Kirchbau-Fundamente für Zwangsarbeiterlager genutzt
Sie waren 1945 laut Kirchenchronik "durch Aufstellen von Baracken für Zwangsarbeiter und das Lagerleben" verschüttet


Quelle: die warte - Heimatzeitschrift für die Kreise Paderborn und Höxter - Heft 126 Sommer 2005, S. 34

Von Horst Hassel und Horst Klötzer

Eines der Barackenlager, in denen 1944 die Zwangsarbeiter für den Stollenbau zur Untertageverlagerung "Schwalbe 1" untergebracht waren, nutzte Fundamente, die von Mitgliedern der katholischen Kirchengemeinde in Oberrödinghausen für den Bau einer Kirche vorbereitet worden waren. Es waren Arbeiter, die im Auftrag der Firma Köthenbürger (Paderborn) im Stollenbau tätig waren. In Oberrödinghausen war die Firma Köthenbürger bekannt, wie man der Kirchenchronik entnehmen kann. Dort heißt es u. a.:
"Von der Arbeitern der Baufirma für Eisenbetonbau 'Josef Köthenbürger' aus Paderborn, erhielt die St. Hubertus-Kapelle in Oberrödinghausen zu Weihnachten 1927 einen Kelch mit Widmung im Werte von 200 Mark zum Geschenk."

Das Grundstück für den Kirchenneubau hatte die Pfarrgemeinde 1936 von der Dükerschen Gutsverwaltung erworben. Es handelte sich um "zerklüftetes Waldgelände", das von Mitgliedern der Kirchengemeinde nach Feierabend gerodet und zu einem Bauplatz umgestaltet wurde. Im Juli 1938 erhielt man die Baugenehmgigung für den Kirchbau. An einen schnellen Baubeginn war dennoch nicht zu denken, wie man der Kirchenchronik entnehmen kann:

"Mit dem Bau konnte erst im August 1939 begonnen werden, weil noch viele Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden mussten. Seiner Zeit war der Westwall im Bau, daher war kein Zement zu haben. Auch fand sich kein Bauunternehmer, der in dieser Zeit einen Kirchenneubau hätte übernehmen wollen. Der Beweis dafür ist die Ausschreibung der Bauarbeiten. Von allen Offerten wurde nur eine einzige zurückgegeben. Der Bauunternehmer Franz Hellmann übernahm nun den Bau, fing aber erst nach mehrmaligem Drängen endlich im August 1939 an.

Nachdem er die Fundamente gelegt hatte, zog er die Bauarbeiter vom Kirchplatz wieder ab unter dem Vorwand, die Siedlungsbauten in Lendringsen fertig stellen zu müssen. Wäre weiter gebaut worden, so hätte der Kirchenneubau trotz des Krieges vollendet werden können, aber es fehlte der gute Wille. Er baute außer diesen Siedlungsbauten noch zwei Privathäuser, die auch von dem selben Unternehmer fertiggestellt wurden. Ein Hitlerheim oder Hitlerhaus wäre bestimmt noch gebaut worden, aber nur nicht eine katholische Kirche. Immer und immer wieder spielt die leidliche Menschenfurcht im Leben eine Rolle. So blieb die Kirche mit ihren Fundamenten liegen, bis schließlich das ganze Bauen eingestellt werden musste."

Auf der Suche nach einem Bauplatz für die Baracken der Zwangsarbeiter fackelten die damaligen Vertreter von Organisation Todt und Stollenbaufirma Köthenbürger nicht lange - sie stellten die genormten OT-Baracken auf die Fundamente der geplanten Kirche. Dazu berichtet die Kirchenchronik über das Jahr 1945 weiter:

10 Baracken standen auf den Kirchbau-Fundamenten
"Nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes und nach der bedingungslosen Kapitulation, konnte man im August 1945 wieder an die Fortsetzung des Kirchenbaues denken. Durch die Aufstellung einer Anzahl von Baracken und das Lagerleben der Zwangsarbeiter war das mühsam ausgeschachtete Fundament gänzlich verschüttet. Darum galt es zu allererst die Grundmauern wieder frei zu legen. Sodann ging es an das Aufrichten des eigentlichen Mauerwerks..."

Es müssen 10 Baracken auf dem Kirchengrundstück gestanden haben, in denen die Zwangsarbeiter für "Schwalbe 1" in Oberrödinghausen untergebracht waren. Das ergibt sich aus Feststellungen der Stadt Menden zur Begründung für die Eintragung der Kirche der Pfarrgemeinde Maria in Oberrödinghausen in die Denkmalliste der Stadt. In der Begründung für die Unterschutzstellung der Kirche heißt es u.a:

"Der Bau wurde 1939 begonnen, dann aber aufgrund des zweiten Weltkrieges unterbrochen und erst 1948 fertiggestellt. Der Kirchenbau sollte die Hubertuskapelle ersetzen, eine Barackenkirche mit Westturm, die 1920 errichtet worden war. 1936 wurde das Grundstück für die neue Kirche erworben, 1939 wurden die Fundamente gegossen, danach kam der Baufortschritt allerdings ins Stocken.

1944 wollte man auf dem Gelände der Kalkwerke ein unterirdisches Benzinlager (Projekt Schwalbe) errichten, wofür u.a. in 10 Baracken auf den Kirchenfundamenten Arbeiter von den für das Projekt dienstverpflichteten Firmen untergebracht waren. So musste man 1945 zunächst die Fundamente wieder freilegen lassen, als 1945 der Weiterbau der Kirche fortgeführt werden sollte. Nach Fertigstellung der Kirche wurden 1948 die Ausstattungsgegenstände feierlich aus der Barackenkirche in die neue Kirche überführt..."

Erstaunlich, dass die Stadt Menden hier die Existenz eines Zwangsarbeiterlagers verschweigt, denn das so harmlos klingende "Arbeitern der für das Projekt dienstverpflichteten Firmen" suggeriert eher Bedauern mit den Firmen als mit den unter unmenschlichen Bedingungen zwangsweise zum Arbeitseinsatz getriebenen und vielfach zu Tode gekommenen Gefangenen.


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