Quelle: Stadtarchiv Menden, Amt Menden, Mag.-Nr. 1616, o. Pag., hier: Schreiben des Kurt Klebig vom 09.05.1946 an Wwe. Anna Hahues.

Werner Hahues als "unbek. Flieger" beigesetzt
Von Tieffliegern erschossen - Er wollte Kleidung für die Lagerinsassen im Biebertal holen

Von Horst Hassel und Horst Klötzer

Er trug einen Fliegermantel, als er am Steuer seines Lkw von Tieffliegern angegriffen und durch deren Bordwaffen getötet wurde: Werner Hahues, gebürtig aus Berlin, Strafgefangener im Lager Biebertal. Drei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Lendringsen war Werner Hahues auf dem Weg nach Ergste, um Bekleidung für das Strafgefangenenlager zu holen. Kurz hinter Hennen traf ihn die MG-Garbe, die auch das Fahrzeug in Brand setzte. Seine Mitfahrer, darunter Wachtmeister Dix, konnten ihn noch aus dem Wagen ziehen. Auf dem Friedhof Hennen wurde er als "unbek. Flieger" beigesetzt.

Was an dieser Geschichte wahr ist, lässt sich heute nicht mehr belegen. Fakt ist, dass sich die Witwe Anna Hahues, die eine Fahrradhandlung und Reparaturwerkstatt in Berlin-Köpenick an der Kaulsdorfer Straße besaß, mit Schreiben vom 24.04.1946, also gut ein Jahr nachdem der Krieg in Lendringsen endete, beim Polizeiamt Lendringsen nach dem Verbleib ihres Sohnes erkundigte. Der war nach Kenntnis seiner Mutter als Kraftfahrer im Strafgefangenenlager Biebertal untergebracht. Der Amtsbürgermeister reichte das Schreiben - wie so viele vergleichbare Schreiben dieser Art - weiter an Kurt Klebig, den ehemaligen Lagerschreiber im Biebertal.

Kurt Klebig, damals in Menden in der Walramstraße 21 wohnhaft, konnte sich sehr gut einfühlen in die Situation der Mutter. Die erhoffte sich natürlich ein Lebenszeichen ihres Sohnes. Doch was schreibt man einer Witwe im zerbombten Berlin, wenn ihr vermutlich einziger Sohn nicht mehr unter den Lebenden weilt? Kurt Klebig fand, wie so oft, die passenden Worte:

"Ich war selbst Schreiber im Lager und habe Werner recht gut gekannt. Am liebsten käme ich selbst zu Ihnen, denn was ich Ihnen zu sagen habe, ist schriftlich so schwer. Aus Ihrem Brief ersehe ich, dass Sie wissen, dass Werner als Kraftfahrer eingesetzt war. Am 11.04.1945 fuhr er mit dem Lastwagen und drei Begleitern von Lendringsen nach Ergste, um Bekleidung zu holen. Wegen der großen Fliegergefahr habe ich ihn vor dieser Fahrt gewarnt, doch Werner wollte es hinter sich haben, da auch die alliierten Truppen immer näher rückten und einige Verkehrsstraßen bereits unter Artilleriefeuer lagen. Von dieser Fahrt ist Werner nicht mehr zurückgekehrt.

Auf der Rückfahrt von Ergste, kurz hinter dem Dorf Hennen, Kreis Iserlohn, wurde der Lkw überraschend von Tieffliegern angegriffen. Dabei wurde Werner durch Bordwaffenbeschuss am Steuerrad getötet und der Wagen in Brand geschossen. Die drei Begleiter konnten Werner noch aus dem Führerhaus bergen, so dass er nicht von den Flammen erfasst wurde. Die Begleiter waren: Wachtmeister Dix und die Kameraden Franz Schönanger aus Wien und Rudi Kliesing. Von diesen wurde die Gemeindeverwaltung in Hennen von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt und Ihr Sohn auf dem Friedhof in Hennen beigesetzt. Da er keine Papiere bei sich hatte, die Begleiter aber zurück ins Lager mussten, wurde Werner als unbekannter Flieger beerdigt, da er einen Fliegermantel, Mütze und Stiefelhose mit Jacke trug.

Es ist gewiss hart, was ich Ihnen schreiben muss, und Worte sind zu arm, um Ihnen einen Trost geben zu können, auch dann, wenn, wie bei Ihrem Sohn, der Tod bei treuester Pflichterfüllung eintrat. Ein Trost aber soll es Ihnen sein, wenn ich Ihnen wahrheitsgemäß schreibe, dass Werner kein schweres Lagerleben zu führen brauchte, sondern dass er wegen seiner steten Einsatzbereitschaft und Zuverlässigkeit ziemliche Freiheit besessen hat und dadurch vor der leiblichen Not des Lagers verschont blieb. Furchtbar ist, dass ihn das Schicksal so kurz vor seiner Befreiung erreichte. Am 14.04.1945 wurde nämlich das Lager von den amerikanischen Truppen freigegeben.

Ich hatte bislang leider nicht Ihre Anschrift, sonst hätte ich Ihnen schon eher Bescheid geben können. Gestatten Sie mir, liebe Frau Hahues, Ihnen die [An]Teilnahme aller Lagerkameraden Ihres Sohnes auszusprechen. Werner war allen ein guter und stets hilfsbereiter Freund, der treu zu seiner Pflicht stand und den wir alle achteten und nie vergessen werden.

Wenn Sie den ersten Schmerz überwunden haben und noch Näheres von Ihrem Sohn wissen wollen, wenden Sie sich an mich; ich will Ihnen gerne Auskunft und Rat geben, soweit es in meinem Können steht. Ihren tiefen Schmerz mitempfindend und achtend verbleibe ich grüßend Ihr sehr ergenener Kurt Klebig."

Auf der Suche nach dem Grab von Werner Hahues schreibt der Lendringser Amtsbürgermeister an seinen Kollegen in Ergste. Die Antwort vom 31. Mai 1946 lautet: "Der Flaksoldat Werner Hahues ist auf dem hiesigen Friedhof nicht beigesetzt worden. Eebenso wurde der Tod desselben bei dem hiesigen Standesamt nicht beurkundet."
Der Amtsbürgermeister am 01.08.1946 an Kurt Klebig: "Nach vorstehendem Schreiben ist die Beerdigung und Beurkundung des Hahues in Hennen nicht erfolgt. Haben Sie noch Verbindung mit den Begleitern Dix usw.? Anderenfalls wird wohl in der Sache nichts weiter unternommen werden können."


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