Quelle: "Zur Geschichte des ehem. Amtes und der Stadt Balve", hier der Beitrag "Vom 1. Weltkrieg bis zur Gegenwart"; von Harald Polenz, 1980 .S. 333-337 (Auszüge)

. . .müdes Schlurfen hunderter Füße gehört
Unter schwersten physischen Bedingungen und mit primitivem Werkzeug 23 tiefe und breite Stollen in das Kalkgestein geschlagen

. . . Von dem Kriegsgeschehen der ersten Jahre blieb unser Raum Balve zum größten Teil verschont. Die Auswirkungen bekam man jedoch auch hier zu spüren, zuerst einmal durch die aus ihren Heimatländern verschleppten Zwangsarbeiter. In eingerichteten Lagern fristeten sie ein kümmerliches Dasein. Arbeitslager standen in der Helle (heute Maximilian-Kaller-Heim), in der Asbeck und im Biebertal bei Lendringsen.


Am Ortsausgang Balve in Richtung Hönnetal, im Bereich in der Helle, war ein Barackenlager für Zwangsarbeiter eingerichtet.

Der deutschen Bevölkerung war der Umgang mit den ausländischen Gefangenen strengstens untersagt; wer es dennoch wagte, musste mit einer Anzeige rechnen. Die Situation dieser Menschen verschlechterte sich, je mehr sich der Krieg dem Ende zuneigte. Unter den Gefangenen befanden sich auch politische Häftlinge, die zu Arbeit aller Art antreten mussten, da sich die einheimische männliche Bevölkerung auf Führer-Befehl im Krieg befand.


Das Zwangsarbeiterlager an der Helle wurde nach dem Krieg zur Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen genutzt.

Aus dem Lager Asbeck werden Gefangene in den Jahren 1943/44 im Hönnetal auf dem Gelände der Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke eingesetzt. Dort wollte die Organisation Todt ein unterirdisches Hydrierwerk für die Erzeugung von Kraftstoffen bauen. Dort waren rund 10.000 Menschen damit beschäftigt, unter schwersten physischen Bedingungen und mit primitivem Werkzeug 23 tiefe und breite Stollen in das Kalkgestein zu schlagen. Jeden Morgen zogen die Häftlinge und Zwangsarbeiter unter strenger Bewachung zu ihrem Arbeitsplatz, ein langer schweigender Zug, von dem ein Augenzeuge erzählt, dass man nur das müde Schlurfen Hunderter von Füßen gehört habe.

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Auch hinter dem Bahnhofsgebäude von Sanssouci entsteht 1944 ein Strafgefangenenlager für russsiche Kriegsgefangene, die ebenfalls im Hönnetal zum bau des Hydrierwerkes eingesetzt wurden. Auf dem Friedhof in Beckum liegen zwanzig russische Menschen, Opfer des Nationalsozialismus, begraben. . .
. . . "Am 13. Februar 1945 (Quelle: Kleinsorge Chronik Beckum) wird der Mittagszug Menden-Neuenrade mit Bordwaffen angegriffen. In der Folge wiederholen sich die Angriffe. Am 16. März 1945 fallen Bomben auf Sanssouci. Den 14 Jahre alten Helmut Böhmer treffen Phosphorspritzer - er stirbt am gleichen Tage an den erlittenen Brandwunden. In dieser Zeit schießt die Sorpe-Flak zwei gegenerische Flugzeuge ab, die auf Beckumer Boden südöstlich vom Dorfe niederstürzen. Ein Kanadier rettet sich durch Absprung, ein amerikanischer Offizier wird aus dem Flugzeug herausgeschleudert und kommt zu Tode. . .
. . . Im März 1945 wird die Fliegertätigkeit so rege, dass die Sirenen nicht mehr aufhören zu heulen. Die Arbeit kommt mehr und mehr zum Erliegen. Der Volkssturm wird aufgerufen. Alte, kranke Leute sollen das Vaterland retten. Auf der Hinsel und am Voßkamp wird mit Knüppeln geübt, Gewehre sind nicht vorhanden. . .

. . .Von Balve aus zogen die Amerikaner über den Balver Wald das Hönnetal abwärts. In Volkringhausen fing durch Artillerie-Beschuss der alte Honert-Hof Feuer, und der Bauer des Hutmacher-Hofes auf der Insel, Levermann, wurde durch einen Granatsplitter auf der Tenne tödlich verletzt. Einige Volkringhauser flüchteten in die Karhof-Höhlen, um sich dort zu verstecken. Als die Amerikaner auf die Höhlenöffnungen feuerten, gab es Verletzte.

. . . Der Krieg war nun vorbei, die Leiden allerdings noch nicht. Bei ihrem Einmarsch öffneten alliierte Truppen auch die Gefangenenlager im Balver Umland und gestanden den Zwangsarbeitern eine 24-stündige Plünderung zu. Es kam zu grauenvollen Szenen, zu Vergewaltigungen, zum Mord an Kindern (in Dreisborn erschlugen plündernde Zwangsarbeiter Kinder, indem sie sie mit den Köpfen gegen die Hofmauern schlugen). Die von den Amerikanern eingesetzten Bürgermeister in Balve, Dr. Brüggemann und sein Stellvertreter Theodor Pröpper, versahen einen Dienst, der kaum zu bewältigen war. Zwar setzten die Amerikaner eine Polizeitruppe ein, die sich jedoch bestechen ließ und den Plünderungen tatenlos zusah. . .


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