbesondere die Vergrößerung der Einsatzreichweite ermöglichte es nun, Industriegebiete und Städte des Gegners mit schnellen und intensiven Luftangriffen erheblich zu schädigen. Die Gesamtmenge der Bombenlast, die zwischen 1941 und 1945 durch britische und amerikanische Flugzeuge auf das vom Deutschen Reich besetzte Europa abgeworfen wurde, betrug mehr als 2,6 Millionen Tonnen. Beachtung verdient die Tatsache, dass sich die Produktion vieler deutscher Rüstungszweige trotz der umfangreichen alliierten Luftoffensiven bis zum September 1944 immer wieder erholen und sogar steigern konnte. Zahlreiche Faktoren bewirkten diese Entwicklung, aber mitunter waren dafür auch Industrieverlagerungen verantwortlich. Fraglich bleibt die Rolle der unterirdischen Verlagerung... Eine Aufstellung verschiedener deutscher Ämter vom November 1944 sah eine Gesamtfläche von mehr als 7,8 Millionen Quadratmetern unterirdischen Raumes für die Rüstungswirtschaft vor. Die Flugzeugindustrie hatte mit ca. drei Millionen geplanten Quadratmetern den größten Anteil an dieser Fläche, nutzte Untertageverlagerungen also in besonders hohem Maße. Wie erfolreich die Vorhaben in diesem Rüstungssektor verliefen, an welche Bedingungen ihr Erfolg oder Misserfolg geknüpft war und welche Bedeutung sie letztendlich für die Flugzeugproduktion hatten, ist bisher nicht näher untersucht worden. Die Klärung dieses Sachverhalts ist der erste Teil der Fragestellung. Außerdem werden die Ergebnisse der Analyse zu denen zweier anderer Rüstungszweige, der Kugellager- und Mineralölindustrie, in Bezug gesetzt, um auch eine branchenübergreifende Aussage dazu treffen zu können, inwieweit unterirdische Rüstungsproduktion bedeutsam war...


Quelle: Westfalenpost Menden vom 20.09.2007



Quelle: Westfalenpost Menden vom 19.09.2007



Quelle: Westfalenpost Menden vom 19.04.2006



Quelle: Westfalenpost Menden vom 23.03.2006



Quelle: Westfalenpost Menden vom 23.05.2005

Besuch endete mit einer Gegen-Einladung

Menden. Anfang April berichtete die WP vom Schicksal des holländischen Zivilgefangenen Ruurd van der Leij, der vor genau 60 Jahren für das Kriegsprojekt "Schwalbe I" im Felsen "Emil" der Kalkwerke Oberrödinghausen an einem Stollen arbeiten musste, der dem Kriegsziel dienen sollte, unterirdisch und bombensicher synthetisches Benzin herzustellen.
Bei dieser unmenschlichen Arbeit blieb van der Leij das Strafgefangenenlager Biebertal erspart; untergebracht war er zunächst in der Hindenburgschule (heutige Regenbogenschule), ab Januar 1945 in der Josefschule Menden.

Bei einem seiner Freigänge lernte er eine Familie kennen und eine "Lotte" und eine "Tilla" wegen ihrer tatkräftigen Hilfe wertschätzen. Van der Leij, inzwischen verstorben, hatte seine Kriegserlebnisse nach Kriegsende niedergeschrieben und seinen Unterlagen Bilder seines "Schwarms Lotte" beigefügt. Sohn Jan von der Leij (55) hatte sich immer gefragt: Wer war Lotte und wie hieß die damalige uneigennützige Mendener Helferfamilie? Bei seinen Recherchen geriet er über den Buchhändler Andreas Wallentin an die Adresse des Lendringser Heimatforschers Elmar Dederich, der die WP an der Suche nach den damaligen "Engeln von Menden" beteiligte. Etwa 40 Leser gaben den richtigen Hinweis auf die Familie Reinhold, damals wohnhaft Lessingstraße 23 in Menden.

Auf Einladung von Elmar Dederich war Jan van der Leij mit Frau Afke und Schwester Anneke am vergangenen Wochenende in Menden und wandelte auf den Spuren des Vaters bzw. Schwiegervaters. Um es vorweg zu nehmen: Der Besuch war geeignet, letzte Ressentiments gegenüber Deutschen, die insbesondere Frau van der Leij aufgrund ihrer persönlichen Kriegserlebnisse immer noch hegte, vollständig auszuräumen.

Liebenswert vor allem die Begegnung mit Schulhausmeister Morali von der Josefschule, der seine Freizeit für eine eingehende Schulbesichtigung opferte. Eindruck hinterließ auch die Begegnung mit Buchhändler Andreas Wallentin, der den Besuchern zwei Bildbände von Menden schenkte, ebenso wie die Führung durch den Klostergarten durch zwei Schwestern des Walburgisgymnasiums. Überall sei ihnen, so empfand es die Familie van der Leij, bei ihrer Besichtigungstour, Freundlichkeit und Aufmerksamkeit entgegengebracht worden.
Mit einer Gegeneinladung in das holländische Friesland endete eine für Elmar Dederich und Jan van der Leij nachdenkliche Begegnung.


Quelle: Westfalenpost Menden vom 13.03.2005

Schockierende Zustände im Arbeitslager

Lendringsen. (sivo) Geschichtsunterricht hautnah erlebten gestern die Schüler der Realschule Lendringsen. Gebannt hörten die Neunt-und Zehntklässler Elmar Dederich zu, als er ihnen von den Greueltaten im Arbeitslager Schwalbe 1 während des Zweiten Weltkrieges berichtete. "Das Leben in diesem Lager, das 1944 in Lendringsen errichtet wurde, war schlimmer als im Gefängnis. Die Arbeiter mussten täglich 15 Stunden unvorstellbare Knochenarbeit verrichten. Zu Essen bekamen sie dünne Suppen und Brot", beschrieb Dederich die Not der Menschen.

Die Schüler beeindruckte, wie Elmar Dederich die Auswirkungen des Nationalsozialismus in ihrer Region erläuterte. "Wir sahen vorher den Film ,Der Untergang. Aber das war alles weit weg. Jetzt hören wir zum ersten Mal etwas über unsere Stadt", so Mareike (16) und Sandra (17). Sie waren entsetzt über das Leid, das die Strafgefangenen erdulden mussten.

Sarah (15) und Verena (15) fanden, dass die vielen Fotos den interessant erzählten Vortrag noch mehr veranschaulichten. "Durch die Bilder wissen wir, wie es genau im Lager aussah", erklärten sie. Besonders betroffen machten sie die Abbildungen der Baracken, in denen die Menschen zusammengepfercht waren. Die Schülerinnen hielten es für sehr wichtig, dass sich die heutigen Generationen intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen.

Das war das Ziel von Elmar Dederich. Die Jugendlichen bekamen zusätzlich zum Geschichtsunterricht den Bezug zu ihrer Region. Er wollte ihnen nicht nur die tragischen Geschehnisse nahebringen, die Schüler sollten auch über dieses Thema nachdenken und sich bewusst werden, wie wichtig es ist, dass sich eine solche Zeit nie wiederholt.


Quelle: "Stollen im Fels und Öl fürs Reich - Das Geheimprojekt Schwalbe I", von Kai Olaf Arzinger, Hans-Herbert Mönnig-Verlag Iserlohn, 2. Auflage 1997, ISBN 3-922885-70-5, 80 S. u. zahlr. Fotos

Aus dem Vorwort zum Buch:

...Hunderte von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen mussten unter elenden Bedingungen mit der Hand Zentimeter um Zentimeter den Stollen vorantreiben. Was von ihnen blieb, sind verdrängte Erinnerungen und einige wenige Gräber.

Die erste Ausgabe dieses Buches wurde positiv aufgenommen. Die Öffentlichkeit schätzte die Aufarbeitung des Themas, das seit Jahrzehnten im Dunkeln lag. Besonderen Anklang fanden die zahlreichen Original-Dokumente und Fotos über das Projekt "Schwalbe I", die noch nie zuvor veröffentlicht wurden.

Efreulicherweise fanden auch weitere Forschungen im Umfeld des Buches statt. So erhielt der Autor weitere Informationen zum Thema der Zwangsarbeiter. Diese Details gaben zwar zu keiner Änderung Anlass, zeigten aber, dass das Buch den gewünschten Anstoß zur weiteren Forschung gegeben hatte...



Quelle: Kai Arzinger: Das Projekt "Schwalbe 1" in "Der Märker" 1989

Emil I

Im Dritten Reich wird im ehemaligen Steinbruch "Emil I" der RWK eine Untertageverlagerung der Rüstungsindustrie durchgeführt. Projektname: "Schwalbe 1". Für eine unterirdirdische Hydrieranlage zur synthetischen Produktion von Flugbenzin (Treibstoff J2) wird ein Stollensystem in den Berg vorgetrieben. Es war eine Produktion von 20.000 to im Jahr geplant. Zum Bau der Stollen wurden ca. 10.000 Zwangsarbeiter und russische Kriegsgefangene sowie Sträflinge eingesetzt.
Im Herbst 1944 stand die Stromversorgung und die Wasserleitung war verlegt, aber noch nicht verschweißt. Ein Bahnanschluß war ebenfalls ausgebaut. Dann marschierten die Allierten ein, so dass es nicht mehr zur Produktion kam.


Quelle: Mendener Zeitung vom 12./13.07.1986

Ein Novembertag 1944 im
Lager des E. Vuckovic

Der Bericht über die Hölle im Biebertal von Harald Polenz

Langer Marsch in den Bruch
Hundertfach Tod und zwei Morde
(mit 5 Fotos)


Quelle: Westfalenpost Menden vom 26.11.1985

Hacke traf Stromleitung
Schon war das Sabotage

"Schwalbe I": Josef Rennebaum erinnert sich an Vorfälle im Lager

Lendringsen. "Schwalbe I", dieser VHS-Vortrag von Helmut Hoffmann, macht weiter von sich reden. Josef Rennebaum vom Bieberberg erinnert sich in einer Leserzuschrift.
"Der VHS-Vortrag von Herrn Hoffmann hat die große Zahl der Zuhörer tief erschüttert. Wie er, Jahrgang 1932, habe auch ich nicht diese unselige Zeit vergessen. Da die Rohrleitung keine 50 Meter an unserem Haus vorbeiführte, kann ich mich auch noch an Einzelheiten erinnern. Herr Hoffmann erwähnte ein Ereignis, bei dem ein Strafgefangener ein Stromkabel mit seiner Hacke durchschlug. Auch ich habe dies gesehen, ich stand auf der erhöht gelegenen Wiese, wo hinten das Jugendheim St. Marien steht. Der Gefangene war sichtlich geschockt von dem Blitz und dem elektrischen Schlag. Zur Besinnung ließ man ihn nicht kommen, denn ein OT-Mann der Bauaufsicht - klein, dick und ständig schreiend ("Elefant" war sein Ausdruck in der Anrede der Gefangenen) - hatte schon seine Pistole gezogen. Er trieb den Gefangenen hinter das Haus, heute Gaststätte Klesl, laut schreiend: "Sabotage! Sofort erschießen!" Mir war dabei nicht wohl zumute, aber es wurde gottlob nicht geschossen . . ."


Quelle: Gelsenkirchner Geschichten, Internet-Forum "KZ Buchenwald - Außenlager Gelsenberg" (Gelsenkirchen-Horst), Andreas Jordan

Synthetisches Benzin durch das "Geilenberg-Programm"

...U-Verlagerung (Untertage-Verlagerung) bezeichneten die unter die Erdoberfläche verlagerten deutschen Rüstungsproduktionsanlagen während des Zweiten Weltkriegs. Die NS-Regierung beschloss die Verlagerung von kriegswichtigen Fabriken unter Tage, vor allem in alten Bergwerken, Strassen-und Eisenbahntunnel oder in extra neu angelegten Stollen fanden die Betriebe Platz.
Der große Arbeitskräftebedarf in den U-Verlagerungen wurde durch Zwangsarbeiter und den Einsatz von KZ-Häftlingen neu errichteter Konzentrationslager gedeckt.

Insbesondere wurde die Herstellung synthetischen Benzins im sogenannten Geilenberg-Programm unter die Erde verlegt. Das Programm wurde nach Edmund Geilenberg, dem Generalkommissar für Sofortmaßnahmen beim Reichsministerium für Rüstung- und Kriegsproduktion benannt. Unter den Tarnbezeichnungen waren geplant: Schwalbe I, unterirdisches Hydrierwerk der Gelsenberg in einem Steinbruch im Sauerland bei Oberrödinghausen, Schwalbe IV bei Finnentrop im Sauerland, geplante Betreiberfirma Gelsenberg Benzin AG – Hydrierwerk.


Quelle: Das nationalsozialistische Lagersystem, herausgegeben von Martin Weimann, Zweitausendeins, 3. Auflage 1999

LIste der Strafgefangenen- und Zivilarbeiterlager in Menden/Hemer/Balve/Iserlohn

Im Biberthal, Lendringsen, Strafgefangenenlager West-Emsland 628 Gefangene
Lendringsen Krs. Iserlohn, Arbeitskolonne (Papenbg.), Zivilarbeiterlager, Strafgefangenenlager West-Emsland 149, 439, 628
Lendringsen, Stragefangenen Arbeitskolonne Papenburg 368 Gefangene
Lendringsen, Strafgefangenenlager Werl, Gefängnis, 148
Eisengießerei, Lendringsen, Zivilarbeiterlager, 493
Eisenwerk, Lendringsen, Zivilarbeiterlager 439
Rheinisch Westfälische Kalkwerke, Oberroedinghausen, Zivilarbeiterlager, 438 Zwangsarbeiter
Dossmann, Mendener Str., Iserlohn, Zivilarbeiterlager, 436 Zwangsarbeiter
Asbeck, Asbeck, Zivilarbeiterlager, 433 Zwangsarbeiter
Mühlenweg, Gemeinschaftslager, Hemer, Zivilarbeiterlager, 438 Zwangsarbeiter
Schluermann & Co, Hemer, Zivilarbeiterlager, 438 Zwangsarbeiter
Stadtlager, Hemer Zivilarbeitertlager, 438 Zwangsarbeiter
Braucke, Adolf vom, Hemer, Zivilarbeiterlager, 438 Zwangsarbeiter
Hemer, Hemer, Zivilarbeiterlager, 438 Zwangsarbeiter


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