Grauenvolle Geschehnisse beim Sprengen der Stollengänge für die Untertageverlagerung "Schwalbe 1" - Zeitzeuge Sprengmeister Karl Hähnchen (97) erinnert sich
Mit dem Knüppel erschlagen
und auf die Halde geworfen

Von Horst Hassel und Horst Klötzer


Einer, der das grauenvolle Geschehen im Steinbruch Oberrödinghausen im Hönnetal beim Bau der Untertageverlagerung "Schwalbe 1" hautnah miterlebt hat, ist Karl Hähnchen. Der Bergmann arbeitete 1944 auf der Zeche Leopold/Baldur, wurde dann "von jetzt auf gleich" dienstverpflichtet zum "Sonderbauvorhaben Schwalbe 1" im Hönnetal. Sein Zechen-Betriebsleiter klärte ihn über die Hintergründe auf: "Die Partei hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich soll meinen besten Mann schicken. Es gehe schließlich um den Endsieg!"

Auf diese Weise kam der damals 32-jährige Karl Hähnchen über Nacht ins Sauerland, erlebte dort so schreckliche Dinge, dass er sie bis heute, nach 64 Jahren, immer noch nicht vergessen kann. Besonders quält ihn die Tatsache, dass die Totschläger und Mörder von damals nicht zur Rechenschaft gezogen wurden und auch nicht werden - sei es, weil niemand Interesse an einer Aufklärung hatte, oder weil die schriftlichen Unterlagen aus den Jahren 1944/45 von "Schwalbe 1" so perfekt verfälscht wurden.

Jedenfalls bekommt Karl Hähnchen im Oktober 1944 eine Fahrkarte ins sauerländische Lendringsen. Er muss sich von Frau und Kind verabschieden. Mitnehmen muss er seine Lebensmittelkarten und das, was man für einen längeren Arbeitseinsatz fern der Heimat benötigt. Was genau in "Schwalbe 1" auf ihn wartet, weiß Karl Hähnchen nicht. Er soll als Partiemann, als Spreng- und Schießmeister arbeiten - eine Tätigkeit, die ihm bis dahin weitgehend fremd ist. Er hat bis dahin lediglich auf der Zeche Leopold die Sprengmeisterarbeit miterlebt. Der Kontakt zur Außenwelt ist mit seiner Ankunft im Hönnetal abgeschnitten. Briefkontakt mit der Heimat ist nicht erlaubt. Lediglich einen Tipp bekommt er während der Zugfahrt nach Menden-Lendringsen von einem ortskundigen Sauerländer mit auf den Weg: "Fahren Sie bis zur Haltestelle Klusenstein, von dort sind es nur ein paar Meter zu Fuß zum Steinbruch!"

Sein neues Domizil ist ein Barackenlager unweit von Oberrödinghausen, nur fünf Minuten Fußmarsch von den Stollen entfernt. Hier stehen 15 Holzhütten, die mit jeweils 15 Personen belegt sind. Eine der Hütten ist mit nur 12 Personen belegt. Im Keller gibt es eine Dusche. Hier hört er einmal einen jungen Mann mit einer wunderschönen Stimme singen "Die Gedanken sind frei . . ." Als Hähnchen sich mit ihm bekannt macht, stellt sich heraus: Der junge Mann ist Festungssoldat. Als er seinen Gestellungsbefehl bekam, versteckte er sich zu Hause im Schrank. Dort fand man ihn aber, verhaftete ihn und verurteilte ihn zum Tode. "Das Todesurteil ist nur noch nicht vollstreckt worden, weil die Unterschrift des Generals fehlte", sagt der junge Mann.
Karl Hänchens Mitbewohner sind ebenfalls Bergleute, die aus allen Bergbaugebieten, zum Beispiel aus Aachen oder dem Saarland, stammen. Es sind auch zahlreiche Bergleute aus Gelsenkirchen und Umgebung darunter. Auch unter den KZ-Häftlingen sind Nachbarn aus Hervest und Holsterhausen. Im Hönnetal fallen Karl Hähnchen Flachwagen auf, auf denen riesige Isolatoren liegen. Das Wort "Atom" macht die Runde. Geplant ist aber tatsächlich die unterirdische Produktion von Flugbenzin.


Karl Hähnchens (Foto li.) Arbeitsplatz für die kommenden Monate ist "Stollen 9". An den erinnert sich der 97-Jährige noch sehr gut: "Als ich den Stollen sah, dachte ich: Wie lange haben die hier schon gearbeitet?" Für ihn sah es so aus, als sei mit dem Stollenvortrieb nicht erst im September 1944 begonnen worden. Etwa 20 Meter weit hatten Arbeiter den Gang schon ins Berginnere vorgetrieben. Die Felsüberdeckung über dem Stolleneingang schätzte Karl Hähnchen damals auf ca. 180 Meter. Um in den Steinbruch zu kommen, muss Karl Hähnchen an zwei Schilderhäuschen (Wachen) vorbei und seinen Ausweis vorzeigen, der ihn als als Mitarbeiter des "Sonderbauvorhaben Schwalbe 1" ausweist. Das Ausweisfoto haben SS-Angehörige gemacht, die alle Arbeiter auf "Schwalbe 1" fotografieren.

Der 32-Jährige bekommt zunächst eine Einweisung in die Arbeit als Spreng- und Schießmeister. Die fällt sehr kurz aus, denn ein Duo aus Vater und Sohn, die ihm ihr Wissen weitergeben, können dies nur am ersten Tag tun. Am nächsten Tag kommt der Sohn allein - sein Vater ist bei einer Sprengung im Schwalbe-Stollen ums Leben gekommen. Der Schnellkurs wird in den nächsten Tagen durch viel Praxis ergänzt. Karl Hähnchen ist Herr über eine Menge Sprengstoff. "Den hatte ich reichlich. Damit hätte ich einige Brücken sprengen können", erinnert sich Hähnchen.

Mit welch grausamen Methoden die Nazis damals Druck machen, damit in der Untertageverlagerung "Schwalbe 1" bald Flugbenzin aus Kohle hydriert werden kann, erlebt Karl Hähnchen von nun an fast täglich. Von der SS bewachte Strafgefangene, KZ-Häftlinge ("Die waren hier in einem Außenlager des KZ Buchenwald untergebracht."), Franzosen, Italiener, Polen, Zuchthäusler in ihren schwarz-braunen Arbeitsanzügen etc. sind dafür zuständig, freigesprengten Fels in die Loren zu laden, die dann von den Zwangsarbeitern ins Freie zu einem mit Kohle betriebenen Bagger geschoben werden. Zwei Riesenschaufeln des Baggers reichen aus, einen Eisenbahnwaggon mit den Kalksteinen zu füllen.

Betriebsführer Frigge trug den Knüppel ständig am Gürtel
Ein junger deutscher Ingenieur, vielleicht gerade einmal 22 Jahre alt, aber nur im Tiefbau und dort auch bislang nur theoretisch zu Hause, hatte in der gerade zu Ende gegangenen Schicht einen Fehler beim Abbau des Kalkgesteins gemacht. Als Karl Hähnchen hinzu kommt, liegt der junge Ingenieur am Boden, mit einem Knüppel erschlagen vom "Betriebsführer Frigge". Der trägt den Knüppel ständig am Gürtel und jeder weiß, dass er ihn gnadenlos einsetzt. Ein junger deutsche Unteroffizier in Uniform hat den Hergang mitbekommen und protestiert gegen das Vorgehen von Frigge. Dessen Reaktion: Er erschlägt auch noch den jungen Unteroffizier. Dann sucht er Zeugen für ein Protokoll: "Sie haben doch gesehen, dass die beiden hier durch Steinschlag ums Leben gekommen sind! Sie sind Zeuge, dass die Männer verunglückt sind!" suggeriert er den umstehenden Männern. Jeder weiß, dass die Weigerung, den falschen Hergang zu bestätigen, ebenfalls tödlich sein kann. Karl Hähnchen vermeidet es, sich Frigges Jähzorn zuzuziehen und gibt zu Protokoll, beide seien schon tot gewesen, als er hinzugekommen ist. Andere bezeugen den falschen Tathergang.

Vier Dolmetscher stehen Karl Hähnchen anfangs für die Kommunikation mit den Zwangsarbeitern, Strafgefangenen, Kriegsgefangenen und Zuchthäuslern aus halb Europa zur Verfügung. Im Dezember 1944 ist es lediglich noch ein junger Russe, der die Kommunikation mit den Zwangsarbeitern ermöglicht. "Ich mache tipp, tipp, tipp!" deutet der Dolmetscher, unterstützt durch entsprechende Handzeichen an, dass er fliehen möchte. Karl Hähnchen rät ab. "Du ist noch so jung, hast das Leben noch vor dir. Wenn du fliehst, werden sie dich aufgreifen und erschießen!" Der junge Russe nimmt den Ratschlag an, bleibt im Schwalbe-Lager. Leiter der technischen Schwalbe-Arbeiten insgesamt, das hat Karl Hähnchen in Erinnerung, ist ein Dr. Moitzheim, Bergwerksdirektor aus Bochum. Über den Fortgang der Arbeiten in Schwalbe informierte sich sogar ein Professor vom Reichsforschungsinstitut in Berlin. Der tauchte eines Tages mit einigen Studenten in "Schwalbe 1" auf.

Unsichere Zündschnur: Spätzündungen töten Zwangsarbeiter
Anfangs kann Karl Hähnchen beim "Schießen" noch auf sichere elektrische Zünder zurückgreifen, dann gibt es keinen Nachschub mehr. Jetzt muss die Sprengladung mit Zündschnur gezündet werden. Hierbei kommt es oft zu verspäteten Explosionen, das heißt, die Zwangsarbeiter glauben, in allen Bohrlöchern seien die Ladungen explodiert und machen sich durch den Gesteinsstaub hindurch auf den Weg "vor Ort". Dann explodiert plötzlich doch noch eine Spengladung und zahlreiche Zwangsarbeiter werden getötet oder verletzt. Um einigermaßen sicher zu gehen, schneidet Karl Hähnchen deshalb 1,80 Meter lange Zündschnüre ab, teilt davon noch einmal ca. 30 Zentimeter ab. Die 1,50 Meter Schnüre werden dann gezündet, sind sie abgebrannt, also die Ladungen explodiert, lässt Hähnchen anschließend erst noch die 30 Zentimeter-Schnur frei abbrennen, erst dann ist für ihn die Wahrscheinlichkeit groß, dass es nicht mehr zu "Spätzündungen" kommen kann.


Mitautor Horst Klötzer im Gespräch mit Schwalbe-Zeitzeuge Karl Hähnchen. Foto: Hassel

Einen Überblick über das Gesamtprojekt "Schwalbe 1" im Steinbruch "Emil 1" in Oberrödignhausen bekommt Karl Hähnchen nicht. Die Nazis betreiben strikte Geheimhaltung. Hähnchen erfährt nicht einmal, wo die Lager der Zwangsarbeiter, Strafgefangenen und Kriegsgefangenen liegen. Im Steinbruch selbst kennt er "seinen" Stollen Nr. 9 sowie die benachbarten Stollen 8 und 10. Für die Querverbindungen zu den Stollen 8 und 10 sowie für die Verladung ist Hähnchen als "Ortsältester" ebenfalls verantwortlich. Gleich für drei Stollen und das ganze Drumherum zuständig zu sein, sei viel zu viel Arbeit, meint die Führung nach einigen Wochen und entbindet ihn von der Verantwortung für einen der Querstollen. Gleich am nächsten Tag gibt es dort unter der neuen Führung beim Abbau einen Toten. Eine Bewetterung für die Stollen war nicht erforderlich. Heute im Stollen Nr. 9 lagernde Rohre stammen nicht aus der Zeit 1944/45, sondern sind später dorthin gebracht worden.

Einmal ist man im benachbarten Stollen 10 kurz vor einem Durchstich zum Verbindungsstollen, lediglich eine 2 Meter dicke Felswand steht noch im Stollen. Die will der dort zuständige Sprengmeister und leitende Dipl.-Ing. mit einer Sprengung beseitigen. Karl Hähnchen warnt vergebens, bittet dann darum, ihn wenigstens vor der Sprengung zu informieren, damit man sich in Sicherheit bringen kann. Dann bebt der ganze Berg. Im Stollen 10 ist alles zerstört, den im Stollengang stehenden Bagger hat es ins Freie geschleudert.

Zum Spätherbst und dann im Winter kommt es immer wieder zu Tieffliegrangriffen. Die gelten aber nicht dem Schwalbe-Projekt, von dem die Alliierten trotz Luftaufnahmen keine Ahnung haben, sondern der Eisenbahn, der Staatsbahntrasse Balve-Menden. Jedesmal ertönt die Luftschutzsirene oben auf dem Berg, wenn sich die Feindflieger nähern. Eines Tages erhält die Dampflok der Staatsbahn einen Treffer. Sie wird in den Steinbruch geschleppt und dort repariert. "Schwalbe 1" hat eine eigene Schmiede, in der die Bohrer und die Bohrkronen geschmiedet werden. Da "trocken", also ohne Kühlwasser, gebohrt wird, ist der Verschleiß entsprechend hoch.

In dem Zusammenhang erinnert sich Karl Hähnchen: "Ich hatte zwei 'Leibdiener', so nannte man das. Die waren sehr jung, sahen wie Schüler aus. Da ich die Jungs nicht für die schwere Arbeit brauchen konnte, wollte ich sie anderweitig einsetzen. Ich habe dann einen an die Bohrerschmiede abgegeben. Die lag neben dem Stollen 10. Der Schmied war ein ganz Ruhiger. Er kam aus dem Münsterland und sprach nur Platt. Eines Tages beobachtet Karl Hähnchen, wie eine lange Reihe Zwangsarbeiter im Gänsemarsch über das Gelände traben, auf der Schulter ein schweres, dickes 10kv-Stromkabel. Plötzlich kommt einer der Arbeiter aus dem Tritt, stolpert und fällt hin. Derart aus dem Rhythmus gebracht, verlieren auch die übrigen mehr als 100 Zwangsarbeiter das Gleichgewicht und fallen wie Domino-Steine der Reihe nach zu Boden.


Der Stollen Nr. 9 in den 1960er Jahren. Karl Hähnchen ist hier ab Oktober 1944 als Sprengmeister zwangsverpflichtet im Einsatz. Fotoquelle: Die Warte

Die schrecklichen Ereignisse reißen nicht ab. Ein großer Stein fällt plötzlich aus der Firste, rollt gegen einen KZ-Häftling, dem dadurch beide Schienen- und Wadenbeine gebrochen werden. Die Reaktion des Wachpersonals: "Schütten sie den alten Mann einfach mit auf den Gesteinsberg!" Es war gängige Praxis, dass Tote mit dem Gestein zusammen auf die Halde gekippt wurden. Ein halbverhungerter Ingenieur aus dem Saarland, ebenfalls Gefangener, und Karl Hähnchen legen stattdessen den Schwerverletzten auf eine Trage und schleppen ihn zum Lagerarzt, einem Italiener in Partei-Uniform. "Der hat dem Verletzten links und rechts ins Gesicht geschlagen. Seine Helferin, eine Russin, hat geweint. Der schwerverletzte Russe habe vor Schmerzen geschrieen. Als Karl Hähnchen später die Arzthelferin fragt, was der Landsmann da auf Russisch so laut geschrieen habe, ist Hähnchen von der Antwort schockiert: "Der 50 Jahre alte Mann hat nach seiner Mutter um Hilfe gerufen!"

Für Karl Hähnchen ist rückblickend eines sicher: In Schwalbe 1 sind mehr Menschen durch Totschlag und Mord als durch Arbeitsunfälle ums Leben gekommen. Viele dieser Morde wird man nicht aufklären können, weil die Mörder sich auf dem Papier ihre Unschuld bestätigen ließen. Mancher Ermordete wurde einfach zu den Kalksteinen in die Lore geworfen, viele andere sind in einem Massengrab abgekippt worden, glaubt Karl Hähnchen. "Die Wahrheit kommt nicht ans Tageslicht", befürchtet der 97-Jährige.

Strafe: In Eiseskälte splitternackt vor dem Stollen stehen
Auch diesen Vorfall kann Karl Hähnchen nicht vergessen: Es ist Winter im Sauerland. Es liegt Schnee und die Temperaturen haben schon lange tiefe Minusgrade erreicht. Als er zum Dienst auf die Nr. 9 zugeht, sieht er Vor "seinem" Stollen eine Menschenansammlung. Die Leute Sie sind alle in heller Aufregung. Als Hähnchen näher kommt, sieht er einen KZ-Häftling splitternackt und zitternd im Schnee stehen. Ein Kumpel hat eine Decke als Unterlage um ihn gewickelt. Offensichtlich wird hier gerade ein Exempel statuiert, eine Strafaktion zur Abschreckung abgewickelt. Hähnchen will helfen, dem Häftling ein Stück Brot geben, doch der macht mit Gesten deutlich, sein Kiefer ist zertrümmert, er kann so gar kein Brot essen. Der nackte Körper des Gefangenen ist mit Striemen übersät. Er wurde mit einer Drahtpeitsche geschlagen...

Wenn Häftlinge aus den Lagern in Sancoussi, Binolen, Oberrödinghausen oder Biebertal zu Fuß in den Steinbruch kommen, ist das für viele eine unmenschliche "Chance", dem Grauen zu entkommen. Vielfach werfen sich Zwangsarbeiter aus der Gruppe heraus vor ein vorbeifahrendes Auto. Sie wollen lieber sterben, als weiter unter diesen Bedingungen in Schwalbe 1 arbeiten. Die Wachmannschaften reagieren auf die Suizide: ab sofort müssen die zur Straßen hin marschierenden Zwangsarbeiter eine langes Brett tragen. Das soll eine kleine Barriere zur Fahrbahn hin sein.

Für die "Freien" Bergleute wie Karl Hähnchen, hat der Arbeitstag anfangs 10 Stunden, im Dezember 1944 geht man zu drei Schichten a' 8 Stunden über. Der 8-Stunden-Tag gilt natürlich nur für die "Freien", die von morgens 6 bis mittags 14 Uhr arbeiten. Anschließend geht es zum Essen in die Kantine, wobei man die Lebensmittelkarten vorlegen muss. Es gibt Schwerarbeiter-Zulage. Abends steht auch manchmal eine Kanne voll Magermilch pro Hütte auf dem Tisch. - Die Zwangsarbeiter schuften den ganzen Tag ohne Pause oder Essen, erst am Abend gibt es eine Suppe. Zum Beispiel Graupensuppe. Dabei weiden sich die Wachmannschaften geradezu am Leid der Zwangsarbeiter. Der große Topf mit der Graupensuppe wird vor der Essenausgabe nicht umgerührt. Also liegen die Graupen auf dem Grund des Kessels, oben gibt es nur Wasser. So holt sich jeder Gefangene, der irgendwo eine Blechbüchse gefunden und mit einem Band an seinem Hosenbund befestigt hatte, darin seine "Suppe". Natürlich will jeder Zwangsarbeiter etwas Suppe "von unten", also mit Graupen, haben. Wer das fordert, bekommt etwas von unten, doch den gefüllten Becher schlägt man ihm gleich darauf wieder aus der Hand...

Wanzen fielen aus der Decke direkt auf den Tisch"
Wenn die "freien" Bergleute Lebensmittel einkaufen wollten, gingen sie in einen normalen Lebensmittelladen außerhalb des Steinbruchs. Wie zu der Zeit überall im Reichsgebiet gab es zwar Lebensmittelmarken für alles Mögliche, das bedeutete aber nicht, dass diese Lebensmittel auch vorrätig waren. Nachdem der Lebensmittelladen einen Volltreffer bekommen hatte, wurde das Geschäft dann in die Schule verlegt. Seine Freizeit verbringt Karl Hähnchen oft mit dem Bergmann Heinrich Harding. Man spielt Karten oder Schach, wandert auch ab und an durch die landschaftlich reizvolle Gegend, z. B. in Richtung Asbeck. Im Freien bleibt man auch von den Wanzen in der Baracke verschont. Die fallen schon mal direkt von der Decke auf den Tisch. "Die haben wir dann mit den Spielkarten plattgekloppt!" so Karl Hähnchen.

Die Beleuchtung im Stollen erfolgt elektrisch. Als Karl Hähnchen eines Tages mit der Prüflampe die elektrischen Zünder auf richtige Verdrahtung prüft, stellte er fest: der ganze Berg steht unter Strom! "Ein tschechischer Diplom-Ingenieur, ebenfalls Strafgefangener, so ein Rothaariger, war zu diesem Zeitpunkt mein Gehilfe. Er sorgte dafür, dass der Stollen 'von vagabundierenden Strömen befreit' wurde, wie es hinterher hieß. Der Tscheche hatte, wohl auf Grund seines fachlichen Könnens, viele Freiheiten, durfte mit einem Sonderausweis mich sogar in meiner 'Hütte Nr. 15' besuchen." Sabotage-Aktionen, das weiß Karl Hähnchen noch genau, hat es in der Zeit von Seiten der gequälten und geschundenen Zwangsarbeiter keine gegeben.

Ein anderer Kumpel, Heinrich Harding, prophezeite mit Blick auf die Arbeitsbedingungen im Stollen: "Wir gehen hier alle kaputt an Steinstaublunge!" Auch einen SA-Mann namens Richard Hoffmann lernte Karl Hähnchen kennen: "Der war in Ordnung. Besuchte mich sogar in meiner Hütte!" Um den völlig unterernährten Zwangsarbeitern und Häftlingen zu helfen, stopfen sich Karl Hähnchen und der SA-Mann Richard Hoffmann eines Tages die Taschen mit Kartoffeln voll. Die wurden dann verbotener Weise an die Arbeiter im Stollen verteilt. "Wie schnell die plötzlich Feuer gemacht und die Kartoffeln gekocht haben!" staunte Hähnchen. Da man die Aktion im Nachbarstollen mitbekommen hatte, musste man nach dort ein paar Kartoffeln abgeben.

Eines Tages tut sich im Stollen Nr. 9 in der Firste ein natürlicher Spalt, ein regelrechtes Loch auf, durch das immer wieder kleinere und dickere Gesteinsbrocken herunterknallen. Weil den Führungskräften der Gang durch den Stollen wegen dieses Steinschlags jetzt zu gefährlich wird, bekommt Karl Hähnchen den Auftrag, dieses Loch in der Firste zu schließen: "Sie müssen den Kamin schließen!" lautet der Befehl. Karl Hähnchen protestiert und weist auf die Gefahr hin - wer immer unter dem Kamin steht, kann jeden Moment erschlagen werden.


Auch nach 64 Jahren noch gut zu erkennen: 9 Bohrlöcher im Abstand von 55 Zentimeter waren notwendig, um den Kamin in der Firste zu verschließen.

"Sie müssen den Kamin dicht machen, dicht machen lassen!" gibt die Stollenführung die Lösung vor. Karl Hähnchen lässt durch die OT-Mitarbeiter (OT = Organsation Todt) ein Holzgerüst aufbauen. Dann klettert er selbst in den Kamin und nimmt Messungen für die Lage der Bohrlöcher vor. Zwei Russen sollen die Löcher in die Firste bohren - 9 Löcher im Abstand von 55 Zentimeter. Die Zwangsarbeiter wissen um die Gefahr, knien vor dem Holzgerüst nieder, beten, steigen dann in die Höhe und beginnen rund um die Öffnung zu bohren. Zum Auffangen von herabfallenden Steinen hat Karl Hähnchen "Buschen", mehrere Bunde Haselnusszweige, auf Bretter befestigt und sie unter dem Kamin verankert. Mit Brettern, Schienen und Laschen dichtet Karl Hähnchen das Loch in der Firste ab.

Weihnachten 1944: Mit Brotresten für die Bescherung gesorgt
Es ist Weihnachten 1944. Die Bergleute bekommen "von der Partei aus" zwei Tage frei, können zu ihren Angehörigen. Karl Hähnchen bekommt keinen Urlaub, stattdessen einen Sonderauftrag. "Zwei hoch drei, also ca. 8 Kubikmeter Steine sollte ich über Weihnachten rausschießen. Ich packe die Brotreste, die die 'Freien' vor ihrer Abreise in unserer Hütte liegen gelassen haben, in eine Geschosskiste. Wie soll ich die unbemerkt in den Stollen bringen? Hoffentlich schneit es, denke ich - und es schneit tatsächlich und ich schleppe die Brotkiste über das Gelände. Da hält mich plötzlich ein Posten an. 'Das ist doch der Sprengmeister von Stollen 9!' sagt sein Kollege und er lässt mich durch. So komme ich als 'Weihnachtsmann' unbemerkt mit meiner Brotkiste in den Stollen 9 und kann mit den Brotresten für eine Bescherung sorgen." Im Stollen 9 hatten die Zwangsarbeiter plötzlich blitzschnell überall kleine Tannenbäumchen aufgestellt und es wurde "Stille Nacht, Heilige Nacht" und "Oh du Fröhliche" gesungen.

Weil es durch die Hilfe aller mit dem Sprengen dann schneller als erwartet klappt, kann Karl Hähnchen doch noch Heiligabend zu Hause feiern. Für das Weihnachtsfest hat er sogar noch einen Baum aus dem Sauerland mitgebracht. Am 1. Weihnachtstag ist Sohn Horst, damals 8 Jahre alt, regelrecht schockiert, als er seinen Vater tränenüberströmt mit seiner Mutter auf der Treppe zum Schlafzimmer sitzen sieht. Männer weinen doch nicht, weiß der kleine Horst und fragt nach, was passiert ist. "Das können wir dir nicht erzählen - später vielleicht einmal", sagt die Mutter. Sie hat von ihrem Mann kurz zuvor erfahren, welche grausamen, unmenschlichen Erfahrungen ihr Karl in der Untertageverlagerung "Schwalbe 1" machen musste.

Ein Karl Dederich aus Aachen sitzt Mitte März 1945 mit Karl Hähnchen im Stollen und berichtet: "Die Amerikaner sind in Remagen über die nicht zerstörte Brücke!" Sein Entschluss steht daraufhin fest: Mit zwei Kollegen werde ich mir einig: Es wird ab sofort nicht mehr gesprengt, wir hauen morgen ab! Als "Fluchtfahrzeuge" haben wir drei Fahrräder ergattert, allerdings ist an meinem Drahtesel die Kette defekt. In Lendringsen bitte ich in einem Fahrradgeschäft eine Frau um eine Ersatzkette, gebe zu, dass ich keinen Bezugsschein und kein Geld dafür habe. Sie schenkt mir die Kette und wir trampeln gen Ruhrpott.

Hinter Menden kommen wir, es ist inzwischen dunkel geworden, auf die Autobahn und haben eine Heidenspaß daran, mit dem Fahrrad über die leere Autobahn zu radeln. Einige Autobahnbrücken sind gesprengt. Über eine Brücke sind wir gerade drüber gefahren, sind schon 200 Meter weiter, da fliegt sie in die Luft und der Gesteinsregen verfehlt uns nur knapp. Am anderen Morgen bin ich zurück in meiner Heimatstadt, das nach dem letzten Luftangriff immer noch brannte. Auf dem Küchentisch zu Hause liegt eine halbe Schnitte mit Rübenkraut. Meine Familie, die sich am Tag zuvor samt Ziege gen Tecklenburg aufgemacht hatte, finde ich dann am nächsten Tag per Zufall rund 20 km weiter bei einem Bekannten in Reken wieder...

Wiedererkannt: "Ach, der kleine Meister!"
Karl Hähnchen hat einen Fotoapparat, den er bei seinem Aufbruch im März 1945 im Lager zurücklässt. Als er Wochen später, Ende Mai, der Krieg ist längst aus, mit einem Kohlenzug nach Menden/Lendringsen fährt, und den Fotoapparat und seine persönlichen Sachen abholen will, ist der Apparat verschwunden. Immerhin trifft Hähnchen bei diesem Besuch einige der Zwangsarbeiter wieder, darunter seine beiden jungen "Leibdiener", die ihn mit "Ach, der kleine Meister!" begrüßen und ihm einige der Lebensmittel schenken, die sie bei der von den Amerikanern erlaubten Plünderung eingesammelt haben. Karl erfährt jetzt auch, dass einige der Zwangsarbeiter nach der Befreiung durch die Amerikaner besonders brutale Wachleute totgeschlagen haben.

Karl Hähnchen hat seine Erlebnisse im Hönnetal sogar in einen Liedvers festgehalten. Er sagt noch zu diesem Lied, ein Markscheider aus dem Ruhrgebiet (Essen, Gelsenkirchen oder Gladbeck), der auf Heimaturlaub war, hat seine Frau und seine Tochter zu einem Besuch mit ins Lager gebracht. Außerdem habe er noch sein Akkordeon mitgebracht, um das Lied, das Karl Hähnchen gedichtet hat, mit seinem Akkordeon zu begleiten. Dieses Lied wurde dann im ganzen Lager gesungen:

Hönnetal–Lied oder
das Schwalbenlied!

Einst musst ich fort zum Hönnetal,
mir gar nicht recht zumute war.
Es ist ein Graus in diesem Haus,
mit Kaps und Rüben geht’s nie aus.
Kaum das der helle Tag anbricht,
kommt so ein Kerl ruft „Morgenschicht“.
Ihr müsst jetzt raus im Dauerlauf,
Die Schwalbe nimmt Euch alle auf.
Und wenn ich dann zur Arbeit muss,
dann denk ich schon mit Überdruss,
der Bohrer muss rein im festen Stein,
ach, könnte es nicht leichter sein.
Und müsst ich einst begraben sein,
dann bitte nicht in Stollen Neun.
Tragt mich hinweg von diesem Fleck,
begrabet mich am Kluseneck.

Kluseneck: Burg Klusenstein
(Verfasser: Karl Hähnchen)


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