Quelle: Stadtarchiv Menden, Amt Menden, Magazin-Nr. 1607

Stollen sprengen und Leitungen verlegen

Beim Bau der Untertageverlagerung Schwalbe 1 (Eisenkies) sind unzählige Firmen beteiligt gewesen. Sie sorgten ihrerseits für die Zwangsverpflichtung von Fachkräften wie Steiger, Schachtmeister, Lokführer, Ingenieure etc. Diese waren in Barackenlagern wie in Oberrödinghausen untergebracht, sehr oft auch privat bei Lendringser Bürgern einquartiert. Dabei gab es unterschiedliche Klassifizierungen der Unterkünfte. Für kaufmännnische Angestellte wurden Quartiere I. Klasse gesucht, für Vorarbeiter oder Steiger reichte die Unterkunft II. Klasse. Mangels ausreichender Unterkünfte wurden sogar "Wohnwagen" (später sagte man "Bauwagen") im oberen Biebertal aufgestellt.

Neben der Gelsenkirchener Bergwerks AG waren die Firmen Köthenbürger, Leipacher, Linnenbrügger, Linnartz & Schwarz, Magdeburger Rohrleitungsbau, Mülheimer Straßenbau, HochTief, BBC (Baracke am Alten Hammer), der Ruhrverband und viele andere beteiligt. Die Unternehmen selbst waren für die An- und Abmeldung ihrer Mitarbeiter beim Einwohnermeldeamt in Lendringsen verantwortlich. Die ersten Mitarbeiter wurden im September 1944 gemeldet, der Abzug der letzten Firmen-Mitarbeiter aus dem Hönnetal erfolgte weitgehend im Sommer 1945.

Neben den zwangsverpflichteten Facharbeitern aus dem Bergbau (überwiegend aus dem Saargebiet) für den Stollenbau wurden aber auch Ingenieure, Gießereifachleute, Maurer, Elektriker und viele andere mehr für den Bau der Wasserleitung von der Ruhr zu den Schwalbe-Stollen, für Gleisbauarbeiten etc. benötigt.


Mit deutscher Gründlichkeit wurde das Geilenberg-Projekt "Schwalbe I" zu Grabe getragen: Direktor Moll als Liquidator des "Bauvorhaben Schwalbe i. L." (in Liquidation) ist im Dezember 1945 auf der Suche nach Vermögenswerten der OT Oberbauleitung Schwalbe.

Per Funkspruch, vom Amt Menden vermittelt (J. A. gez. Dr. Pfälzer) und am 09.04.1945 abgegeben durch den Beigeordneten Becker als Stellv. Bürgermeister, wurde der Hinweis an die Bürgermeister und Amtsbürgermeister im Kreis gegeben, dass in den Gemeinden jetzt Wehrmachts-Ortskommandanturen eingerichtet werden, denen "angeforderte Quartiere nach Möglichkeit zu stellen sind."
07.04.1945: Ortskommandant in Oberrödinghausen ist Havers, wohnhaft in Menden, beschäftigt bei RWK
Ortskommandant in Lendringsen und Hüingsen ist Wilhelm Deimen, Weberstr. 23.
Ortskommandant in Lürbke und Bremke ist Heinrich Gross, Lürbke 142.
Laut Belegungsmeldung des Amtes Menden vom 20.11.1944 gab es Sammel-Quartiere u. a. in der Schule Hierlstraße, der Turnhalle Lendringsen, in den Wirtschaften Bürmann und Hünnies sowie im RAD-Lager Lendringsen. In Privatquartieren waren untergebracht 271 Personen.

Die am Bau der UT-Verlagerung beteiligten Firmen

Bergbau AG

Brown Boverie Cie (BBC)

Burmester

G. Deilmann Bergbau GmbH

Demag

Deutsche Bau-Aktiengesellschaft

Gelsenkirchener Bergwerks AG

Hoch Tief AG

Köthenbürger

Bruno Leipacher

Linnartz und Schwarz

Otto Menzel

Linnenbruegger

Magdeburger Rohrleitungsbau

Möllendres

Mühlheimer Straßenbau AG

Oevermann

OT Oberbauleitung

Preussag

Rabitz

Rhein.-Westf.-Kalkwerke

Julius Schmitt GmbH

Spindeldreier

Warmann

"Verzeichnis der von Angehörigen des Bauvorhabens Geilenberg belegten Quartiere"


Das Gemeindequartieramt Lendringsen, Amt Menden, war für die Bewilligung der Quartierscheine für alle privat untergebrachten Firmenmitarbeiter zuständig. Anfang Oktober 1944, als die Arbeiten an "Schwalbe 1" gerade begonnen hatten, hielt sich noch nicht jeder an die Regeln.

Wer für die jeweiligen Unternehmen zuständig bzw. verantwortlich war, ergibt sich, zumindest zum Teil, aus einer Aufstellung aus dem Stadtarchiv Menden (Mag.-Nr. 1573 o. Pag.):
Oberbauleitung Oberrödinghausen: Leiter: Herr Heinrich, Adj. Steinbacher, Herr Berneker, Dr. v. Erffa; Vertreter: Herr Einsel (maßgebend für Quartiersfragen); Büro: Rhein.-Westf.-Kalkwerke, Tel. Menden 2045.
Bauleitung Menden: Baurat Dürsch, Vertreter: Dipl. Nertz, Tel. Menden 2283 u. 2744
Preussag AG: Obering. Stephani, Dr. Büttner; Büro: Möllenbrink, Fernspr. Menden 2419 (später Baracke Gemeindebauhof)
Hoch Tief AG: Herr Quante
Deutsche Bau AG: Herr Dickmann, Herr Middelhoff, Herr Wentzler
Strafgefangenenlager (Büro: Sportplatz Walzweg) Leiter: Amtmann Vockowicz, Inspektor Konopatzky, Sekretär Rahn.
Abteilung Vermessung Herr Kowall, Büro: Hötzel, Am Grinsberg 9
Abtlg. Wasserversorgung (Ruhrverband) Assessor König
Oevermann, Münster, Herr Merkele
Köthenbürger
Schmitz bei Hünnies
Henning + Witte Leiter: Boenen (oder Coenen)


Die Militärbehörden - gemeint sind wohl die Besatzungstruppen - haben sich nach Kriegsende in den Beständen der Rheinischen Westfälischen Kalkwerke (RWK) bedient. 364 Tonnen Koks und 2.502 Flaschen Wein - die Flasche zu 4,03 RM - wurden requiriert. Auch entgangene Mieteinnahmen werden geltend gemacht. Wesentlich länger ist die Liste der geplünderten Gegenstände. Alles in allem macht RWK einen Gesamtschaden in Höhe von 261.982,29 Reichsmark geltend. Quelle: StA Menden, Amt Menden, Mag.-Nr. 1745

Die Liste der von Direktor F. Glass unterzeichneten RWK-Berechnung der Plünderungsschäden bei RWK umfasst Werkzeuge und Geräte, Mobilien-Utensilien, Inventar aus Baracken, 1 Motorrad, 1 Anhänger für Pkw, 2 Fahrräder, Wertminderung für Schäden an den Baracken Nr. 8 und 9, 2 Baracken und 1 Wachlokal des früheren Kriegsgefangenen-Lagers (25.000 RM), Baustoffe, ff. Material, Elektro-Material, Walzeisen, Allg. Materialien, Gästehaus-Vorräte, Maschinen-Ersatzteile, Fahrradständer, Schaden an Türen und Fenster und Wascheinrichtung des Aufenthaltsraumes im Steinbruch, Fische und Fischbrut, Kantinen- und Konsumvorräte, 13 kleine Motore, 1 elektr. Motor (Siemens-Schuckert 1 PS), 1 elektr. Motor (Steinhoff) Nr. 2972, 1 elektrische Handbohrmaschine (Küchler & Stelzer).

Den Schluss der Schadensliste unter Punkt c umfasst "Auf dem Wege vom Absender an uns gingen verloren": 1 Waggon = 18 t Fettnusskohlen II von der Gelsenkirchener Bergwerks AG (Zeche Arenberg) von der Firma Menck & Hambrock Hamburg-Altona, 1 Stangenführung f. Bagger von der Firma Lindemann Hamburg, Kräutertee, 10 Mischschare von der Firma Maschinenfabrik Eirich in Hardheim/Nordbaden lt. Rechnungn v. 06.10.1945.

Bestände im Lager Hellmann gehen an "Schwalbe 1 i. L."
Alles Material, das nach Kriegsende von Beständen der Wehrmacht, der OT-Lager oder von RAD-Gütern noch vorhanden war, musste abgegeben werden. Wurden solche Bestände verkauft, war der Erlös dem Regierungspräsidenten zu überweisen (Verfügung vom 17.04.1946). Mit Schreiben des Landkreises Iserlohn vom 17.08.1946 (StA Menden, Mag.-Nr.1770 o. Pag.) an den Amtsbürgermeister in Menden, wies der Landkreis auf Restbestände an Maschinen, Motore pp. im Lager Hellmann in Lendringsen hin:

"Mit der Bezugsverfügung hatte ich mitgeteilt, dass die aus ehemaligem OT-Gut stammenden Materialien im Lager Hellmann, Lendringsen, auf Anordnung des Regierungspräsidenten sicherzustellen seien. Der Liquidator des Bauvorhaben 'Schwalbe 1', Direktor Moll, hat vom Regierungspräsidenten jetzt Anweisung erhalten, über das Material zu verfügen."

Gesetz Nr. 52 - alle NS-Konten sind gesperrt
Mit Schreiben vom 8. April 1948 (StA Menden, Mag.-Nr.1770) wies der Regierungspräsident in Arnsberg darauf hin, dass der Militär-Regierung 917 "stetig anwachsendes Beweismaterial für Übertretungen des Gesetzes Nr. 52 durch Beamte der Lokalverwaltungen" vorliegt. Mit dem Gesetz Nr. 52 regelte die britische Militärregierung in ihrer Zone die Sperre und Beaufsichtigung von Vermögen. Alle Konten des Reiches, der Gebietskörperschaften, der Gemeinden und besonders der NSDAP, wurden gesperrt. Auch den ehemaligen Funktionären der Partei und ihren Organisationen und ihren Angehörigen wurde das Verfügungsrecht über ihre Konten entzogen. Die Kreditinstitute mussten sich vergewissern, ob ihre Kunden zu den betroffenen Personenkreisen gehörten.

Ohne Ansehen der Person werde, so der Regierungspräsident, vor ein Militärgericht gestellt, wer gegen den Paragraphen 52 verstößt. Dann beklagt er noch, dass die Listen mit vorhandenem ehemaligem OT-, RAD- oder Wehrmachtsgut, die von den Kommunen in der Vergangenheit übersandt wurden, Materialien enthalten sind, "die, wie bei einer Nachprüfung an Ort und Stelle festgestellt wurde, gar nicht mehr vorhanden sind."


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