Quelle: Aufzeichnungen des Zeitzeugen Karl Hasecker, Lendringsen, Siedlerweg 5. Sein Elternhaus lag nur rund 300 m vom Lager entfernt, er ist praktisch mit dem Geschehen rund um das Lagerleben groß geworden.

Erinnerungen an das
Strafgefangenenlager
Biebertal-Lendringsen


Von Karl Hasecker

Es war September 1944, die Ortschaft Lendringsen hatte bis dahin nicht viel vom großen Elend des Krieges abbekommen. Es waren ein paar Bomben gefallen, und ein Opfer war zu beklagen - eine Frau, die oberhalb vom Bieberberg am 19.11.1943 durch eine Sprengbombe an diesem Freitagabend getötet wurde. (Die Bombe fiel am 19.11.1943 um 20.45 Uhr bei Drosten)

Dann kam der Tag, an dem meine Schwester des Abends gegen 20 Uhr von ihrer Arbeitsstelle nach Hause kam und erzählte, in Lendringsen sei was los: "Der neue Weg (Hierlstraße, heute Friedhofstraße) ist voller Sträflinge. Die Gefangenen schlafen zum Teil auf der Straße!" Außerdem ständen Tische und Bänke der neuen Schule (Josef-Schule) auf dem Schulhof. In den Klassenräumen seien Gefangene einquartiert. Die Freude bei uns Kindern war groß, denn wir brauchten jetzt ein paar Tage nicht zur Schule.

In den darauf folgenden Tagen wurde auf dem Sportplatz (heute Lendringser Platz), der vor dem Feuerwehr-Gerätehaus lag, ein Zeltlager mit Stacheldraht-Umzäunung errichtet. Der Eingang befand sich an der südlichen Seite. Hier wurden die Sträflinge so lange untergebracht, bis ein Barackenlager im Biebertal fertiggestellt war.

Bevor das Lager errichtet wurde, hatte man zum Material-Transport eine Feldbahn angelegt. Durch das Biebertal führte damals ein unbefestigter Feldweg (der Mühlenweg), der zur Lürbke ging. Die Feldbahn lief von dem Gleisanschluss der Reichsbahn der Firma Schweizer Betonwerk (heute Bettermann) bis zu den Flaschenhäusern (Nissenhütten). Heute befindet sich dort die Firma Dahlmann. Hier wurden die Sachgüter auf die Feldbahn umgeladen und zum Einsatzort gebracht. Es verkehrten dort eine Diesel- und eine Dampflok, die von Ausländern gefahren wurden. Damit sich die Loks mit ihren Zügen beim Hin- und Herfahren ausweichen konnten, hatte man oberhalb der Einfahrt zum Dückershof eine Ausweichstelle gebaut. Hier musste der Leerzug warten, bis der Vollzug vorbei war. Das Gleis lag von Hüingsen aus gesehen auf der linken Straßenseite.

Das Lager Biebertal erstreckte sich auf einer Fläche von ca. 180 x 80 Meter. Es war vorher ein Feld, das bis dahin vom Bieberhof bewirtschaft wurde. Heute befindet sich dort das Werksgelände der Firma Plastik Delbrouck. Das Gefangenenlager war mit einem 4 Meter hohen Stacheldrahtzaun umgeben, der von außen mit einer Tarnung versehen war. Sie bestand aus einem Sechseck-Maschendraht, in dem flächenweise Teerpappenstücke in grüner, brauner und schwarzer Farbe eingelassen waren (ähnlich den Tarnnetzen der Bundeswehr).

Foto zum Vergößern bitte anklicken!
Das Lager Biebertal nach einer Zeichnung von Karl Hasecker. Zum Vergößern auf die Zeichnung klicken. Dann öffnet sich ein neues Fenster, dort für die maximale Größe erneut klicken.

Von der Zauninnenseite zum Lager hin war der getarnte Stacheldrahtzaun zusätzlich mit ca. 1,50 Meter hohen und 1,50 Meter breiten, lose abgewickelten Stacheldrahtringen bewehrt, so dass ein Entrinnen aus dem Lager unmöglich war. Die Zaunpfosten hatten die Stärke eines Telegrafenmastes. Sie waren am oberen Ende, schräg nach innen ragend, abgesägt und mit ca. 0,75 Meter langen Holzlatten versehen, die wiederum mit Stacheldraht bespannt waren. Das zweiflügelige Eingangstor befand sich an der südlichen Seite, etwa gegenüber dem Sammelplatz. Für einzelne Personen gab es noch ein kleines Tor. Hier stand auch ein Wachhäuschen, das immer mit einem Aufseher besetzt war.

Die Baracken im Lager waren wegen der feindlichen Flieger durch große Bäume, meist Fichten und Birken, getarnt. Diese Bäume wurden samt Wurzeln aus dem nahe gelegenen Wald (vom Böingser Ufer, "Am Pahl" genannt) herbeigeschafft und in vorbereitete Löcher wieder eingepflanzt. Einige Bäume waren so groß, dass sie von bis zu 15 Männern getragen werden mussten. Zur Tarnung der Barackendächer wurden diese mit großen braunen, schwarzen und grünen Flecken gestrichen sowie zusätzlich mit Tannenreisig belegt. Aus der Ferne konnte man glauben, es sei ein kleiner, lichter Wald.
Die Wege und der Sammelplatz im Lager bestanden aus einer Sand-Kies-Mischung, welche aus dem Hönnetal herangeholt worden war.

Gefängnis innerhalb des Lagers
Die Baracken, alle aus Holz errichtet, standen auf einem gegossenen Betonrahmen (Streifenfundament). Die Baracken Nr. 1 bis 5 (siehe Zeichnung) dienten als Unterkünfte für die Sträflinge, wobei die Unterkunft Nr. 1 die größte war. Diese Baracke hatte nur eine Fensterseite, die in Richtung Osten zeigte und mit Windladen bestückt war. Die Fenster waren von außen gitterartig mit Stacheldraht beschlagen. Zusätzlich war unterhalb der Fenster auf dem Boden ein etwa 1 Meter hoher und loser Ring aus abgewickeltem Stacheldraht ausgelegt. Der Eingang befand sich an der nördlichen Stirnseite. Allem Anschein nach diente diese Baracke als "Gefängnis innerhalb des Lagers".

Als Schlafstätten wurden einfache, durchgehende Bretterverschläge genutzt. Sie erstreckten sich jeweils in zwei Etagen über die gesamte Länge der Baracke, so dass "Mann neben Mann" lag. Als Unterlage diente lose aufgeschüttetes Stroh. Seitlich neben dem Eingang der Wohnbaracken stand ein etwa 50 cm hoher Holzkübel (Heringsfass) mit Deckel, der links und rechts mit einer Latte versehen war. Diese dienten als Tragegriff, so dass der Kübel von zwei Mann getragen werden konnte. Vermutlich wurde der Kübel für die Verrichtung der Notdurft nachts in die Baracke gestellt und diese verriegelt.

In der Baracke Nr. 6 war die Flickwerkstatt untergebracht. Hier wurden die Bekleidung, Schuhe, "Moorstiefel" usw. repariert.
Im Gebäude Nr. 7 befand sich das Magazin. Nach der Räumung des Lagers haben wir hier Bleichsoda und Waschmittel, Stiefelschäfte, Bekleidung, Feuerlöscher, Wolldecken sowie Petromax-Lampen usw. vorgefunden. Von den Waschmitteln und Stiefelschäften haben wir Kinder einen Teil mit nach Hause genommen. Meine Mutter hat die Waschmittel bei Bauern gegen etwas Essbares eingetauscht.

Moorstiefel - Holzschuhe mit Lederschäften
Die Stiefelschäfte stammten von den Moorstiefeln, die die Häftlinge getragen haben. Moorstiefel (siehe Foto) waren Holzschuhe, an die man die Lederschäfte angenagelt hatte. Aus den Schäften machte unser Nachbar - Spitzname "Schitt-Mäh" - , er war Schuster, dann Schuhe.

Die Waschkaue befand sich in der Baracke Nr. 8. Hier standen in der Mitte des Raumes zwei ca. 10 Meter lange Betonwaschbecken, und an den Seitenwänden die Duschen. Der Fußboden bestand ebenfalls aus Beton. Der Raum konnte durch einen Kokskessel beheizt werden. Als Heizkörper dienten ca. 80 mm dicke Rohre, die spiralförmig mit geriffelten Blechstreifen umwickelt und doppelt an den Längswänden verlegt waren.
Der Heizraum Nr. 8a lag zwischen Waschkaue und Entlausungstrakt Nr. 11 in einer mit Ziegelsteinen ausgemauerten Vertiefung (erforderlich wegen der Schwerkraftheizung). Man musste einige Stufen zum Heizkessel hinuntergehen. Neben der Waschkaue wurde auch die im Entlausungstrakt stehende kleine Holzbaracke durch diese Anlage beheizt.

Der Entlausungstrakt war durch einen separaten Stacheldrahtzaun vom übrigen Gelände abgetrennt. Man konnte ihn durch eine Tür vom Waschraum aus, ein separates Tor vom Lager aus sowie ein äußeres Tor, das in Richtung Bieber zeigte, erreichen. Durch den äußeren Zugang konnten auch andere Gruppen, die nicht zum Lager gehörten, z. B. Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, diese Entlausungsanlage benutzen.

Nackte Gefangene versuchen die Entlausungsbaracke zu löschen
Die eigentliche Entlausung fand in der kleinen Baracke statt. Hier wurden Flöhe, Wanzen und anderes Ungeziefer durch Hitze abgetötet. Vorher mussten sich die Männer in der Waschkaue entkleiden und ihre Bekleidung über Eisenbügel hängen. Diese wurden dann in den Entlausungsraum gehängt. Einmal, so kann ich mich erinnern, brannte die Entlausungsbaracke mitsamt der Bekleidung - wahrscheinlich durch Überhitzung - ab.
Die nackten Gefangenen, die zuvor ihre Bekleidung zur Entlausung abgegeben hatten, holten schnell mit Eimern Wasser aus der Bieber, um zu löschen, doch die Hütte ist trotzdem abgebrannt.
Danach wurden zwei neuneckige Blechhütten mit einem Durchmesser von rund 5 Metern und flachem Spitzdach aufgebaut. Diese wurden nun zur Entlausung benutzt. Dennoch kam es auch hier in den Hütten mehrmals zu Bränden.

Ein anderes Mal waren ca. 150 Soldaten von der Wlassow-Armee (Russen in Wehrmachts-Uniform, die auf deutscher Seite gekämpft hatten) zur Entlausung anwesend. In großer Höhe uberflog in diesem Augenblick ein Pulk feindlicher Flugzeuge das Biebertal. Die Soldaten liefen, ein Teil von ihnen nackt, sofort in Deckung. Einige suchten am Ufer der Bieber Schutz, andere flohen den Damm hinauf in den nahe gelegenen Wald und begaben sich dort in den vom Reichsarbeitsdienst angelegten Bunker.
Mir fiel auf, dass sie große Angst hatten - sie hatten wohl viel Schlimmes mitgemacht. Aber wir Kinder wussten, dass wir vor feindlichen Flugzeugen, die in großer Höhe waren, keine Angst zu haben brauchten.

In der Baracke Nr. 9 war die Krankenstation untergebracht. Es waren die üblichen Bettgestelle der Wehrmacht aufgestellt. Ein starker Chlorgeruch, der durch die Verwendung von Chlorkalk zur Desinfektion entstand, hing in der Luft. Der Kalk lag verstreut auf dem Boden. In der Krankenbaracke standen Waschständer mit Schüssel und Kanne, Tische, Tragbahren, Stühle, ein Heilgerät zur Wärmebehandlung mit 16 Kohlefadenbirnen. Diese Kohlefadenbirnen habe ich hinterher mit nach Hause genommen und zur Beleuchtung genutzt, weil normale Glühbirnen nicht zu kaufen waren.

Verstorbene lagen nur bis zum Grab im Sarg
Die Nr. 10 war der Totenschuppen. Hier wurden die Verstorbenen bis zur Beisetzung untergebracht. Der Schuppen hatte eine Größe von ca. 3 x 4 Meter und besaß nur ein Fenster, welches mit Presspappe zugenagelt war. Nach der Eröffnung des Lagers wurde etwa alle 8 Tage ein Toter beerdigt, aber je näher das Kriegsende rückte, desto kürzer wurden die Abstände zwischen den Beerdigungen.
Anfangs wurden die Verstorbenen in einem Holzsarg beerdigt. Sie wurden mit einem zweirädrigen Holzkarren, wie sie früher der Anstreicher oder Schreiner benutzte, und der von Sträflingen geschoben und von Wachposten begleitet wurde, über die Straße Bieberkamp, Hauptstraße, Walzweg, Meierfrankenfeldstraße und Friedhofstraße zum Friedhof gebracht.
Als die Zahl der Verstorbenen wuchs, nahm man die Toten am Grab aus dem Sarg und vergrub sie ohne Sarg. Der leere Sarg wurde durch den nahegelegenen Reichsarbeitsdienst-Wald wieder zurück ins Lager gebracht und für den nächsten Verstorbenen verwendet.

In den letzten Wochen vor Kriegsende wurden die Verstorbenen nur noch abends auf Tragbahren durch den Reichsarbeitsdienst-Wald zum Friedhof gebracht und in den aufgeworfenen Löchern abgekippt. Der Wald befand sich genau zwischen Lager und Friedhof.
Eines Abends - es war wenige Tage bevor die Amerikaner einmarschierten - sahen wir auf dem Friedhof 3 Tote auf Tragen liegen. Sie waren mit Decken zugedeckt und sollten begraben werden. Als der Wachposten merkte, dass wir zuschauten, wartete er so lange, bis es dunkel war. Erst dann wurden die Leichen in die am Tage vorbereiteten Gruben gekippt.An das Gesicht eines Toten, es war nicht von der Decke verdeckt, kann ich mich noch genau erinnern. Es war ein junger Mann mit pechschwarzen Haaren. Auffällig war, dass die Begräbnislöcher nicht so tief wie üblich gegraben wurden. Auch waren die Stege zwischen den einzelnen Gräbern viel schmaler.
Massengräber habe ich keine gesehen. Die Grabstellen wurden vorher auf ein bestimmtes Maß durch Holzpflöcke markiert und später bei Bedarf ausgehoben.
Es wurde erzählt, dass man den toten Sträflingen die Goldzähne ausgebrochen habe. Gefangene mit Goldzähnen sind uns aber nicht begegnet - wer hatte damals schon Goldzähne?!

Das Abort (Nr. 12) im Lager bestand aus einer etwa 10 x 2 Meter großen Grube. An beiden Längsseiten befand sich ein ca. 15 cm starkes Rundholz (der sogenannte "Donnerbalken"). Die Rundholzstange wurde durch einige in die Erde geschlagene Pfähle gehalten. Die Lagerinsassen mussten hier unter freiem Himmel, bei Regen und Schnee oder Sonne, ihre Notdurft verrichten. Zur Desinfektion der Fäkalien wurde ab und zu Chlorkalk über die Grube gestreut.

Schüsse aus dem Lager nur Silvester 1944/45
Die Wachmannschaft war in der Baracke 13 untergebracht. Diese Mannschaft, ich schätze 30 Mann, setzte sich zum größeren Teil aus älteren Männern zusammen. Sie trugen dunkelblaue, zum Teil grüne Uniformen und Stiefel. Ihre Bewaffnung bestand aus Pistolen, Karabinern und Gummiknüppeln. Nur ein junger, sehr großer, schlanker Wachmann hatte eine Maschinenpistole.

In einigen Berichten über das Lager wird behauptet, dass hin und wieder geschossen wurde. Wir haben nie einen Schuss gehört. Lediglich zur Jahreswende 1944/45, in der Silvesternacht, hat man mehrere Salven aus einer Maschinenpistole und einige Schüsse mit dem Karabiner abgegeben. Andere Schussgeräusche haben wir vom Lager nie gehört.

In Baracke Nr. 14 war die Küche untergebracht. Sie lag südlich, außerhalb der Umzäunung des Lagers, und war sehr groß. Das Gebäude war in zwei kleine Räume und einen großen Raum unterteilt. Im größeren Gebäudeteil standen 3 übergroße Kessel, in denen das Essen für die Sträflinge zubereitet wurde. Gekocht wurde von 4 Sträflingen, die nicht bewacht wurden. Die Küche diente auch als Speiseraum. Während des Essens saßen ca. 30 Männer an einer Tischreihe. Vor Kopf, in einiger Entfernung, saß ein Wachposten - einen Karabiner zwischen den Füßen.

"Ihr kriegt was auf den Balg! Lass mal den Ami hier sein!"
Wenn mal das Trinkwasser ausfiel, was öfter passierte, wurde das Wasser zum Kochen von ungefähr 20 Männern mit Eimern aus der Bieber geholt. Einmal habe ich beim Wasserholen gehört, wie ein Sträfling zu einem "Blauen" (Wachposten in blauer Uniform) sagte: "Ihr Blauen, ihr kriegt es auf den Balg! Lass mal den Ami hier sein!"

Die Kartoffeln wurden von den Gefangenen geschält. Es saßen sich etwa 30 Mann in zwei Reihen auf Bänken gegenüber. Auch hierbei saß "vor Kopf" mit etwas Abstand der Wachposten auf einem Stuhl, den Karabiner zwischen den Händen. Die Schalen ließen die Gefangenen auf den Boden fallen.
Mein Vater hatte angefragt, ob wir die Kartoffelschalen für die Schweine haben könnten. Ich bin dann oft runter gegangen und habe die Schalen vor den Füßen der Sträflinge aufgelesen. Zu Hause wurden diese Schalen, bevor sie in den Futterkochkessel kamen, nach Fremdkörpern durchsucht und manchmal Knöpfe, Sicherheitsnadeln etc. gefunden, die die Gefangenen beim Schälen verloren hatten.

Einmal wollte ich mal wieder nachschauen, ob Kartoffelschalen vorhanden sind. Da spielten vier Mann mit drei großen Paketen Margarine. Sie warfen sich die Margarine wie einen großen Ball zu. Sie waren sehr erschrocken, als ich zur Tür hereinkam. Die Pakete verschwanden sofort in den Kochkesseln.
Auch hier an der Küchenbaracke stand ein Kübel, versteckt hinter ein paar gepflanzten Tannen, in dem die Köche ihre Notdurft verrichteten.
Als das Lager verlassen war, fanden wir in den Regalen noch Sojamehl. Meine Mutter kochte davon eine Suppe. Da die Suppe aber nicht schmeckte, haben wir sie an die Schweine verfüttert.

Mehrfach konnten wir beobachten, dass Sträflinge die Flucht ergriffen. Die Wachen hätten schießen können, taten es aber nicht. Sie liefen hinter den Flüchtigen her und versuchten sie zu fangen. In der Regel wurden sie schon nach kurzer Zeit wieder geschnappt, da sie alle schwach waren und deshalb nicht weit laufen konnten. Bei der Festnahme wurden sie dann mit Gummiknüppeln geschlagen.

An einem Nachmittag sah ich, wie am Bieberberg ein Sträfling flüchtete. Er war an den Bauarbeiten zur Wasserleitung Ruhr-Hönnetal beteiligt. Der Wachposten lief hinterher. Als der Sträfling vor Erschöpfung nicht mehr laufen konnte, flüchtete er in das nächste Haus, wurde aber dort eingefangen.

Ein anderes Mal, ein paar Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, sahen wir, wie 7 Gefangene an der mit Nr. 17 gekennzeichneten Stelle über den Zaun kletterten. An dieser Stelle konnte man den Zaun leichter überwinden, denn die rückwärtigen Wachhäuschen waren schon nicht mehr besetzt. Einer unserer Freunde lief sofort zum Wachpersonal und meldete die Flucht, obwohl wir ihn gedrängt hatten, es nicht zu melden. Daraufhin liefen drei Wachposten den Flüchtigen nach. Die hatten immerhin ein Vorsprung von rund 15 Minuten.

Die entflohenen Sträflinge waren den Bieberdamm hinauf und dann in den RAD-Wald gelaufen. Anschließend flüchteten sie durch die Gärten des Aechterholzes in den Wald, Eichen genannt (heute Bieberblick), und weiter in Richtung Lürbke. Der erste wurde schon unterhalb der Habichtstraße in einer Schlucht gefangen. Ein zufällig vorbeikommender Landser wurde gebeten, bei dem wieder eingefangenen Sträfling zu bleiben. Die drei Wachmänner konnten so ihre Verfolgung fortsetzen. Der festgesetzte Gefangene, der einen senkrechten Balken auf dem Rücken der Jacke trug, wurde von dem Landser gefragt, warum er hier im Lager sei. Der Gefangene antwortete: "Ich habe einem Kameraden eine Schachtel Zigaretten gestohlen."

In der Zwischenzeit kamen die Wachposten mit zwei weiteren geflohenen Sträflingen zurück. Auf dem Weg zum Lager bekamen die Gefangenen mit einem Gummiknüppel Schläge, weil sie den Rückweg zum Lager nicht kannten. Einer schrie laut auf vor Schmerz: "Mama, Mama!" und weinte bitterlich.

Wachposten teilte sein Essen mit einem Strafgefangenen
Die Nr. 15 im Plan zeigt die Lage des Fliegerschutzgrabens. Er lag zwischen dem Lager und den Flaschenhäusern (Nissenhütten).
Das Wachhäuschen (Nr. 16) hatte eine Grundfläche von 1 x 1 Meter und war ca. 2 Meter hoch. Sie waren an jeder Seite mit einem Fenster ausgestattet. Innen gab es eine Sitzbank. Mehrmals habe ich beobachtet, wie ein Wachposten bei Nr. 16 a sein Essen mit einem Sträfling geteilt hat. Er reichte die damals übliche kleine, braunemallierte Schüssel, aus der er vorher einen Teil gegessen hatte, durch den Zaun. Ich nehme an, es war ein Bekannter des Wachpostens.
Das Wachhäuschen Nr. 16 b war später nicht mehr besetzt, war dann nach einiger Zeit komplett verschwunden.

Bei Fliegeralarm am Tage, wenn feindliche Flugzeuge in der Luft waren, mussten die Sträflinge, die sich gerade im Freien aufhielten, auf der Stelle stehen bleiben und sich nicht bewegen. Wenn sich doch jemand bewegte, schrie ihn der Wachposten an und drohte mit dem Karabiner. Bei Luftalarm in der Nacht wurden die Lampen ausgeschaltet.

Einige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner wurden die Sträflinge morgens gegen 10 Uhr weggebracht - man sagte, sie kämen nach Werl. Wegen der Tiefflieger gingen sie in Einer-Reihen, Mann hinter Mann. Ihr Weg führte die Bieber hinauf, dann über das Grundstück der Familie Finke, Aechterholz 98, am Siepen entlang, den Aechterholz hinauf in Richtung Werl. Sie kamen aber am gleichen Tag wieder zurück - wahrscheinlich war der Weg schon von den heranrückenden amerikanischen Truppen versperrt.

Die Nr. 19 auf dem Plan zeigt die Lage eines kleinen Steges über die Bieber. Diese Brücke, die ich beim Ziegenhüten gebaut habe, bestand aus einem Stück Feldbahngleis, welches ich oben mit zwei Türen belegt hatte. Die Türen hatte ich einseitig durch einen starken Draht mit der Schiene verbunden, so dass eine Art Scharnier entstand. Man konnte jetzt bei Bedarf die Türen umklappen und mit ihnen das Wasser im Bieberbach stauen, so dass wir im Sommer darin schwimmen konnten. Über die Brücke wurden später die Toten zum Friedhof gebracht. Es wurde damals gescherzt: "Seit der Hasecker Karl die Brücke gebaut hat, haben wir Flöhe in der Siedlung!"

Gestreifte Häftlingskleidung mit "F" auf dem Rücken
Ich schätze, dass ca. 400 bis 600 Sträflinge im Lager gelebt haben. Nach einem amtlichen Brief aus dem Jahre 2001 sollen sich im Straflager Biebertal etwa 1800 Gefangene befunden haben. Danach ist anzunehmen, dass sie in 3 Schichten geschlafen haben. Sie sahen meist zerlumpt aus. Viele Gefangene trugen die gestreifte Kleidung und das runde Käppchen mit dem aufgemalten Kreuz auf dem Kopf, wie es damals im Zuchthaus üblich war. Einige Sträflinge hatten ein "J" mit weißer Farbe auf dem Rücken der Kleidung. Das "J" stand für Justizverbrecher. Andere hatten ein "F" für "Fahnenflüchtige" auf ihrer Kleidung. Andere waren mit einem senkrechten Balken auf ihrem Rücken gekennzeichnet. Diese Personen hatten leichtere Straftaten begangen.

Mit der Nr. 18 wird auf dem Plan eine Stelle bezeichnet, an der sich ein Loch im Stacheldrahtzaun befand. Dieses wurde wahrscheinlich von den Sträflingen nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Zaun geschnitten. Hier konnte ich einmal beobachten, wie sich zwei Lagerinsassen nicht darüber einig waren, ob sie nun durch das Loch in die Freiheit schlüpfen sollten oder nicht. Schließlich ging nur einer der beiden durch die Öffnung im Zaun in die Freiheit. Diesen Mann habe ich später noch öfter gesehen an der amerikanischen Feldküche, welche sich an der heutigen Friedhofstraße oberhalb der Josefschule befand.

An dem Tag, an dem die Amerikaner einmarschierten, kamen 11 Sträflinge zur Familie Brunswicker im Aechterholz. Die Familie wohnte direkt am Wald. Es war das erste Haus vom Strafgefangenenlager aus gesehen. Sie baten um etwas zu essen. Josefine Brunswicker, eine gutherzige Frau, kochte für die Sträflinge ihre letzten Kartoffeln. Als die gar waren, hat sie den Topf mit nach draußen auf den Hof genommen und die Kartoffeln dort auf Tellern serviert. Zuvor hatten einige Sträflinge schon die schlecht gewordenen Schnippelbohnen gegessen, die auf dem Misthaufen gelegen hatten. Anschließend bedankten sich die Sträflinge und verabschiedeten sich. Ob sie zurück ins Lager sind, kann ich nicht sagen.

Als die amerikanischen Truppen zum Lager kamen, wurde das Wachpersonal abgeführt. Sie marschierten die Aechterholzstraße hinauf in Richtung Habichtstraße. Später kamen sie wieder zurück, hatten unterwegs noch einige deutsche Soldaten aufgegriffen, darunter Herbert Huckschlag und meinen Bruder Heinz. Beide waren verwundet. Man hatte sie zu Hause gefangen genommen.

Weil mein Bruder eine Fußverletzung hatte und schlecht laufen konnte, stützten ihn zwei Wachposten. Es ging zurück zum Strafgefangenenlager. Hier musste das Wachpersonal Brote an die Gefangenen verteilen. Weil die Sträflinge sich dabei nicht ordentlich benahmen, wurden sie von den Wachposten mit einem Knüppel zurechtgewiesen. Die amerikanischen Soldaten ließen das zu. Die deutschen Landser wurden dann abgeführt nach Böingsen zum Sammelplatz am Wredenhof, dann weiter zum Sammelplatz Asbeck. Was mit dem Wachpersonal später geschehen ist, weiß ich nicht.

Das Lager wurde nach der Besetzung durch die Amerikaner nur noch von einem einzigen Soldaten am Haupttor bewacht. Die Waffen der ehemaligen Wachposten lagen neben dem Schilderhäuschen am Tor, sie wurden später verbrannt.

Nachdem das Lager verlassen war, diente das Loch (Nr. 18) als Eingang zu unserem Garten (Nr. 20), den wir von 1945 bis 1947 dort im Lager bewirtschafteten. Als ich wieder einmal mit meinem Vater auf unserem Feld war, sah ich hinter der Windlade des 2. Fensters der Baracke Nr. 1 einen Gegenstand, der Ähnlichkeit mit einer Pistole hatte. Da die Fensterseite mit abgewickeltem Stacheldraht bewehrt war, musste mein Vater durch die Tür in die Baracke gehen, um nach dem Gegenstand hinter der Windlade zu schauen.

Es war ein heißer Nachmittag. Vater hatte die Hosenbeine hochgekrempelt und ging barfuß. Augenblicke später kam er strampelnd aus der Baracke gelaufen und stürzte sich sofort in die Bieber - um sich dort der Flöhe zu entledigen, die sich seit dem Barackenbesuch an seinem Körper befanden. Am nächsten Tag haben wir dann den Stacheldraht vor dem Fenster heruntergetreten. Statt einer Pistole fanden wir jedoch eine Stichsäge mit pistolenähnlichem Griff.

Im Sommer 1945 bekam Franz Ebel, nebenberuflicher Grabpfleger, Aechterholzstraße, vom Lendringser Amt Bescheid, dass die Verstorbenen zum Zwecke der Identifizierung wieder ausgegraben werden sollten. Um dieses zu verhindern, so war zu hören, möge er sich mit mehreren Leuten zusammentun und die Gräber einebnen, so dass man die einzelnen Grabhügel nicht mehr erkennen kann. Daraufhin haben die Anlieger, der größte Teil Frauen und Kinder der Aechterholzstraße, mit Hacken, Schaufeln und Harken die Grabhügel eingeebnet, so dass die Lage der einzelnen Gräber nicht mehr erkennbar war.

Später wurden dennoch mehrere Tote ausgegraben und an ihren Heimatort überführt. Um die Grabstellen zu finden, wurde von einem Fixpunkt aus die Grabstelle eingemessen. Die Gebeine wurden dann vermessen, um zu prüfen, ob es der richtige Verstorbene war. Die sterblichen Überreste kamen dann zur Überführung in einen gelben Plastiksack.


Einige Zeit danach wurde auch die Totenbaracke aus dem Lager abgebaut. Sie diente fortan als Ziegenstall. Das große Fenster aus der Holzhütte hatte ich schon einige Tage vorher ausgebaut. An unserem Haus waren nämlich durch Artilleriebeschuss einige Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Mein Vater hatte sich aber nicht getraut, die große Fensterscheibe zu zerschneiden. Sie hat dann noch Jahre auf unserem Dachboden gestanden. Dieses Fenster habe ich später, als Mahnung und Verpflichtung, als Erinnerung an die schlimme Zeit, im Jahr 1995 dem Mendener Museum zur Aufbewahrung übergeben.

Schlussbetrachtung
Das Lager Biebertal wurde im Mai 1945 geräumt. Die Baracken wurden 1946/47 abgebaut. Vor dem Abbau wurden alle Ritzen an den Fenstern und Türen mit Dichtband abgeklebt und durch Einleiten von Gas in die Baracken das Ungeziefer abgetötet. Die Pfähle der Stacheldrahtumzäunung wurden von zwei Männern aus Lürbke abgebaut. Die Stacheldrahtreste und die Fundamente der Baracken wurden mit zwei Pferden vom Bauer Hempelmann, der in einem der Flaschenhäuser wohnte, in die Bieberböschung gezogen.


Flaschenhäuser (Nissenhütten, deren Dächer aus mehrlagigen, in Speis gesetzten Tonflaschen bestanden) wurden oberhalb des Biebertal-Lagers errichtet, von im Projekt "Schwalbe 1" tätigen Arbeitern aber nicht mehr bezogen. Sie wurden erst nach Kriegsende fertiggestellt.

Etwa 2/3 der östlichen Seite des ehemaligen Lagerplatzes wurden rekultiviert. In dem verbliebenen Drittel hatte sich eine Flüchtlingsfamilie aus dem Osten mit einem von zwei Pferden gezogenen Wohnwagen niedergelassen. Diese Familie verdiente sich den Lebensunterhalt mit der Herstellung von Weidenkörben. Sie hatten dazu eigens Plantagen mit Korbweiden gepflanzt. Die Familie ist nach einigen Jahren nach Kanada ausgewandert ("Old Joe").

Mitte der 1950er Jahre wurde auf dem Gelände von der Firma Bauerdieck & Kröger ein Betonsteinwerk errichtet. Dieses war dann der erste Industriebetrieb in unserem schönen Biebertal.


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